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Chlodwig Poths Apo-Veteranentreffen: ein bisschen Hieronymus Bosch, ein bisschen Ali Mitgutsch.

Kultur

Karikaturen in der Paulskirche

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Eine Ausstellung in der Paulskirche würdigt die 68er karikierend.

Von sattsam gehörten Kalauern sagt man ja gerne, die hätten „so’n Bart“. Und will damit andeuten, dass sie nicht komisch sind. Nicht wenige beteuern komischerweise, beides treffe gleichsam auf die 68er zu.

Das ist natürlich ungerecht. Und so tut Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig am Freitagabend in der Paulskirche gut daran, daran zu erinnern, dass es ohne 68er wohl keine Neue Frankfurter Schule (Gernhardt, Waechter, Bernstein & Co.) gegeben hätte, umgekehrt aber schon. Auch wenn Hartwig einräumt, dass es mitunter vorkomme, dass vereinzelte „68er sich ein wenig zu ernst nehmen“. Zustimmendes Gemurmel im Publikum. Es sind einige ernstzunehmende Dutzend, die zur Eröffnung der Ausstellung „68 wird 50! Cartoons und Karikaturen“ in die Paulskirche gekommen sind. Nicht wenige tragen so’n Bart.

Werke von 21 Künstlern werden noch bis zum 30. März im Keller der Paulskirche zu sehen sein (täglich von 10 bis 17 Uhr, Eintritt frei), darunter Zeitzeugen wie Chlodwig Poth und Epigonen wie Hauck & Bauer. Im Foyer erinnert Kulturdezernentin Hartwig daran, dass damals in Frankfurt der Deibel los gewesen sei. „In Frankfurt“, der „zweiten Hauptstadt“, seien anno dunnemals „viele Trends vorweggenommen“ worden, was heuer „mit Veranstaltungen aller Art“ gefeiert werde, lässt Oberbürgermeister Peter Feldmann per Amt für Kommunikation und Stadtmarketing mitteilen, bleibt der Eröffnung aber fern.

Es waren andere Zeiten damals. Das bestätigt auch Laudator Gerhard Kromschröder, „Pardon“-Urgestein und Ex-Paulskirchen-Ausgesperrter. Denn 1968, „da stand ich draußen vor der Tür!“ Da hätten sie nicht rein gedurft in die Paulskirche, obwohl Kromschröder und Redaktionskollegen ebendort eine aus dem Fundus der Städtischen Bühnen entliehene Gipsstatue, die als Bundespräsident Heinrich Lübke verkleidet war und deren Nacktheit lediglich von einer Schärpe in Bundesfarben bedeckt ward, hätten aufstellen wollen, untermalt von den aufmunternden Klängen einer mitgeführten Blaskapelle („Das Lied vom alten Kameraden“). Gebracht habe ihnen das damals eine Anzeige wegen Verunglimpfung von diesem und jenem (Verfahren eingestellt), verärgerte Städtische Bühnen (Gipsbüste futsch) und einen Artikel im „Spiegel“ („Treue in Gips“). Heute hingegen: freier Einlass in die Paulskirche, freundliche Begrüßung, Brezeln, Kulturdezernentin. Allerdings: auch kein Artikel im „Spiegel“.

Man habe damals jedem über 30 misstraut, erinnert sich Kromschröder. „Jetzt richtet sich das juvenile Misstrauensvotum gegen die 68er selbst.“ Juvenile Misstrauensvoten können furchtbar sein. Kromschröder erinnert an eine Bildergeschichte seines auch im Keller vertretenen Kollegen Chlodwig Poth. In der benimmt sich der halbstarke Sohn der Familie gegenüber dem Besuch schamlos sittsam. Da habe er die Eltern ja schön bloßgestellt, staucht ihn der Vater anschließend zusammen, sich trotz antiautoritärer Erziehung wie der letzte Spießer aufzuführen. „Leck mich doch am Arsch, du alter Scheißer!“, antwortet der Sohn, doch der Vater kennt kein Verzeihen und spricht erhobenen Zeigefingers: „Zu spät!“ „Es ist nie zu spät!“, sagt Gerhard Kromschröder, der sich zu seligen „Pardon“-Zeiten die Redaktionsstube mit Gerhard Seyfried teilte.

