Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Redet fast so schnell, wie er Haken schlagen kann: Charly Schultz vor seiner Boxbude "Fight Club" auf der Dippemess.
+
Redet fast so schnell, wie er Haken schlagen kann: Charly Schultz vor seiner Boxbude "Fight Club" auf der Dippemess.

Dippemess Frankfurt

Das Herz des Kirmesboxens

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
    schließen

Die Boxbude von Charly Schultz ist derzeit auf der Frankfurter Dippemess – die eigentliche Show ist der Betreiber.

Zu gewissen Themen hat Charly Schultz schon alles gesagt, was er zu sagen hat. Etwa, warum er seine Profi-Boxkarriere aufgegeben hat. Mittelhandknochenbruch. „Ich hatte zu kleine Fäuste für meine Schlagkraft“, sagt Schultz und schlägt mit rechts eine Serie atemberaubend schneller Lufthaken. Nichts an Schultz wirkt klein. Aber er ist schnell. Er hat schnelle Fäuste. Er redet schnell. Er kommt schnell zur Sache. Er hat eine Pressemappe dabei. „Da steht alles drin.“

Drin steht in etwa das: Charly Schultz, geboren 1947 in Saarbrücken. Schaustellerkind mütterlicherseits, Vater aus dem gutbürgerlichen Milieu. Anfang der 50er Jahre zogen die Eltern mit einer Abnormitätenshow durchs Land und präsentierten aus heutiger Sicht Fragwürdiges wie „Karabas, der Viehmensch“ und „Elektra, die Dame, die eine Neonröhre zum Leuchten bringt“. Anschließend Bierzeltbetreiber. Charly Schultz besucht das Internat und macht auf Wunsch des Vaters eine gutbürgerliche Kürschner-Lehre. Er boxt. Mehr als 80 Amateurkämpfe. Mehrfacher Saarlandmeister, Südwestdeutscher Meister, Internationaler Luxemburger Meister. 1976 Profiboxer. Klettert auf Platz drei der deutschen Rangliste. Kämpft im Vorprogramm von Ali. 14 Profikämpfe. Nie K.o. gegangen. Hand kaputt, Faust zu klein. 1985 eröffnet Schultz seine erste Boxbude. Noch Fragen?

Nun ja, vielleicht die, was so ein Kirmesboxer denn so in der Woche verdienen könne. Komme drauf an, sagt Schultz. Könne viel sein. Oder auch nicht. Je nachdem. Ob es hin und wieder angeheuerte Lockvögel gäbe, die als Eisbrecher für weitere potenzielle Herausforderer dienten. „Ich will nicht lügen“, sagt Schultz und lügt nicht. Kirmesboxen – Karriereende oder Kaderschmiede? Aber hallo, sagt Schultz, er arbeite vor Ort stets mit handverlesenen Boxern der Region, viele am Beginn einer großen Karriere, sein Zelt sei nicht selten umlagert von Talent-Scouts. Neulich hat allerdings auch mal René Weller für ihn geboxt, 2012 auf der Düsseldorfer Kirmes, das war dann eher nach Karriereende. Aber das war eine einmalige Marketingaktion.

Ringarzt? Mache er selbst? Oft? Das, sagt Charly Schultz, sei jetzt aber eine blöde Frage, man trüge ja Spezialhandschuhe, da passiere nix, vielleicht hin und wieder mal Nasenbluten, seine Boxer würden ja auch den Gang rausnehmen, wenn sie merkten, dass sie dem Gegner überlegen seien, man wolle ja „keinen zertrümmern“, das habe er schon tausendmal gesagt, das sei doch eine Gaudi. Krankenversicherung? Die Frage, sagt Schultz, sei ja noch doofer. Wo man denn glaube, in welchem Land man hier sei? Ob man das wirklich wisse? Ob man glaube, dass man da, wo man sei, das Geschäft betreiben könne, welches er betreibe, wenn nicht alle seine Boxer ordnungsgemäß angemeldet und versichert wären? Ob die Verantwortlichen der Stadt Frankfurt wohl noch alle Tassen im Schrank hätten? Ob man selbst mal boxen wolle? Ob man überhaupt wisse, welche deutschen Boxer gegen Ali gekämpft hätten?“

Wenn Bruce Banner wütend wird und sich in den Unglaublichen Hulk verwandelt, wird er grün. Charly Schultz wird rot. Die Zauberworte, vorgetragen in Demut und richtiger Reihenfolge („In Deutschland. Ja. Nein. Weiß nicht. Niemals. Karl Mildenberger.“) stoppen den Prozess. „Und Jürgen Blim“, sagt der karmesinrote Hulk. „Und Jürgen Blim, natürlich.“ „1971 in Zürich. Sieben Runden. Großer Kampf!“, sagt der rosarote Hulk. „Jawohl, großer Kampf, unvergessen. Jürgen Blim.“ „Das sind aber auch so Fragen“, sagt der nur noch leicht errötete Charly Schultz. Ob man noch weitere habe? Och nö. Ali sei der Größte gewesen, sagt ein sehr entspannter Charly Schultz. Ali habe ihm 1979 in der Umkleide drei gute Tipps gegeben. „Hände höher, Schnurrbart ab, Haare ab.“ Habe er gemacht.

