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María García tanzt die Hauptrolle der Lola in dem gleichnamigen Flamencostück. Zugleich hat sie die Geschichte geschrieben und die Choreographie erarbeitet.

English Theatre in Frankfurt

Das Gefühl des Fremdseins

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Die Flamencotänzerin María García entwickelt das Stück "Lola" und verarbeitet darin auch ihre ganz eigene Geschichte: die von der Überwindung des Fremdseins. "Lola" ist im English Theatre in Frankfurt zu sehen.

Es begann in einem Zug. Auf der Fahrt nach Leipzig hält der plötzlich auf offener Strecke. „Warum auch immer“, sagt María García. Das Handy hat keinen Empfang, das Buch ist zu Ende gelesen. Also packt García einen Stift und ein kleines Notizbüchlein aus und ein Flamenco-Tanztheaterstück beginnt nur so aus der Frankfurter Tanzlehrerin herauszusprudeln.

„Mit dem Zug kommt Lola im Frankfurt der 60er-Jahre an. Sie ist geflohen vor der Franco-Diktatur, Armut und Perspektivlosigkeit in Spanien. Sie hofft darauf, hier ihr Leben selbst in die Hand nehmen zu können und Geld zu verdienen – für ihre bei den Großeltern zurückgelassenen Kinder. Doch was sie zunächst erfährt sind Ablehnung und Kälte“, fasst García die Geschichte zusammen. „Die Liebe zu Musik, leidenschaftlicher Tanz, Poesie und Freundschaft verleihen ihr Zuversicht. Ihr Weg nimmt eine unvorhergesehene Wendung und entwickelt sich zu einem Feuerwerk aus Lebensfreude und Optimismus.“

Kaum ist die Geschichte „Lola“ fertig zu Papier gebracht, fährt der Zug weiter, als wäre nichts gewesen. Für García ein Zeichen. „Schon als kleines Mädchen wusste ich, dass ich Tänzerin werden und auf einer großen Bühne stehen wollte“, sagt sie. Wie so oft, hieß es erstmal „Mach was Gescheites“. García wurde Lehrerin. Vor acht Jahren erfüllte sie sich dann ihren ersten Traum: Sie hängte den Beruf an den Nagel, eröffnete eine Flamenco-Schule in Bornheim und lebt seitdem vom Tanzen.

Mit „Lola“ erfüllt sie sich den zweiten Traum: Sie wird als Tänzerin mit einem großen Ensemble auf der Bühne des English Theatre stehen, danach geht es auf Tournee. Und sie wird zur Künstlerin, denn nicht nur die Geschichte, auch die Choreographie und Regie stammen von ihr.

„Vor dieser Zugfahrt war ich eine Weile wie gelähmt, hatte plötzlich keine Freude mehr am Tanzen. Und das obwohl ich gerade ein ganzes Jahr zum Flamenco-Seminar in Sevilla war. Ich hätte danach, wieder zurück in Frankfurt, mit vollem Elan durchstarten können – doch mir hat der Antrieb gefehlt“, sagt sie. „Heute weiß ich, dass es die Angst vor dem nächsten Schritt war.“

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe / Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, / Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern / In andre, neue Bindungen zu geben, heißt es in dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse. Die wohl bekannteste Zeile daraus: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Dass dieses Gedicht ein zentraler Teil der Inszenierung ist, dürfte wohl kaum verwundern.

Erzählt García über sich und ihr Leben, merkt man schnell, dass die Geschichte von Lola Parallelen zu ihrer eigenen hat. Garcías Opa und ihr damals 17-jähriger Vater fuhren als sogenannte Gastarbeiter von Spanien aus mit dem Zug nach Krefeld. Den Großvater packte das Heimweh, nach drei Monaten fuhr er wieder zurück. Der Vater aber blieb in Deutschland, heiratete acht Jahre später eine Spanierin und gründete in Egelsbach seine eigene Familie.

„Für uns Immigrantenkinder ist das Gefühl vom Fremdsein ein ständiger Begleiter“, sagt García. „Egal ob in Spanien oder in Deutschland – ich habe mich lange Zeit als die immer Fremde gefühlt“, sagt García. „Heute erkenne ich beide Seiten in mir. Ich bin eine Fusion und das ist schön.“

Die „Fusion“ schlägt sich auch im Stück nieder: Die sechs Musiker beschränken sich nicht nur auf traditionellen Flamenco und auch die sechs Tänzer greifen moderne Bewegungselemente auf.

Der Zug nach Deutschland – der des Großvater, des Vaters, und der von Lola – wird zum Kernelement des Bühnenbilds. „Das ist ebenfalls eine glückliche Fügung: Noch bevor wir es gesehen hatten, war klar, dass wir das Bühnenbild von ‚Cabaret‘ übernehmen müssen, weil wir nur den spielfreien Tag im English Theatre nutzen“, sagt García. „Als ich dann endlich einen Blick drauf werfen konnte, war ich vollkommen überwältigt.“ Im Zentrum steht ein historischer Zug.

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