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Schöne Altbauten geben dem Oeder Weg seinen Flair.

Frankfurt-Nordend

Bücher und Botox

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Gehobenes Bürgertum und bulgarische Pizzerien ? die Gegend um den Oeder Weg steckt voller Gegensätze.

Der Journalist, der dachte, es sei nicht möglich, Altkanzler Helmut Kohl und Deutsch-Rapperin Schwesta Ewa im selben Artikel zu erwähnen, hat noch nie einen Dartpfeil ins Nordend geworfen. Genauer gesagt: in den nördlichen Abschnitt des Oeder Wegs, wo das Reporterteam am Freitagmorgen gleich mit einem schockierenden Anblick konfrontiert wurde: einem chaotischen Vorgarten – der zum Haus einer katholischen Studentenverbindung, der KDStV Hasso-Nassovia, gehört.

„Ja, ich weiß, wir haben unser Grundstück zu wenig gepflegt“, sagt Verbindungsmitglied Kai fast entschuldigend. Verbindungsmitglied und kein Burschenschaftler, das ist Kai wichtig. „Wir sind nicht rechts.“ Außerdem würden sie auch nicht fechten. „Das ist doch dumm, sich so das Gesicht zu zerfetzen“, sagt Kai. Er wohne hier seit Anfang seines Wirtschaftsinformatikstudiums. Günstiger als eine WG sei es hier, und er schätze die Geselligkeit. Sie würden zu siebt in dem Haus leben, alles Studenten, alle männlich. „So ist die Tradition.“

Auf Partys sei aber auch Damenbesuch erwünscht. Kurz wirft Kai einen Blick auf sein Handy, er muss zur Arbeit. „Zum Glück muss ich ja nie lange fahren“, sagt er zufrieden und deutet in Richtung U-Bahn-Haltestelle. Zentraler könne er in Frankfurt kaum wohnen – und dazu noch in einer ruhigen Lage.

In der Nähe rattert eine U5-Bahn im Duett mit einem fahrenden Auto. Rote Ampel, die Lichter werden grün, quietschende Reifen. Ruhig? Auf den zweiten Eindruck stimmt aber irgendwie doch, was Kai sagt. Viele Bäume und Grünflächen säumen den Weg, alte, mehrstöckige Gebäude dominieren das Straßenbild. Sie müssen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sein und schon damals dem Großbürgertum ein Zuhause geboten haben.

Niedrige Mieten gibt es hier sicher auch heute nicht. Ein neugieriger Blick durch ein Wohnungsfenster beweist das: Antike Büsten, geschmackvolle Kerzenhalter, große Bücherregale. Ganz klar – hier muss ein Bildungsbürger leben.

Immerhin muss der nicht weit gehen, wenn er sich intellektuell betätigen will. Ein paar Dutzend Meter höchstens, bis zur Ecke Adickesallee. Dort steht die Deutsche Nationalbibliothek, und langsam, aber sicher wird nun auch der Leser erfahren, was es mit Helmut Kohl und Schwesta Ewa auf sich hat. Wobei, bis Letztere erwähnt wird, dauert es noch etwas. Erstmal also Helmut Kohl: Der hat vor fast 20 Jahren eben diesen Neubau der Nationalbibliothek eingeweiht. Ein modernes, kantiges Gebäude, mit fast 50 000 Quadratmetern Fläche groß genug, um seiner Aufgabe gerecht zu werden: alle Veröffentlichungen zu sammeln, die in deutscher Sprache verfasst sind oder einen Bezug zu Deutschland haben.