Charly Schultz ist, wenn er nicht vor seiner Boxbude steht, keine Quasselmaschine. Charly Schultz ist ein Boxmagier. Er lässt sich nicht gerne in die Karten gucken. Er will sein Geschäft preisen, nicht erklären. Schon 2013 hat ein Reporter der „Welt“ versucht, Schultz’ Deckung zu knacken. Er scheiterte. Keine Prämie. „Er kennt diese ewigen Fragen, wie es hinter den Kulissen aussieht. Er beantwortet sie freundlich, aber er mag sie nicht besonders. Über Zahlen spricht er sowieso nicht. Am Ende des Gesprächs nimmt er einen mit seiner riesigen Boxerpranke am Arm und sagt ganz ernst: „Nehmen Sie den Leuten nicht ihre Illusionen.“

Mag sein, dass seine Boxbude ein Schatzkästchen an Geschichten ist. „Jeden Abend träumt Wladimir mit brummendem Schädel von der Taiga. Seit drei Jahren tingelt der ehemalige Sibirische Juniorenmeister im Fliegengewicht als Kirmesboxer über die Jahrmärkte.

Seine Nase ist mehrfach gebrochen, sein Wille ist es nicht. „Noch zwei Jahre, dann habe ich das Geld für Nataschas Operation zusammen“, sagt er und hofft, anschließend sein Studium der Meeresbiologie an der Petersburger Universität wieder aufnehmen zu können …“ Vielleicht würde die Geschichte Charly Schultz sogar gefallen. Vielleicht würde Wladimir eine ganz andere Geschichte erzählen.

Mit einer Truppe von sechs Mann sei er in die Frankfurter Frühjahrs-Dippemess gestartet, sagt Schultz. Vier davon seien noch übrig. Einer habe sich verletzt. Einer habe zu viel Prämien gekostet. Die Regeln im „Fight Club“ sind klar. Schickt einer der Herausforderer aus dem Publikum einen von Schultz’ Boxern auf die Bretter, gewinnt er eine Prämie, ab 50 Euro aufwärts. Passiert das zu oft, ist das schmerzhaft fürs Geschäft. Falls einer die komplette Truppe vermöbeln sollte, gibt es 2000 Euro Prämie. Sei aber erst einmal vorgekommen, sagt Schultz, und da habe er auch nicht mitgeboxt.

Das ist die Realität, und Charly Schultz verkauft Illusionen. Nach guter alter Väter Sitte. Abends steht er vor dem Zelt, seine Stimme, die immer heisergebrüllt wirkt, weil sie es wohl auch ist, wirkt wie ein akustischer Magnet, schlägt nicht nur testosteronschwangere Haudraufs, sondern auch die Freunde der gepflegten Jahrmarktschreierei in den Bann.

Schultz lockt, schmeichelt, provoziert, scheut weder Kalauer noch Zote. Verwandelt sich in eine Kirmes-Chimäre: Das Herz eines Boxers, die Seele eines Schaustellers, das Maul eines Fischverkäufers. Ein Golem, geschaffen, um die Kirmesbesucher wieder den Respekt vor der uralten Gilde der Schausteller zu lehren. Wer drinnen boxt, ist fast schon egal. Schultz selbst ist Show genug.

Warum man glaube, dass er hier auf der Frankfurter Dippemess sei und nicht sein Konkurrent? Schultz gibt die Antwort selbst. „Weil ich der Beste bin!“ Ali hat das auch über sich gesagt. Und genau wie Ali hat Schultz völlig recht.

Noch dieses Wochenende kann man sich auf der Dippemess davon überzeugen. Schultz’ Bude ist offen für alle. Für die, die sich gerne Schlagen. Und die, die gern dabei zusehen. Für Freunde der Kirmeskultur. Für Verehrer der Marktschreierei. Und für alle, die wollen, dass Natascha wieder gesund und Wladimir Meeresbiologe wird. Das ist natürlich nur eine Illusion. Aber die besten Illusionen gibt es nun mal beim Fachverkäufer.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare