Viel zu gucken: Die alten Programmhefte des Schauspielhauses und des Theaters am Turm zeigen damalige Stücke – wie die „Publikumsbeschimpfung“ von 1966. Bild: Christoph Boeckheler

Ausstellung in Frankfurt

Als der Henninger Turm in Frankfurt rotierte

  • schließen

Eine Ausstellung über die bewegten 60er Jahre ist ab sofort im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte zu sehen. Darin geht es um die Eintracht, Jimi Hendrix aber auch die Proteste der 68er.

SPD-Kanzlerkandidat Willy Brandt stößt mit Bauarbeitern am Eschenheimer Tor mit einer Flasche Bier an. 1965 war das, lange bevor ein anderer sozialdemokratischer Kanzler den Gerstensaft bei einer Autogrammstunde forderte. Die Stimmung bei Brandt und den Frankfurtern ist gut, schlussendlich reichte es für den Sozialdemokraten aber erst 1969 zur Kanzlerschaft. Es sind diese und zahlreiche andere meist schwarz-weiße Fotografien, die den Zeitgeist der 60er Jahre in der Mainmetropole widerspiegeln und erlebbar machen. Das Frankfurter Institut für Stadtgeschichte widmet den „bewegten Zeiten“ von damals nun eine Ausstellung.

Die Beatles waren 1964 nur zum Zwischenstopp in Frankfurt. Bild: Christoph Boeckheler

Dass die Wahl auf die 60er fiel, mag auch an den spannenden und bedeutenden Ereignissen jener Jahre liegen, aber ganz profan gesprochen waren die 1960er Jahre einfach dran. „Wir knüpfen mit der Ausstellung an 2016 an, als wir eine Ausstellung über die 50er Jahre hatten“, sagt Franziska Kiermeier, Leiterin der Abteilung Zeitgeschichte und Gedenken am Institut für Stadtgeschichte. Viele bedeutende Ereignisse in Frankfurt fielen in den Zeitraum von 1960 bis 1969.

Kiermeier zählt nur ein paar auf: der Bau der U-Bahn, Massenkundgebungen samt Ostermärschen, der Beginn der Emanzipation und die sexuelle Aufklärung. Kurator Markus Häfner ergänzt die Liste um die Einweihung der Neckermann-Zentrale in der Hanauer Landstraße 1960, die Eröffnung des Henninger Turms 1961, der Besuch John F. Kennedys 1963 oder auch die Auschwitzprozesse 1965. Mehr als zwei Millionen Bilder aus den 60er Jahren schlummern in den Archiven des Instituts. Alles habe man nicht abbilden können, doch die wichtigsten Ereignisse sind vertreten. Häfner habe versucht, Fotos zu zeigen, die noch nicht so häufig zu sehen waren.

Trotz der bisher genannten Themen sei 1968 das bestimmende Element der 60er Jahre. Die Studentenbewegung und die zahlreichen Proteste bilden auch einen großen Schwerpunkt in der Schau. Die Themen der Demonstrationen waren zahlreich: 40-Stunden-Woche, Abrüstung, Vietnam, Notstandsgesetze, Fluglärm und Aufarbeitung der NS-Vergangenheit.

Die Ausstellung

Die Schau„Bewegte Zeiten. Frankfurt in den 1960er Jahren“ ist noch bis zum 8. November zu sehen.

Im Institut für Stadtgeschichte, Münzgasse 9, kann die Ausstellung montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr besucht werden. Der Eintritt ist frei.

Der Begleitbandzur Ausstellung bietet Texte, Hintergrundinformationen und Bilder zur Schau sowie eine Chronik. Er hat 190 Seiten und kostet 18 Euro.

Als Begleitprogrammgibt es Führungen, Zeitzeugenberichte und Vorträge. Das ganze Programm im Internet unter www.stadtgeschichte-ffm.de

Die Fotos zeigen auch das Frankfurt der 60er, als vieles noch ganz anders aussah. „Damals hatte die Alte Oper kein Dach, die Altstadt war ein Parkplatz, der Flughafen hatte nur zwei Startbahnen, die Nidda wurde begradigt und der Henninger Turm drehte sich“, sagt der Kurator.

1964 waren die Stimmzettel noch überschaubarer. Bild: Christoph Boeckheler

In der Ausstellung werden die Ereignisse nicht nach den jeweiligen Jahren, sondern nach Rubriken, wie Politik, Kultur, Wirtschaft oder Sport geordnet. 25 Themenkomplexe werden in Bild, Texten oder Filmaufnahmen behandelt. Egal ob Muhammad Alis Kampf gegen Karl Mildenberger im Waldstadion, das erste Bundesligaspiel der Eintracht gegen Kaiserslautern am 24. August 1963 (Endstand 1:1), die Lebensbedingungen der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, Torpedo-Schreibmaschinen aus Rödelheim, die Internationale Automobilausstellung oder Jimi-Hendrix- Auftritte in der Jahrhunderthalle 1969 – die zahlreichen Themen werden bei den Besucherinnen und Besuchern für „Wusste ich gar nicht“- oder „Kann ich mich noch dran erinnern“-Ausrufe sorgen. Auch der Siegeszug des (Farb-)Fernsehens inklusive Familie Hesselbach darf in einer solchen Betrachtung nicht fehlen.

Kurator Häfner freut sich, dass er in der Ausstellung auch Neues umsetzen durfte. Erstmals sind die Texte in gendergerechter Sprache gehalten, so ist beispielsweise Teilnehmer*innen zu lesen. Darüber hinaus befinden sich in den Vitrinen diesmal ausschließlich Archivbestände. Auf Leihgaben wurde bewusst verzichtet, um die Vielfalt des eigenen Archivs zu zeigen. In den Glaskästen sind zum Beispiel Stimmzettel der Stadtverordnetenwahlen von 1964 und 1968, alte Spendenschecks der Ostermärsche oder ein Memory der Hoechst AG zu sehen. Stilecht auch der historische Button mit der Aufschrift „Nie NPD“.

Ein weiteres Novum sind Textguides in englischer Sprache, die es am Empfang im Foyer gibt. Dadurch ist die Schau erstmals zweisprachig. Die wohl auffälligste Neuerung können die Besucherinnen und Besucher beim Blick auf die Fenster im Raum erkennen. Dort wurden spezielle Lamellenvorhänge angebracht, die mit Protestbildern aus den 60er Jahren bedruckt sind. Ergänzt wird das Angebot durch Medienstationen, an denen es Imagefilme und Dokumentationen zu sehen gibt und eine Lesestation mit Originaldokumenten.

Auch für Schulklassen hat sich das Institut für Stadtgeschichte etwas überlegt. Im Rahmen des archivpädagogischen Programms sollen Schüler Führungen für ihre Klassenkameraden gestalten. Als spezielles Thema für Schulklassen ab der neunten Klasse bietet das Institut eine Vertiefung in den Bienenkorb-Gazetten-Fall und die damaligen sexuellen Aufklärungsbemühungen.

Nach dem Besuch der umfangreichen Ausstellung über die 60er dürfen sich die Besucherinnen und Besucher irgendwann schon auf die Thematisierung der 70er Jahre freuen. Vielleicht dauert es diesmal ja weniger als vier Jahre.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare