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Unterricht zwischen Weihnachtsbäumen in der Ernst-Reuter-Schule

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Von: Judith Dietermann

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Uwe Grellneth, Funda Ak und Roberto Weidenhausen (von links) verkaufen die Bäume.
Uwe Grellneth, Funda Ak und Roberto Weidenhausen (von links) verkaufen die Bäume. © Judith Dietermann

Seit über 20 Jahren werden an der ERS II Tannen verkauft. Der Erlös fließt auch in die Berufsorientierun für junge Erwachsene.

Routiniert packt Funda Ak den in das weiße Netz eingepackten Tannenbaum in der Mitte an – ohne Handschuhe. Mit Schwung legt sie ihn auf den hölzernen Tisch, dann rückt ihr Lehrer Roberto Weidenhausen mit der Säge an. Gekonnt spitzt er das Ende des Stammes, so dass der künftige Besitzer oder die Besitzerin ihn daheim nur noch in den Weihnachtsbaumständer einzupassen hat.

Seit drei Jahren kümmert sich Weidenhausen, Förderschullehrer der Berufsorientierung der Ernst-Reuter-Schule II, um den dortigen alljährlich stattfindenden Weihnachtsbaumverkauf. Ein Angebot, das es seit mehr als 20 Jahren gibt: Damit die Schülerinnen und Schüler im Unterricht „nicht nur etwas simulieren“, sondern wirklich mit anpacken dürfen, erklärt er. Ein Projekt, was in Frankfurt einzigartig ist, denn an keiner anderen Schule verkaufen Schüler und Schülerinnen Weihnachtsbäume.

Jeden Tag, das letzte Mal für dieses Jahr am heutigen Mittwoch, 21. Dezember, sind sie täglich von 11 bis 17 Uhr vor Ort: neben dem Eingang zur Schule, am Ende der vom Praunheimer Weg abgehenden Stichstraße. Mit großen Plakaten werden die Kunden und Kundinnen bereits ab dem Erich-Ollenhauer-Ring dorthin geleitet.

Darunter viel Stammkundschaft, wie Roberto Weidenhausen sagt. Leute aus der Nordweststadt, aber auch Bewohner:innen der Nachbarstadtteile, die bereits seit vielen Jahren ihre Bäume an der Schule kaufen. Die Bäume kommen in diesem Jahr aus dem Sauerland. Nordmanntannen und Blaufichten, unterschiedlich hoch und mit pinken oder blauen Fähnchen an der Spitze ausgezeichnet: Darauf stehen die Preise. Die liegen zwischen 35 und 55 Euro, erklärt der Lehrer.

Damit sei man, verglichen mit anderen Anbietern im Stadtgebiet, recht günstig. Dementsprechend groß war der Andrang am vergangenen Wochenende – rund 100 Bäume wurden allein am Samstag und Sonntag verkauft. Vielleicht auch, weil die Wochenenden immer ein besonderes Event sind.

Denn neben den Tannen gibt es an den Samstagen zudem Glühwein und Bratwurst. Zudem werden selbst gemachte Marmeladen aus Biofrüchten vom Schulgelände, Apfelsaft von der eigenen Streuobstwiese sowie Bienenwachskerzen, Plätzchen, Bethmännchen und Seifen angeboten. Mit dem Erlös werden die anfallenden Kosten gedeckt sowie nötige Teile ersetzt. In diesem Jahr war dies der Pavillon.

Auch der Tannenbaumtrichter musste schon mal ersetzt werden. Und: Die Schüler und Schülerinnen, die immer zu viert mit einer Lehrkraft pro Schicht arbeiten, werden freilich entsprechend entlohnt. Was dann übrig bleibt, wird gespendet und fließt in die Berufsorientierung, etwa für Ausflüge oder andere Freizeit- und Kulturangebote. Denn es gibt viele Kinder, deren Familien die finanziellen Mittel dafür fehlen.

Die Berufsorientierung richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene mit sonderpädagogischem Förderbedarf, nach Abschluss der zehnten Klasse im Rahmen der Schulzeitverlängerung. Mit dem Ziel, die arbeitsrelevanten Fähigkeiten zu fördern, erklärt Roberto Weidenhausen.

Den Jugendlichen macht die Arbeit sichtlich Spaß. Zwei junge Männer streifen durch die aufgestellten Bäume, kontrollieren, ob sie gerade stehen und alle ein Fähnchen an der Spitze tragen. Währenddessen hievt Funda Ak die nächste Tanne auf den Holztisch. „Es ist eine tolle Abwechslung“, sagt Weidenhausen, der sichtlich stolz auf seine Truppe ist.

Die bietet zudem ihren Kunden und Kundinnen noch einen ganz besonderen Service an – zumindest dann, wenn sie fußläufig wohnen: „Sie bekommen den Baum auf Wunsch nach Hause gebracht“, sagt der Lehrer, und zeigt auf einen kleinen blauen Handwagen. Und dort auch mal in den zweiten Stock getragen.

Der Transport zum Parkplatz sei auch selbstverständlich. Und für die Schüler gibt es so noch das ein oder andere Trinkgeld: eine zusätzliche Motivation für ihr Engagement.

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