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Kennt jedes Fahrgeschäft bei Frankfurter Volksfesten: Kurt Stroscher in der Geisterbahn.

Porträt der Woche

Der Herr der Veranstaltungen

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Wenn in der Stadt gefeiert wird, hat fast immer Kurt Stroscher die Planung dafür übernommen.

Kurt Stroscher muss nach Birmingham. Dort ist eine Baustelle geplant, und eine schlecht geplante Baustelle, das weiß Stroscher aus Erfahrung, kann eine ganze Veranstaltung kaputtmachen. Deshalb muss er jetzt das machen, was er immer macht: planen, seine Pläne vorlegen, diskutieren, überzeugen, Kompromisse eingehen, neu planen. Am Ende, da ist sich Kurt Stroscher sicher, wird das schon klappen mit dem Frankfurter Weihnachtsmarkt in Birmingham. Hat bisher doch immer geklappt. Trotz mancher Widrigkeiten wie Baustellen und einer Massenpanik im Jahr 2009. Wobei der Begriff Massenpanik, den die Frankfurter Medien 2009 verwendeten, im Nachhinein vielleicht etwas überzogen war. Schließlich gab es nur Leichtverletzte, und der Betrieb auf dem Markt ging ganz normal weiter. Aber 2009, ein Jahr vor der Loveparade-Katastrophe in Duisburg, war die Wortwahl noch eine andere.

Einen Text über Kurt Stroscher mit dem Frankfurter Weihnachtsmarkt in Birmingham zu beginnen, das ist, als würde man zum Einstieg in ein Porträt über Eintracht-Star Ante Rebic über dessen beide Tore im DFB-Pokalfinale gegen die Bayern schreiben. Man kann das machen, allerdings: Viel besser wird es danach nicht. Dass Birmingham sich seit 1997 von der Stadt Frankfurt den Weihnachtsmarkt organisieren lässt, ist ein Ritterschlag für Stroscher, den Veranstaltungsleiter der städtischen Tourismus- und Congress GmbH. Man stelle sich nur einmal vor, die Stadt Frankfurt ließe das Museumsuferfest von – sagen wir – der Partnerstadt Lyon organisieren. Aber Stroscher, ein bescheidener Mensch, winkt ab: Der Vergleich hinke, in Großbritannien habe es 1997 keine Tradition für Weihnachtsmärkte gegeben, insofern sei es nur logisch gewesen, dass man die Frankfurter mit der Organisation beauftragt habe.

Weihnachtsmarkt, Frühjahrsdippemess, Wäldchestag, Opernplatzfest, Museumsuferfest, Mainfest, Herbst-Dippemess, dann wieder Weihnachtsmarkt ... Seit mehr als 30 Jahren organisiert Kurt Stroscher für die Stadt Veranstaltungen. In seinem tiptop aufgeräumten Büro in der Kaiserstraße finden sich einige Erinnerungen. Die Motivtassen des Weihnachtsmarkts, ein Werbeplakat für die Dippemess in den 90er Jahren. Stroscher könnte sich jetzt zurücklehnen und in positiven Erinnerungen schwelgen. Aber dafür ist er nicht der Typ. Lieber erzählt er, dass manche Tassen gar nicht so gut ankamen und das Plakat den Schaustellern auf dem Jahrmarkt überhaupt nicht gefallen hat.

Der 61-Jährige ist nicht unbedingt jemand, der die Harmonie sucht, er findet Diskussionen oder Streit durchaus anregend. Mal muss er das Geschimpfe der Betreiber von Fahrgeschäften auf der Dippemess aushalten, weil die nicht zufrieden sind mit dem etwas heruntergewirtschafteten Platz am Ratsweg. Mal führt er mit den Leuten vom Rheingauer Weinmarkt am Opernplatz Gespräche über die Rahmenbedingungen für die Veranstaltung.

Die Karriere des Kurt Stroscher ist in gewisser Weise typisch für eine Laufbahn bei der Stadt Frankfurt. Als er 1982 in die Verwaltung kam, sprach nichts dafür, dass er eines Tages ein gefragter Veranstaltungsmanager sein würde. Es sprach aber auch nichts dagegen. Es kam einfach so, und es passte.

Angefangen hatte Stroscher in der Verwaltung der Volkshochschule in Höchst, „und das war eine tolle Zeit“. Das Bildungsmilieu habe ihm gefallen; viele Kurse belegte er einfach selbst, um zu sehen, was er da eigentlich verwaltete. Nach einem Jahr ging er zum Verkehrsamt, dort war eine Stelle frei, die zu passen schien, sie war anständig dotiert. Und fortan kümmerte sich Stroscher um die Organisation von Veranstaltungen. Die Aufgabe war damals bei der Behörde angesiedelt. 1995 wurde dafür die Tourismus- und Congress GmbH gegründet, und Stroscher machte seinen Job weiter. Mit neuen Visitenkarten.

