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Hessen: Beschäftigte der katholischen Kirche erhalten viel Zuspruch nach Coming-out

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Von: Andrea Rost, Steven Micksch

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Der Franziskanerbruder Norbert Lammers arbeitet im Exerzitienhaus in Hofheim. Er ist froh über den mutigen Fernsehbeitrag.
Der Franziskanerbruder Norbert Lammers arbeitet im Exerzitienhaus in Hofheim. Er ist froh über den mutigen Fernsehbeitrag. © Rolf Oeser

125 Beschäftigte der katholischen Kirche haben sich im Fernsehen geoutet. Auch Menschen aus Hessen sind darunter.

Dutzende E-Mails hat Bruder Norbert Lammers nach der Ausstrahlung der ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ am Montagabend erhalten, Nachrichten über Whatsapp und Facebook und viele Telefonanrufe. Als „überwältigend und durchwegs positiv“ beschreibt der Franziskaner, der im Exerzitienhaus in Hofheim am Taunus arbeitet, die Reaktionen auf sein öffentliches Bekenntnis zum Schwulsein. Offenbar hätten er und die anderen über 100 Gläubigen im Dienste der katholischen Kirche, die sich in dem Film als nicht-heterosexuell outeten, den Nerv der Zeit getroffen. „Ich bin begeistert, froh und dankbar, dass wir uns sichtbar und hörbar machen konnten.“

Schon als Jugendlicher habe er gemerkt, dass er sich zu Männern hingezogen fühle, erzählt der gebürtige Emsländer. 1984 trat er in den Franziskanerorden ein. Seit 2010 arbeitet er als Exerzitien- und geistlicher Begleiter in Hofheim und ist einer von zwei Priesterseelsorgern im Bistum Limburg. Seine sexuelle Orientierung habe er stets verschwiegen und sich damit ins Abseits drängen lassen, berichtet Bruder Norbert. „Ich hatte Angst, dass ich falsch bin, und das sollte keiner wissen.“

Vor einem Jahr hielt er das Versteckspiel nicht mehr aus. In einem Gottesdienst in Eppstein-Niederjosbach outetet er sich als schwul. Nach der Predigt sei er mit zittrigen Knien zu seinem Priesterstuhl gegangen, erinnert sich der 59-Jährige. „Ich dachte, der Erdboden tut sich auf und ich versinke.“ Doch die Reaktion der Gemeinde war ganz anders, als er erwartet hatte. „Die Leute sind aufgestanden und haben applaudiert. Das hat mich aus den Socken gehauen.“

Eine riesige Last sei damals von ihm gefallen. „Öffentlich auszusprechen, dass ich schwul bin, war richtig und notwendig. Ich habe auf diese Weise zu mir selbst gefunden.“ Als er kurz darauf gefragt wurde, ob er bei der Aktion #OutInChurch mitmachen wolle, habe er sofort zugesagt. Ein Jahr lang traf sich die Gruppe in virtuellen Meetings, plante das größte kollektive Coming-out in der katholischen Kirche, das es bisher in Deutschland gab. „Wir haben ein Thema aufgegriffen, das in der Luft liegt“, ist Bruder Norbert überzeugt. Die Dreharbeiten zu der Fernsehdokumentation hat er als sehr einfühlsam erlebt. „Jeder, der seine Geschichte erzählt, steht für sich und gleichzeitig für alle, die das nicht können, weil sie vielleicht zu Recht Befürchtungen haben.“

Er selbst hat sich früher Sorgen gemacht, seinen Job wegen seiner sexuellen Orientierung zu verlieren, sagt der Franziskanerpriester. Nachdem er so viele Solidaritätsbekundungen und Zuspruch bekommen habe, sei diese Angst aber verflogen. „Oder ich gehe anders damit um.“

Die Sendung:

Die Dokumentation mit den Ergebnissen der Investigativrecherche im Auftrag von rbb, SWR und NDR ist in der ARD-Mediathek zu finden. Entweder unter dem Namen „Wie Gott uns schuf“ oder per Link: www.bit.ly/kirche-doku

Die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche hat auf ihrer Internetseite eine Orientierungshilfe zum kirchlichen Arbeitsrecht veröffentlicht. Diese enthält praktische Hinweise und Informationen zum Verständnis der „Grundordnung des kirchlichen Dienstes im Rahmen kirchlicher Arbeitsverhältnisse“ und gibt Hinweise, wie queere Menschen und katholische Kirche zusammenkommen können.

