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Hat in den nächsten Tagen viel zu feiern: Karl Oertl.

Karl Oertl

Herzlich wie eh und je

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Karl Oertl, die Stimme der Frankfurter Fastnacht, wird am Montag 80 Jahre alt. Zur FR hat er ein besonderes Verhältnis.

Gut sieht er aus. Karl Oertl strahlt übers ganze Gesicht. Wie man es seit Jahrzehnten von ihm, der Stimme der Frankfurter Fastnacht, kennt. Sein Händedruck ist fest, und wäre da nicht die Krücke in seiner Hand, könnte man sein Auftreten fast dynamisch nennen. Aber derzeit braucht er eben die Gehhilfe, und er ist nicht zu eitel, sie immer dabei zu haben.

Am Montag wird Oertl 80 Jahre alt. Natürlich gibt es ein großes ..., ach was, es gibt mehrere große Feste. Mit den Verwandten. Mit den Nachbarn in Altenstadt in der Wetterau, denen sich Oertl bei seinem Einzug in die neue Wohnung vor ein paar Jahren mit einem freundlichen „Gude, ich bin der Karl“ und einem Christstollen vorgestellt hat und zu denen er jetzt ein Verhältnis pflegt, als lebe er schon seit 50 Jahren im Ort. Und natürlich am Samstag kommender Woche mit seinen Freunden.

150 Menschen hat er eingeladen, und das sind nur die engsten Freunde. Geplant ist ein kleines Programm. Corinna Kuhn, Fastnachtern noch bekannt als Corinna Orth, wird es moderieren, und das freut Oertl besonders. Er war es, der „die Corinna“ zu einer der bekanntesten Karnevalistinnen in Hessen gemacht hat. Sie durchlief Oertls Rednerschule, wie so viele, aber „die Corinna“, die war etwas Besonderes, die hatte das größte Talent von allen, wie er erzählt.

Oertl, der selbst Hunderte Büttenreden gehalten hat, der die jährliche Erstürmung des Römers durch die Narren wiederbelebt hat, der Fastnachtsumzüge für das Fernsehen moderiert hat, in Dutzenden Vereinen Mitglied ist und sich in noch mehr einfach so eingebracht hat, Oertl könnte noch lange über die anstehenden Partys reden. Doch die Feiern werden keine unbeschwerten sein.

Vor wenigen Wochen erlitt Karl Oertl einen schweren Schicksalsschlag. Im Alter von 51 Jahren starb sein Sohn Rainer. Er kam mit dem Down-Syndrom auf die Welt; die Ärzte gaben ihm damals, Mitte der 60er Jahre, eine Lebenserwartung von zwölf Jahren. „Aber die meisten behinderten Kinder“, sagt Oertl mit erstaunlich fester Stimme, „sterben nicht an ihrer Krankheit, sondern an fehlender Liebe.“ Und daran hat es Oertls Sohn gewiss nie gemangelt. Karl Oertl und seine Frau kümmerten sich hingebungsvoll um ihn, und als Rainer dann als junger Mann in eine Behinderteneinrichtung zog, hat Oertl das gemacht, was er am besten kann: Er hat sich eingebracht, hat sich engagiert, hat Feste und Ausflüge für seinen Sohn und dessen Mitbewohner organisiert.

Auf einige Ärzte ist Oertl wütend. Ob bei der Behandlung seines Sohnes in der Zeit vor seinem Tod tatsächlich etwas schiefgelaufen ist, lässt sich für Außenstehende nicht beurteilen. Gleichzeitig erzählt er rührende Geschichten von Krankenschwestern, die sich bis zuletzt mit sehr hohem Einsatz um Rainer gekümmert haben. „Der Junge hatte ein gutes Leben, ein erfülltes Leben“, sagt Karl Oertl. Und dann möchte er das Thema wechseln.

Wie es der Frankfurter Rundschau geht, will der Jubilar wissen, denn sein Verhältnis zur Zeitung war immer ein sehr besonderes. Und so wartet Oertl die Antwort nicht ab, sondern spricht selbst über die vielen Veranstaltungen, die er für die FR-Altenhilfe und die Schlappekicker-Aktion für in Not geratene Sportler organisiert hat. Er erzählt von den Weihnachtsfeiern, bei denen arme ältere Menschen für drei Stunden ihrem Alltag entfliehen konnten. Er erzählt von Franz Beckenbauer, den er auch schon auf der Bühne hatte, von Harald Stenger, dem berühmten Fußball-Reporter, der 2000 von der FR zum DFB wechselte. Von Arnd Festerling, dem Chefredakteur der vergangenen Jahre, mit dem er so viele Veranstaltungen gemeinsam betreut hat. Und vom vorweihnachtlichen Geldsammeln für die Altenhilfe auf der Zeil. Schön waren sie, die Zeiten, daran lässt Oertl keinen Zweifel aufkommen. Aber sie sind eben auch vorbei.

Ob er das Rampenlicht vermisse? Nein, sagt er, er wolle nicht mehr auf die Bühne. Obwohl kürzlich, in kleinerem Rahmen, da hat es ihn doch nochmal gepackt, und er hat bei einem Verein in der Wetterau eine Büttenrede gehalten. Natürlich hat der Saal gejohlt. Und auch wenn er seine Rednerschule aufgegeben hat: Selbstverständlich gibt er engagierten Fastnachtern weiterhin Tipps. Etwa: „Wenn zwei sich auf der Bühne unterhalten, muss nicht immer einer mit dem Rücken zum Publikum stehen.“ Oertl erzählt das wie ein Grundschullehrer, der den Zweitklässlern das Einmaleins beibringt. Nicht genervt, aber auch nicht unbedingt in einem Ton, der zu Diskussionen über die gerade gehörte Regel anregt.

Doch die ganz große Show ist für Karl Oertl vorbei. Das weiß er, und damit kommt er klar. „Ich wollte nie mit Gehhilfe auf eine Bühne gehen“, sagt er. Dann schaut er seine Krücke an und lacht. Herzlich wie eh und je.

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