Dieser Tage plant Stroscher den Wäldchestag. Natürlich nicht das aktuell laufende Programm im Stadtwald, sondern das im kommenden Jahr. Genau genommen ist er damit eigentlich auch schon fertig, er sagt nur: „Während einer Veranstaltung muss man immer nochmal schauen, was man im kommenden Jahr besser machen kann.“ Das sind die Abläufe, die er sich angewöhnt hat in den vergangenen Jahrzehnten.

Als Stroscher Anfang der 80er Jahre von seiner Heimat Trier nach Frankfurt kam, fing er erst einmal als Verwaltungsfachkraft im Gericht an. An seinem ersten Wäldchestag „schleppten mich die Kollegen mittags in den Wald“. Stroscher war begeistert. Die ganze Stadt schien sich dort zu treffen. So ziemlich alle Geschäfte hatten spätestens um 13 Uhr geschlossen. Diese Zeiten sind längst vorbei. Die Filialen der internationalen Ketten, die den Einzelhandel in der Innenstadt prägen, interessieren sich zumeist wenig für den Frankfurter Nationalfeiertag.

Wäldchestag: Der Festplatz im Stadtwald ist am heutigen Dienstag von 12 Uhr bis Mitternacht geöffnet. Danach endet das viertägige Fest. Es gibt 142 Stände sowie fünf Bühnen.

Die Veranstalter raten dringend zur Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Zum Oberforsthaus fahren die Straßenbahnlinien 20 und 21 sowie die Buslinie 61. geo

Doch Stroscher will nicht lamentieren. Die Besucherzahlen von etwa 250 000 sind in Ordnung, also kann er weitermachen mit der Planung.

Es klopft an der Bürotür, der Chef schaut herein: Thomas Feda, Geschäftsführer der Tourismus- und Congress GmbH, lässt Stroscher bei den Veranstaltungen in der Regel freie Hand. Den Journalisten will er zumindest kurz begrüßen. Ein kurzer, freundlicher Plausch über Zeitungsberichte in den vergangenen Jahren. 2007, Feda war erst ganz kurz im Amt, kommentierte die FR sehr bissig einen Unfall auf dem Museumsuferfest. Heute kann Feda darüber lachen. Journalistenschelte ist ohnehin nicht sein Ding.

Feda geht wieder in sein Büro. Kurt Stroscher zuckt leicht die Schultern. Jeden Tag liest er die Lokalteile der Frankfurter Tageszeitungen, viele Texte kamen ihm in den vergangenen Jahrzehnten ungerecht oder zumindest komisch vor. Beschwert hat er sich nie. Kritik, bisweilen gar Spott oder Häme, gehören für ihn zu seinem Job, „damit muss man klarkommen“.

Bei dem Unfall 2007 ging es um eine Rakete, deren Goldregen in die Augen von 33 Besuchern gelangt war. Heutzutage sind es andere Gefahren, mit denen sich Kurt Stroscher beschäftigt. Seit der Loveparade-Katastrophe in Duisburg habe sich bei der Planung von Veranstaltungen viel verändert, sagt er. Die Möglichkeit einer Panik, einer echten Panik, nicht einer Schubserei wie einst in Birmingham, spiele immer eine Rolle.

Die Loveparade hätte nach dem Wegzug aus Berlin übrigens auch nach Frankfurt kommen können. Doch Stroscher winkte seinerzeit ab: Denn es gebe kein geeignetes Gelände für so viele Menschen. Die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) folgte seinem Ratschlag.

Spätestens mit dem Anschlag in Nizza vor drei Jahren, als ein Mann mit einem Lastwagen durch die Menge fuhr und 86 Menschen tötete, stellte sich dann die Frage nach Schutz vor Terror bei Veranstaltungen. Die Tourismus- und Congress GmbH beschaffte tonnenschwere Betonquader und stellte sie etwa am Mainufer auf, um bei den dortigen Festen eine Tat wie in Nizza zu verhindern. Zudem gab es intensive Gespräche mit der Polizei. Über den Weihnachtsmarkt patrouillieren mittlerweile Beamte mit Maschinenpistolen.

Stroscher hält diese Maßnahme für sinnvoll. Er sagt aber ganz offen: „Hundertprozentige Sicherheit wird es einfach nicht geben.“ Immer wieder wird etwa überlegt, beim Weihnachtsmarkt den Römer und bei der Dippemess den Ratsweg einzuzäunen und die Taschen der Besucher zu kontrollieren. Stroscher ist dagegen. Die Stimmung werde darunter enorm leiden, „und dann wirft einer eine Tasche mit Waffen halt über den Zaun“.

Bei einem Volksfest, das weiß Stroscher, gebe es immer auch Gefahren, „aber wir dürfen uns die Freiheit, diese Feste zu feiern, nicht nehmen lassen“.

Ob er das auch noch sagen werde, sollte es tatsächlich einmal zu einem Anschlag kommen? „Ja“, sagt Stroscher, „aber ich weiß, dass mich dann viele Leute fragen werden, ob die Tat nicht zu verhindern gewesen wäre.“

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