Das Dokument gibt es unter www.bit.ly/huk-arbeitsrecht im Internet. (mic)

Auch der ehemalige Ordenspriester Stefan Diefenbach aus Frankfurt ist Teil der Investigativrecherche der öffentlich-rechtlichen Sender. Diefenbach berichtet in der Dokumentation über sein Coming-out während einer Sitzung des Leitungsgremiums seines Ordens – und wie er anschließend gebeten wurde, den Raum zu verlassen. Es kam zum Bruch.

Im Gespräch mit der FR spricht er von einem „schweren Knick“. Er betont, dass er durchaus unterscheiden könne zwischen der Kirche an sich und den jeweiligen Gremien darin. „Mit der Kirche habe ich nicht gebrochen.“ Er sei immer noch in der Kirche, „wegen der 124 anderen, die sich geoutet haben“. Der Glaube sei wichtig und viele Werte, die gelebt werden, gut. „Aber die Struktur muss sich ändern.“

Es habe eine riesige Welle an Reaktionen auf den Fernsehbeitrag gegeben. „Damit habe ich nicht gerechnet.“ In positiven Rückmeldungen wurde ihm versichert, wie berührend der Film sei. Es werde sicher auch andere Reaktionen geben. Ob auch gegen ihn persönlich, wisse er nicht. Für sachlich-kritische Nachfragen sei Diefenbach offen. Aber: „Hass ist keine Meinung.“

Der ehemalige Ordenspriester hofft nun, dass das große Outing keine arbeitsrechtlichen Folgen für die Beteiligten haben wird. Er selbst stehe eher in der zweiten Reihe, weil er nur ehrenamtlich tätig ist. „Wenn sich jetzt vielleicht sogar etwas am Arbeitsrecht ändert, dann hätte sich der Film schon gelohnt.“

Seit mehr als einem Jahr liefen die Planungen für den Beitrag. Er sei, so Diefenbach, auch inspiriert von dem Outing der 185 Schauspielerinnen und Schauspieler im Februar 2021. Diefenbach war von Anfang an dabei. Er wolle für eine bessere Zukunft arbeiten. Dabei habe es schon Überwindung gebraucht, den Schritt zu wagen. „Man kann es nicht rückgängig machen.“ Schlussendlich sei der Schritt der richtige gewesen.

Frankfurts Stadtdekan Johannes zu Eltz möchte sich auf FR-Nachfrage nicht zur Doku äußern, weil er sie (noch) nicht gesehen hat. Der katholische Pfarrer hat sich in der Vergangenheit jedoch schon öfters zum Thema Homosexualität und Kirche geäußert. Etwa 2018, als er bei einer Diskussionsveranstaltung über die „Ehe für alle“ erneut forderte, dass seine Kirche Segnungen homosexueller Paare zulassen solle. Bloß weil die katholische Kirche die Bezeichnung „Ehe“ nur für ungleichgeschlechtliche Paare vorsieht, bedeute dies nicht, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen des Teufels oder böse seien. Dieser Umkehrschluss sei nicht biblisch.

Bei diesem Thema sei das Gebaren der katholischen Kirche „anachronistisch und unmenschlich“, sagte Johannes zu Eltz im Jahr 2021. Der Stadtdekan eröffnete in einem Gespräch mit dem „Journal Frankfurt“, dass er selbst einen langen Weg von den erzkonservativen Grundsätzen seiner frühen Jahre bis zum jetzigen Standpunkt hatte. „Mich hat vor allem die Begegnung mit homosexuellen Männern in Frankfurt, die zugleich überzeugte Katholiken sind, bekehrt. Diese Kontakte haben mich wirklich verändert und von meinen herzlosen Vorurteilen kuriert“, so Eltz 2021 im „Journal“.

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