Diesen Seyfried kennt man von früher. Wer gegen die Startbahn West war, der hatte auch einen Aufkleber an der Kinderzimmertür, der drei dümmlich blickende Bullen und den Schriftzug „Wir müssen leider draußen bleiben“ zeigte. Der ist von Seyfried. Wer das komisch findet, dem wird auch Seyfrieds Bild „Berlin“ im Paulskirchenkeller gefallen. Es zeigt im Hintergrund einen umgekippten Bullenwagen, vorne steht ein zufrieden grinsender Typ mit Zwille in der Latzhosentasche. Der Typ mit der Zwille hat so’n Bart.

Es war nicht alles komisch damals. Aber vieles ist dann doch zumindest komisch geworden. Am stärksten sind die Bilder der Ausstellung, welche die 68er selbst karikieren. Peter Butschkow (Jahrgang 44) zeigt einen Taxifahrer, der kippendrehend auf Kundschaft wartet. „Der 68er“, prangt eigenwerbend auf der Motorhaube des Taxis, „Authentische Geschichten! Auch auf Kurzstrecke!“ Und auf der Fahrertür die Zusatzinfo: „Hatte Kontakt zu Dutschke und Uschi Obermaier“. „Ja … 68!“, möchte man sich da den Eingangsworten von Hartwig anschließen. Grandios aber auch Chlodwig Poths (Jahrgang 1930) Wimmel- und Sittenbild vom „3. Apo-Veteranentreffen“. Hätten die 68er eine eigene Kirche, dieses Bild müsste deren Decke schmücken. Genaugenommen haben die 68er ja jetzt bis zum 30. März die Paulskirche. Da hängt die Decke aber ziemlich hoch.

Was aber hat 1968, „das Jahr, das von Protesten gegen herrschende Normen in sozialen, kulturellen und politischen Bereichen bestimmt“ war (Amt für Kommunikation …), nachhaltig gebracht? Jedenfalls nicht die vielfach befürchtete Verrohung sämtlicher Sitten. „Zu spät!“, gebietet die Hand, welche die Wiege der Demokratie schützt, dem Fotografen der FR Einhalt, als jener am Tag nach der Eröffnung dort fotografieren will. Denn dann könne ja ein jeder kommen, und das könne ein jeder ja auch (täglich von 10 bis 17 Uhr), aber eben nur zum Gucken kommen, ein jeder. Da kann man nichts machen, auch der Dame keinen Vorwurf, sie hat Vorschriften, und die kommen von Männern aus dem Rathaus, die so’n Bart haben. Aber manchmal ist es nie zu spät, und tags drauf wird doch das Fotografieren freigegeben, und das ist nicht zuletzt den 68ern zu verdanken, denn das mit dieser Am-siebten-Tage-nicht-arbeiten-oder-Vorschriften-kippen-Sache ist ja auch so’n damals zurecht abrasierter Bibel-Zopf.

„Und was kam nach 68?“, fragt im Paulskirchenkeller auf einer Zeichnung der Künstlerin Sikitu (Jahrgang 1973) eine junge eine alte Frau. Die Alte überlegt nicht lange: „69!“, antwortet sie noch im selben Bild. Wobei man fairerweise sagen muss: Auch das wäre ohne die 68er gar nicht möglich gewesen.

Daher danke, 68er. Danke für 69 und fortfolgende. Danke für eure „Kulturkritik“ (Hartwig), die die Neue Frankfurter Schule erst ermöglicht hat. Danke für „Revolution, Emanzipation, APO, Springer, Kommune 1, BH-Verbrennung“ (Amt für Kommunikation und Stadtmarketing). Ach nee, für Springer doch nicht. Aber herzlichen Glückwunsch und ein dreifach gedonnertes H? Chí Minh zum 50. Geburtstag und … bei Fidels Barte! … jetzt haben wir im Eifer des Lobpreisens doch glatt unsere antiautoritäre Erziehung vergessen … nochmal von vorn: Leckt … ach was, … zu spät!

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