Erfahrungsbericht

Wie Herr Z. einmal ohne Corona die 116 117 in Frankfurt anrief

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Werden Sie jetzt bloß nicht krank - schon gar nicht am Wochenende. Ein Fall aus der Metropole Frankfurt.

Manche Leute besitzen die Frechheit, jetzt, in der Corona-Krise, eine andere Krankheit zu bekommen. Am Wochenende. Eine, die nicht Corona heißt. Und diese Leute wollen trotzdem einen Arzt sprechen. Tipp von uns: Lassen Sie’s. Da liegt kein Segen drauf.

Frankfurt, Samstag, 8.30 Uhr. Herr Z. (Name der Redaktion bekannt – und nun auch den meisten Hausärzten der Umgebung) wäscht sich vor dem Brötchenholen. Der Blick in den Spiegel fällt auf seinen Bauch. Dort: rote Pusteln. Auf dem Rücken: dito. Drumherum: Brennen, Stechen, Juckreiz. „Das ist doch ...“, sagt sich Herr Z., „eine Gürtelrose!“

Damit ist nicht zu spaßen. So was muss behandelt werden. Herr Z. greift zum Telefonhörer (hier die ersten Lacher einspielen).

Notfallambulanz eines großen Krankenhauses. Nach Herrn Z.s viertem Versuch nimmt jemand den Hörer ab und vermittelt weiter zu einer Ärztin. Die sagt: „Da sind Sie hier falsch. Sie müssen beim ärztlichen Bereitschaftsdienst anrufen.“ Ob sie eine Telefonnummer für ihn habe, fragt Herr Z. Die Ärztin, belustigt: „Aber ja, das ist doch die 116 117.“

„In dem Moment war mir klar Das wird eng mit einem Gesprächspartner noch vor Weihnachten“, sagt Herr Z. Und sein Gespür trügt ihn nicht.

Wählen, wählen, wählen

Den ganzen Samstag und den halben Sonntag wählt Herr Z. die elfsechselfsieben. Besonders einfallsreich findet er, dass die erste Stimme dort sagt: „Wir helfen ihnen, wenn sie krank sind“ und dann später: „Dies kann derzeit länger dauern.“ Dazwischen liegen zahlreiche Informationen darüber, wo man sich über über das Coronavirus informieren kann, was man tun und vor allem, was man lassen soll, wenn man denkt, mit dem Coronavirus infiziert zu sein. Drei Mal pro Anruf wird Herr Z. weitergeleitet zu einer weiteren automatischen Telefonstimme, bis die letzte ihm sagt, dass eh kein Gesprächspartner frei sei und er auflegen solle.

„Warum sagen sie das nicht am Anfang?“, ärgert sich Herr Z. „Dann müsste ich mir nicht jedes Mal fünf Minuten lang denselben Sermon anhören. Ich kann’s schon auswendig rückwärts singen, im Drei- und im Viervierteltakt!“ Andererseits: „Das wäre auch seltsam, wenn ich anrufe, und die sagen: sofort auflegen.“

Am besten, findet Herr Z., wäre es, man könnte irgendwo anrufen, wenn man krank sei, und jemand hülfe. „Unverschämt, ich weiß.“ Am Sonntag lässt er das Telefon erschöpft sinken. Am Montag ruft er gleich morgens seinen Hausarzt an. Der sei krank, erfährt Herr Z. Also ruft er den nächstgelegenen Allgemeinmediziner an und bittet, er möge nur kurz einen Blick auf die Bescherung werfen und die nötigen Medikamente verschreiben. „Er wird sich das sicher nicht ansehen“, sagt die Sprechstundenhilfe kühl, „wir lassen nämlich wegen des Coronavirus’ überhaupt niemanden in die Praxis.“

Luxuswohnungen statt Krankenhäuser

Nun war Herr Z. lange Zeit ein Fan unseres Gesundheitssystems, besonders wenn man es mit unterentwickelten Ländern wie den Vereinigten Staaten von Amerika vergleicht. Dass aber Krankenhausbetten knapp werden und Arztpraxen niemanden mehr hereinlassen, „wenn mal was ist“, wie sich Herr Z. ausdrückt, das hat ihn ins Grübeln gebracht. Ob am Ende vielleicht doch die Gesundheit im Vordergrund stehen sollte und nicht ihre Finanzierbarkeit? Er kenne Leute, sagt Herr Z., die hätten darauf schon vor Jahren hingewiesen. Dann seien weitere Krankenhäuser abgerissen und stattdessen Luxuswohnungen gebaut worden.

Am Montagvormittag hat Herr Z. einen Termin bei seinem Dermatologen bekommen. Der konnte ihm helfen. Herr Z. hätte fast geweint vor Dankbarkeit. Wenn die nächste Pandemie ausbricht, hat er sich fest vorgenommen, nur noch die richtige Krankheit zu kriegen. Möglichst werktags.

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