„Das ist eine einzigartige Aufgabe in Deutschland“, sagt Bibliotheks-Pressesprecher Stephan Jockel. Vorsichtig holt er einen großen Schmöker aus einem der vielen Regale: eine riesige Enzyklopädie aus dem 18. Jahrhundert, das „Zedler’s Universal Lexicon“. Es ist das älteste Schriftstück, das in diesem Gebäude aufbewahrt wird. Natürlich muss das für die FR fotografiert werden, und natürlich erregt dieses Spontan-Shooting einige Aufmerksamkeit bei den Bibliotheksbesuchern, die hier im Lesesaal konzentriert arbeiten wollen. Und deshalb ist Aufmerksamkeit auch nur ein schöneres Wort für genervte Blicke. Als das Reporterteam den Saal verlässt, sind alle Augen schon wieder konzentriert auf die Literatur gerichtet.

Ob angestrengtes Lesen Gesichtsfalten verursacht? Warum diese Frage überhaupt gestellt wird, liegt an einer anderen Begegnung, die wir auf unserem Streifzug durchs Nordend hatten. In einem unscheinbaren Haus, übrigens gut 100 Meter von dem Studentenverbindungshaus entfernt, arbeitet Peter Stein in einer kleinen Praxis am großen Auftritt seiner Patienten – und die sind meistens weiblich. Wer jetzt an Frauenarzt denkt, liegt falsch: Stein führt Botoxbehandlungen durch.

„Am häufigsten lasse ich Zornesfalten verschwinden“, sagt der junge Arzt. Was er damit meint, ist die Falte zwischen den Augen, die ein Gesicht schnell grimmig wirken lässt. „Hätte ich Sie jetzt mit so einer Falte begrüßt, hätten Sie doch gedacht, ich wäre unfreundlich“, sagt Stein und lächelt dabei – freundlich, versteht sich. Überwiegend seien seine Klienten aus ästhetischen Gründen in der Praxis, ein gutes Drittel habe aber auch gesundheitliche Probleme. Gegen krankhaftes Schwitzen zum Beispiel helfe Botox ja ebenfalls.

Stein ist auch in dem Haus aufgewachsen, in dem er heute behandelt. „Die Lage ist perfekt, viele Patienten kommen aus der näheren Umgebung“, sagt er. Denn einen langen Heimweg könnten die Kunden nach einem Botoxeingriff nicht gebrauchen.

Auch Prominente hätten sich in seiner Praxis bereits behandeln lassen – und nun kommt Schwesta Ewa ins Spiel: Deren Zornesfalte habe er beseitigt. „Wobei mir das mittlerweile etwas peinlich ist“, sagt Stein und lacht. Denn die Frankfurter Rapperin sitzt zur Zeit wegen des Verdachts auf Menschenhandel in U-Haft.

Weitere prominente Kunden kann uns Stein aber nicht verraten: Auch in der Schönheitsmedizin gelte die ärztliche Schweigepflicht.

Zornesfalten und Botoxbehandlungen müssen Iliyana Zdravcheva nicht interessieren. Die hübsche gebürtige Bulgarin arbeitet in der „Pizzeria Capri“, wo sich das Reporterteam hinbegibt. Teils aus journalistischer Ambition, teils aus Hunger. Die Burger schmecken wirklich gut. Das beliebteste Essen sei aber das Chicken Sandwich, sagt Ivan Laesto, der mit seiner Freundin Nevena Gegova das Lokal betreibt.

Davor gab es die Leckereien der „Pizzeria Capri“ nur per Lieferservice, und jemand anderes hatte dieses Lokal für rund 50 Jahre geführt.

„Wir haben viele Stammgäste“, sagt Laesto. Viele von ihnen würden in der Mittagspause hier essen. Es seien normale Leute und keine Banker. Auch Laesto und Gegova kommen aus Bulgarien. Umso kurioser ist die Herkunft einer weiteren Spezialität des Hauses: amerikanische Pizza.

Verwundert hat dieser Gegensatz das Reporterteam aber schon lange nicht mehr: Wieso sollte das auch ungewöhnlich sein: in einer Straße, in der Schwesta Ewa behandelt wurde und Helmut Kohl eine Rede geschwungen hat?

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