+
Der nette Obdachlose spricht viele Sprachen, auch Englisch.

Zufallstreffer in Bockenheim

Unversehens kommt Musik ins Spiel

Es sind Details, die die Gegend um die Bockenheimer Anlage in Frankfurt so spannend machen – selbst bei Regenwetter. Nach dem Wurf eines Dartpfeils begeben sich zwei FR-Reporter auf einen Ausflug.

Von Christoph Eiben

Es sind eigenartige Flaschen, die im Schaufenster der Apotheke am Eschenheimer Turm stehen. Braun und aus Keramik mit dem Aufdruck „Frankfurt Magendoktor, 40 Prozent“. Wolfgang Schatton, ein freundlicher Mann, hört das häufig. Der Inhaber der Apotheke schwört auf die heilenden Kräfte des „Magendoktors“. Seit mehr als 100 Jahren werde der nun schon in der Apotheke verkauft. Und Schatton stellt gleich noch seine neueste Geheimwaffe vor: „Collagen-Lecithin“, das die Darmschleimhaut aufbauen soll.

Überhaupt: So manches ist interessant an der Apotheke. Zum Beispiel, dass sie zwei Postleitzahlen hat. Die eine Ecke an der Hochstraße hat die 60313, die andere am Eschenheimer Tor die 60318.

Wir sind in der Innenstadt gelandet. Zu verdanken haben wir das dem Dartwurf, der mittlerweile zur schönen Tradition in der Rundschau-Redaktion geworden ist. Zwischen Alter Oper und Hilton-Hotel in der Bockenheimer Anlage steckt der Pfeil. Also ab ins Zentrum Frankfurts.

Petrus kann nicht immer auf der Seite des Reporters sein. Am Freitag ist er es definitiv nicht. Regen und Wind sind einfach keine Freude, wenn man an der frischen Luft mit Stift und Notizblock bewaffnet sein muss. Kann man nicht ändern. Also heißt es: Regenschutz einpacken, warme Gedanken machen und Mut haben, denn der Tag kann spannende Leute und deren Geschichten mit sich bringen. Die Wetterlage und der Autolärm lassen jedoch kaum Platz für Hoffnung.

Das ändert sich schlagartig. Keine fünf Minuten nach Ankunft kommt so richtig Musik ins Spiel und hebt die Stimmung. Ganz unscheinbar wirkt das kleine Haus mit den grünen Fensterläden.

Das Nebbiensche Gartenhaus inmitten der Bockenheimer Anlage, umringt von Hochhäusern, Hilton-Hotel und Eschenheimer Turm, steht da wie aus einer anderen Zeit. Dort kann man, vom Frankfurter Künstlerclub veranstaltet, Konzerte, Lesungen und Ausstellungen besuchen. Zur allgemeinen Überraschung klingen aus dem Haus schon um zehn Uhr morgens Klaviertöne. Hat da etwa ein Kind Klavierunterricht? Um zehn Uhr vormittags?

Klaviermusik am frühen Morgen

Ein offenes Fenster gibt die Antwort: Ein Klavierstimmer ist am Werk. Eine willkommene Gelegenheit, dem Regen zu entfliehen. Dort sitzt Jan Großbach am Flügel. Die linke Hand auf den Tasten, die rechte am Stimmhammer. „Eine gute Stunde brauche ich für den Flügel“, berichtet Großbach. Was kann es Schöneres geben: Man lauscht den Klängen aus dem Flügel und steht im Trockenen. Großbach plaudert im Verlauf des Gesprächs über seine Forschungen zur Frankfurter Zeitungsgeschichte.

Aber es muss weiter gehen, auch wenn der nette Mann noch viele solcher Geschichten hätte erzählen können. Also heißt es: Zurück in die harte Welt. Mit Blick auf den Eschenheimer Turm geht es durch den Matsch, vorbei an einer Joggerin mit klatschnassen Haaren und einer Frau, die Fahrrad fährt und ihren Hund hinter sich herzieht. In einer Ecke stehen Jugendliche, die Kapuzen weit über die Stirn gezogen und Kippen in der Hand.

Dann ein Denkmal. Dem Schriftsteller Ludwig Börne wurde ganz unscheinbar eine Gedenktafel gewidmet. Dort steht geschrieben: „Er war ein Mensch, ein Bürger der Erde, ein guter Schriftsteller und ein großer Patriot“. Unterzeichnet ist die Würdigung von keinem Geringeren als Heinrich Heine.

Einige Meter weiter: Ein sehr freundlicher Obdachloser, in Daunenjacke eingepackt und mit großen Kopfhörern auf dem Kopf, sitzt am Ausgang der Grünanlage mit Blick auf das Kino Metropolis. Er spreche viele Sprachen, gibt er an, wobei sein Akzent so wirkt als sei er nicht in Deutschland aufgewachsen. Und wie geht es ihm? „I’m here and I’m very happy“, sagt er fast akzentfrei. Aha, Englisch spricht er also auch.

Einen Steinwurf von dem Sprachtalent entfernt treffen wir einen Polen in seiner Würstchenbude. Er verkauft unter anderem original Thüringer Bratwürste. Seit neun Uhr steht er dort am oberen Ende der Schillerstraße und preist die Würstchen und Steaks an. Und das jeden Freitag auf dem Schillermarkt.

Am Ende des Ausflugs sind alle glücklich. Der Fotograf hat tolle Bilder im Kasten und eine Bratwurst in der Hand, der Reporter interessante Menschen rund um die Bockenheimer Anlage kennengelernt. So viel kann aus einem verregneten Morgen im vielfältigen Frankfurt werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare