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Karry (rechts unten) mit seinen ehemaligen Klassenkameraden der Helmholtzschule „Zur Schönen Müllerin“. 

100. Geburtstag

Heinz-Herbert Karry: Privatleben ohne Personenschutz

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Der ehemalige hessische Wirtschaftsminister lebte in Frankfurt-Bornheim und Seckbach. Bekannte erinnern sich an einen bodenständigen und extrovertierten „Äppler“-Liebhaber.

Als „Frankfurter Bub“ hat er in Bornheims Straßen gespielt, in der Glauburgschule begann der Ernst des Lebens. Später hat Heinz-Herbert Karry mit Frau Maria „Maja“, Tochter Vera und Sohn Ronald in Seckbach gelebt, wo man ihn häufiger in der Apfelweinkneipe „Zur Krone“ traf. Heute erinnert im Stadtteil eine Hauptstraße an ihn.

Auch als er hessischer Wirtschaftsminister war, sagen Bekannte, habe Heinz-Herbert Karry fest auf dem Frankfurter Boden gestanden. In der „Schönen Müllerin“ im Baumweg zeigen Fotos einen Karry in den 50ern, mit kariertem Jackett, gemustertem Schal und 70er-Jahre-typischer Brille, inmitten ehemaliger Klassenkameraden der Helmholtzschule. Ausgelassen erzählend, Zigarette in der Hand, fröhlich lachend, ein Geripptes in Griffweite.

Keine Fehltage, nur einmal zu spät, das zeigt ein Zeugnis aus dem Jahr 1933. Turnen war nicht die Stärke des damals 13-Jährigen, die restlichen Noten im guten Mittelfeld. Bestnote in keinem Fach. Von der Helmholtzschule war Karry mit „Obersekundarreife“ – dem heutigen Realschulabschluss mit der Erlaubnis, das Abitur zu versuchen – abgegangen. Das Abitur hat er aber erst viel später nachgeholt — mit 40.

Stattdessen entschied sich Karry für eine Kaufmannsausbildung bei der Firma „Frankfurter Eisenhandel“. Später machte er sich selbstständig, verkaufte Textilien und Schuhe. Weil sein Vater jüdisch war, wurde er in der Nazi-Zeit in ein Zwangsarbeiterlager gesteckt; über diese Zeit seines Lebens ist nicht viel bekannt. Mit 29 Jahren, nach dem Zweiten Weltkrieg, trat Karry der FDP bei – der Beginn seiner politischen Karriere.

Seine Herkunft, inklusive Dialekt, verleugnete er auch jenseits der hessischen Grenze nie. „Manche machen Politik mittem Kopp, ich mit meiner Nas“, soll er einmal gesagt haben. Viele Anekdoten hat Hans Thiel, späterer Schulleiter der Helmholtzschule, 1995 in einem Porträt für die „Schriften des Vereins ehemaliger Helmholtzschüler“ gesammelt.

Karry und er hatten sich über Jahre immer wieder beruflich und privat getroffen, auch weil Karry der Schule lebenslang treu blieb: Als er schon Minister war, hielt er beim Schuljubiläum eine Rede. Zweimal habe er ein Auto gesponsert, damit Schüler fahren üben konnten. Dass die Jugendlichen den Käfer mit der Parole „Keine Startbahn West“ beschrifteten, für deren Bau sich Karry damals einsetzte, habe bei dem Politiker Belustigung hervorgerufen.

Wie war der hessische Minister außerhalb seines Amts? An besagtem Abend in der urigen Bornheimer Kneipe soll Karry ein Loblied auf den Apfelwein angestimmt haben und mit einem Reim das „Wermche“ im Apfel für die Würze im Äppler gelobt haben. Es sei auch oft um Politik gegangen und zu „lebhaften Diskussionen“ gekommen, sagt Thiel.

An „hitzige Diskussionen“ erinnert sich der Seckbacher Detlef Stange. Als Karry Minister war, war er Student. Mit einer Handvoll befreundeter Kommilitonen, Anhänger der FDP, hatte er sich hin und wieder mit Karry getroffen, später auch in Karrys Haus.

„Er hat genau zugehört und wollte wissen, wie wir jungen Leute denken.“ Karry war konservativ, stimmte mit der „radikal linksliberalen Meinung“ der jungen Freunde nicht immer überein. „Für uns gingen viele Ideen über das Wohl des Einzelnen.“

Beeindruckend seien seine Kontakte nach China gewesen. Interessant, dass die Idee der Globalisierung schon ein wichtiger Teil seines Wirtschaftsverständnisses war. „Er hat in Frankfurter Platt über die chinesische Politik diskutiert und war uns mit seiner strukturierten Argumentation trotzdem immer überlegen“, sagt Stange, damals aufgebracht, heute amüsiert.

Zukunftsorientiert, agil und extrovertiert - so hat er Karry in Erinnerung. Er sei im Ort „sehr verhaftet“ gewesen. Weil er sich wie jeder andere auch in Seckbach bewegen wollte - einkaufen, ins Gasthaus gehen - habe er auf Personenschützer weitgehend verzichtet.

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