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Moderner Gladiator: Unter frenetischem Klitschkoklitschkoklitschko-Rufen wurde der Sieger gefeiert.

Klitschko vs. Peter

Das jüngste Gericht

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Zigtausende strömen am Samstagabend ins Stadion: Sie hören Heino, lernen einen grundsymphatischen Mexikaner kennen und suchen Boris Becker. Es ist "Judgement Day". Am Ende vermöbelt darum Wladimir Klitschko seinen Kontrahenten.

Es ist ein Herbstabend, wie er schöner nicht sein kann. Die Sonne geht unter, und durch den Frankfurter Stadtwald weht ein Hauch von Wäldchestag. Einsame Wölfe, Frischverliebte, Familien mit Kleinkindern und die Belegschaft ganzer Kleinbetriebe ziehen froh und friedlich in Richtung Waldstadion. Dort ist heute „Judgement Day“, also Tag des Jüngsten Gerichts. So haben das die Veranstalter genannt. Eigentlich boxt hier Wladimir Klitschko gegen Samuel Peter, aber ein guter Kampf braucht nun mal einen guten Namen.

Und Frankfurt braucht einen guten Kampf. 44 Jahre ist es her, seit Karl Mildenberger dem großen Muhammad Ali hier zwölf Runden lang Paroli geboten hat. Seitdem war Schweigen. So sollte es nicht sein. Schweigen sollte erst nach dem Jüngsten Tag herrschen. Frankfurt hat auf diesen Tag gewartet. Rund 43000 sind gekommen. Das Waldstadion ist voll. Die Stimmung ist super. Judgement Day.

Im Ring verteidigt gerade Saul Montana, ein kugelrunder, grundsymphatischer Mexikaner, die Ehre aller Adipösen. Er boxt Jonathan Banks aus Detroit, Michigan. Banks sieht aus wie Isaac Hayes in John Carpenters „Klapperschlange“, also ziemlich fies. Der Kampf ist nicht gut. Das aber kann man im Waldstadion wegen der großen Entfernung nur sehr schwer erkennen. Es sei denn, man wirft einen Blick auf die großen Bildschirme am Stadionhimmel, die den Kampf en detail übertragen. Das tut aber fast keiner, weil alle mit bloßem Auge nach Boris Becker suchen, dem prominentesten Prominenten, der für heute angekündigt ist. Becker ist noch nicht da.

Kurz nach Neun treffen dafür die lokalen Hells Angels, Ortsverein Westend, auf der Tribüne ein und verleihen dem Kampf zusätzliches martialisches Flair. Die harten Jungs gehen achtlos am Klitschko-Merchandising-Stand vorbei. Sie zeigen weder Interesse für die Rückspiegelanhänger in Form zweier kleiner Boxhandschuhe (sieben Euro) noch für die „Judgement Day“-Kaffeetasse (zehn Euro). Vermutlich haben sie im Clubhaus noch alle im Schrank. Das Klitschko-Sweat-Shirt (50 Euro) liegt vermutlich ob seines Preises wie Blei in den Regalen. Dafür kaufen vor allem junge Väter gerne das „Judgement Day“-Poster für eine Handvoll Euro. Fürs Kinderzimmer.

Banks hat nach zwölf Runden den kleinen dicken Mexikaner besiegt, der mittlerweile die Herzen derjenigen, die den Kampf verfolgt haben, erobert hat. Nach Punkten. Ein paar Zuschauer pfeifen. Der Rest sucht Boris Becker, findet ihn aber nicht. Was nichts heißen muss. Selbst ein Bobbele schrumpft von hier oben auf Ameisengröße. Es geht jetzt bald los. Die Zuschauer werden aufgefordert, Platz zu nehmen, man habe ein bisschen Pyrotechnik vorbereitet und brauche dafür die freien Gänge. Die Zuschauer nehmen Platz. Wo ist Boris Becker?

Die Band Reamonn spielt ihre aktuelle Single „Yesterday“. Das tut keinem weh. Wehtun soll es ja auch erst nachher. Beim Kampf. Es tut dann aber doch schon vorher weh. Da wird ein Filmchen gezeigt, das das Ärgerlichste an diesem Abend ist. Es erinnert daran, dass vor 44 Jahren Ali hier boxte. Und heute Klitschko. Die Bilder sind so geschnitten, dass es aussieht, als würde Ali sich mit Klitschko unterhalten. „Fliege wie ein Schmetterling und steche wie eine Biene“, ruft der größte Boxer aller Zeiten dem amtierenden Schwergewichtelmännchen zu. Das ist nah am Tatbestand der Gotteslästerung. Aber für diese Hybris zeichnet wohl der übertragende Fernsehsender RTL, nicht Klitschko verantwortlich.

RTL-Mensch Kai Ebel hat Boris Becker entdeckt. Auf den Bildschirmen kann man das sehen. Aber nicht hören. Der Ton ist weg. Die Leute pfeifen. Der Ton ist wieder da. Becker sagt, dass er ein großer Klitschko-Fan sei und hoffe, dass Klitschko gewinne. Da hat sich das Pfeifen doch gelohnt.

Heino ist auch da

Kai Ebel hat jetzt auch Heino entdeckt. Heino sagt, dass er ein großer Klitschko-Fan sei und hoffe, dass Klitschko gewinne. Außerdem sei er gerne in Frankfurt, weil der Mann, der ihn, Heino, vor 45 Jahren „entdeckt“ habe, auch ein Frankfurter gewesen sei. Vor 45 Jahren. Ein Jahr, bevor Mildenberger hier Ali boxte. Zufall? Ja!

Der Kampf beginnt, wie sich das gehört. Mit Feuerwerk. Und Michael Buffer, der vermutlich schon den Kampf Kain vs. Abel anmoderiert hat: „Let’s get ready to ruuummmbleee...“ Zu den Nationalhymnen der Ukraine und Nigerias stehen alle respektvoll auf. Auch wenn die Zuschauer zuvor den Ukrainer Klitschko ebenso herzlich willkommen geheißen wie den „Nigerian Nightmare“ ausgepfiffen haben. Der eigentlich nichts Böses getan und das auch nicht vorhat.

Der nigerianische Nachtmahr fliegt wie eine Hummel und sticht wie ein Schmetterling. In Runde Zehn schickt Klitschko ihn auf die Bretter. Die Menge rast.

Nach dem Kampf richtet Wladimir Klitschko noch ein paar warme Worte an das dankbare Publikum. Er freue sich, in Frankfurt zu sein. Er werde nachher noch einen Ebbelwei trinken. Er sei ein großer Klitschko-Fan und sein Bruder Vitali eigentlich der bessere Boxer.

Dann verschwinden die Massen in eine laue Herbstnacht. Rund um das Waldstadion bricht der Verkehr zusammen. „Mache se ma halblang, sonst geht noch einer K.o.“, versucht ein Polizist per Megaphon zu beruhigen. Vergebens. Die Menschen sind noch zu aufgewühlt. Ein großer Boxabend geht seinem Ende entgegen. Es ist ein Abend, der im Gedächtnis bleiben wird. Vielleicht nicht so lange wie Mildenberger vs. Ali, aber ein bisschen.

Die Sofa-Garnituren und die Catering-Stände verlassen jetzt den Rasen und machen Platz für die Eintracht, die hier demnächst wieder kicken will. Ohne Feuerwerk. Boris Becker ist schon lange fort. „Klitschko vermöbelt den dicken Peter“, vermeldet am nächsten Morgen die Online-Ausgabe der Bild. „165 Personen gefällt das“, ist darunter vermerkt. Am Abend zuvor waren es noch 43000.

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