+
Nerven behalten und bloß nicht den Überblick verlieren.

Täglicher Wahnsinn

Heimkoller in der Corona-Krise

  • schließen

Homeoffice- und schooling in der Corona-Krise: Der ganz alltägliche Wahnsinn mit zwei schulpflichtigen Kindern.

Der Wecker klingelt. Tag XY bricht an, wir schreiben die achte Woche im virusinduzierten Ausnahmezustand. Eine Erstklässlerin, ein Fünftklässler und zwei Erwachsene im „Homeschooling“, respektive „Homeoffice“. Dazu eine verfressene Katze, die immer dicker wird und damit die Einzige ist, die derzeit zu Hause so rundum aufgeht.

Insekten und Fortpflanzung

Alle raus aus den Betten, Toilette, anziehen. Bürsten muss nicht sein. Schnell etwas Müsli löffeln, die nachts ausgedruckten Arbeitspläne und -blätter verteilen, Computer hochfahren. Gleich ruft die Deutschlehrerin an, die all ihre Fünftklässler durchtelefoniert, um sich nach deren Befinden zu erkundigen. „Och, mir geht’s super“, höre ich den Sohn exaltiert in den Hörer flunkern. Ich verschlucke mich am Tee und pruste über die Matheaufgaben der Tochter, die sich in der Küche ausgebreitet hat, weil ihr Schreibtisch längst dem Chaos anheimgefallen ist. „Ich will wieder in die Schule“, jammert sie.

Ein schriller Rückkopplungston erschüttert das Haus, der Vater flucht, irgendwas klappt mit dem Skypen nicht. Ich verpasse meine Telefonkonferenz, checke also eben noch fix die diversen Onlineportale, Apps und E-Mails, mit denen die Heimbeschulung organisiert wird. Die zwei Grundschullehrerinnen der Tochter machen das übersichtlich über die digitale Pinnwand Padlet.

Die Pädagogen des Sohns geben ebenfalls ihr Bestes, das Problem ist nur, dass sieben verschiedene Fachlehrer dies auf zwölf verschiedenen Wegen tun. Die meisten mailen, viele nutzen die Lernplattform Moodle, manche testen ständig neue Methoden aus. Der Biolehrer lacht sich vermutlich ins Fäustchen, weil der Lehrplan das Thema „Fortpflanzung des Menschen“ vorsieht – das nun die Eltern vermitteln dürfen.

Die aktuelle Kunstaufgabe haben wir leider übersehen, Abgabe: heute. Zwei Insekten sollen aus Draht geformt, fotografiert und digitalisiert werden. Schöne Idee, aber haben wir Draht da?

Mittagessen gibt’s um halb drei, geistesabwesend rührt der Vater eine Tütennudelsuppe mit dem Schneebesen ins Wasser. Als Nächstes steht für die Tochter ein Videochat mit der Klassenlehrerin an. Blöderweise habe ich die falsche Uhrzeit notiert, die Sechsjährige platzt mitten in die Übung eines Mitschülers. Den richtigen Termin können wir später nicht wahrnehmen, da dann all unsere Computer anderweitig in Gebrauch sind. Die Tochter weint, der Sohn erleidet einen Wutanfall, als sein überlastetes Lernportal zum dritten Mal abstürzt. Außerdem sind noch ein Brief, ein Bild und die Englischaufgaben einzuscannen. Und dann hätten wir noch die Hörbeispiele für Musik. Was meine eigene Arbeit betrifft, habe ich für heute komplett den Faden verloren.

Da füttere ich doch lieber erst mal die Katze.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare