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Hausprojekt in Frankfurt: „Wir wollen das Wohnen neu denken“

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Von: Christoph Manus

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Fabian Jellonnek und Anja Engelhorn von der Gruppe „Kollektiv leben“ wollen hier an der A 5 in Frankfurt-Griesheim sozial nachhaltige Wohnraum schaffen.
Fabian Jellonnek und Anja Engelhorn von der Gruppe „Kollektiv leben“ wollen hier an der A 5 in Frankfurt-Griesheim sozial nachhaltige Wohnraum schaffen. © christoph boeckheler*

Die Projektgruppe „Kolle“ baut im Frankfurter Stadtteil Griesheim trotz großer Widrigkeiten ein Haus für 42 Menschen, die solidarisch zusammenleben wollen.

Auf einem nicht ohne Grund seit vielen Jahren brachliegenden Grundstück am Rande des Frankfurter Arbeiterstadtteils Griesheim beginnen im April die Arbeiten für eines der innovativsten Wohnungsbauprojekte der jüngeren Zeit im Stadtgebiet. „Kollektiv leben“ kurz: „Kolle“, nennt sich eine Gruppe von gut 20 Menschen bis Anfang 40, die auf der von der Stadt gepachteten Fläche ein Haus für 42 Leute bauen will – und dabei fast alles anders machen will, als das sonst üblich ist. „Wir wollen das Wohnen und Leben neu denken“, erklärt Anja Engelhorn, die sich bei „Kolle“ unter anderem um die Buchhaltung kümmert.

Der Ansatz ist ein solidarischer: Die Mieten sollen so günstig wie möglich werden – und das auch und vor allem dauerhaft bleiben. Wer weniger verdient, soll weniger zahlen, Menschen mit höheren Einkommen mehr. Ein Verkauf des Hauses ist so gut wie ausgeschlossen. Die Gruppe hat sich bewusst für eine rechtliche Konstruktion entschieden, die den entstehenden Wohnraum dauerhaft dem Markt entzieht.

Das Frankfurter Wohnprojekt „Kolle“ sieht einen riesigen Markt nicht erschlossener Wohnungsbedürfnissen

Zugleich soll das fünfgeschossige Haus mit relativ kleinen privaten Wohnflächen, aber großen Gemeinschaftsbereichen, zu denen etwa eine Dachterrasse mit Außenküche und vielleicht auch eine Sauna zählen werden, ein anderes Zusammenleben ermöglichen. Die Grundrisse sind bewusst flexibel. Wächst eine Familie oder WG kann sie ihren Wohnbereich auf relativ einfache Weise erweitern, zieht jemand aus, lässt sich dieser prinzipiell wieder verkleinern.

Der Wohnungsmarkt sei auf die klassische Kleinfamilie ausgelegt, schon für die zu pflegende Oma sei in der Regel kein Platz, sagt Engelhorn. Immer mehr Leute wollten aber nicht „so abgeschlossen und abgeriegelt“ leben. Es gebe einen riesigen, nicht erschlossenen „Markt an Wohnungsbedürfnissen“. Schon damit sich das ändere, sei es so wichtig, dass ihr Projekt nicht scheitere. „Wenn wir erfolgreich sind, macht das auch anderen Mut.“

Das Grundstückgrenzt direkt an der Autobahn 5 - entsprechend aufwändig ist der Schallschutz

Die Bedingungen für das Bauprojekt, das etwa zwei Jahre dauern könnte, sind alles andere als rosig. Das Grundstück grenzt direkt an die Autobahn 5. Der Lärm ist so groß, dass die Gruppe etwa eine Millionen Euro – ein Neuntel der Investitionssumme – nur für den Schallschutz ausgeben muss. „Wir brauchen zur Autobahn hin sehr massive Wände und sündhaft teure Fenster“, sagt Fabian Jellonnek von „Kolle“.

Auch sonst ist die Situation auf dem Areal zwischen zwei schmucklosen Wohnblöcken an der Schöffenstraße schwierig. Viele große Wohnungsbauunternehmen haben angesichts der stark gestiegenen Preise für Bauleistungen und Material Projekte auf Eis gelegt. Zuletzt verschob etwa die städtische ABG Frankfurt Holding den Baubeginn für ein großes Wohnviertel am Hilgenfeld im Norden Frankfurts um mindestens ein Jahr. Und das hat für einige der Wohnprojekte, die dort entstehen könnten, gravierende Folgen.

Das Hausprojekt

Die Gruppe „Kollektiv leben“ schafft im Frankfurter Stadtteil Griesheim ein Haus für 42 Menschen, die solidarisch leben wollen.

Das Hausprojekt sucht insbesondere noch Schwarze Menschen und People of Color, die gern mit ihr wohnen wollen, weil die Initiative bisher sehr weiß geprägt ist. Platz gibt es zudem noch für zwei Menschen, die eine rollstuhlgerechte Wohnung brauchen. Mehr Infos bei einem Treffen am Samstag, 21. Januar, 16 Uhr, Basaltstraße 23.

Auch private Geldgeberinnen und Geldgeber sucht die Gruppe noch. Mehr zum Vorhaben gibt es unter kolle-frankfurt.de

Auch bei „Kolle“ war man im Sommer kurz davor, nach arbeitsreichen Jahren die Pläne aufzugeben. „Wenn sich an den aktuellen Bedingungen nichts verändert, ist es uns nicht mehr möglich, unser Projekt umzusetzen“, hieß es damals in einer Mitteilung, die wie ein Hilferuf klang. „Die Zinswende hat voll 'reingeschlagen“, sagt Jellonnek heute. Eine Bank zog ihre Kreditzusage zurück.

Um das Projekt trotzdem verwirklichen zu können, hat die Gruppe einige Abstriche machen müssen. Zunächst sollte etwa der freifinanzierte Wohnraum im Schnitt für 360 Euro per Person und Monat angeboten werden. Nun werden es, wie Jellonnek sagt, eher 500 Euro sein. Dafür ist es der Gruppe gelungen, eine Förderung der landeseigenen WI-Bank für den Bau geförderten Wohnraums zu bekommen. 24 Menschen – also mehr als die Hälfte der Bewohnerschaft – werden zu Mieten von 315 Euro pro Person im Haus leben können.

Ein Habitat für Wanderfalken soll auf dem Dach des Hauses in Frankfurt-Griesheim entstehen

Auch beim Gebäude musste „Kolle“ Kompromisse machen. Gestrichen ist etwa der Wunsch nach einer Fassade aus Recycling-Material. Die Immobilie soll trotzdem hohen ökologischen Ansprüchen genügen. Sie wird laut Initiative fast so sparsam wie ein Passivhaus sein. Auf dem Dach entsteht eine große Photovoltaikanlage, Dachflächen und Fassaden werden begrünt. Dort soll auch ein Habitat für Wanderfalken entstehen. Bei der Mobilität setzt die Gruppe etwa auf gemeinsam genutzte Lastenräder.

Auch die Nachbarschaft dürfte vom Neubau profitieren. Im Erdgeschoss sollen öffentliche Orte der Begegnung entstehen. Geplant sind etwa ein Raum für Veranstaltungen, ein Co-Working-Space, eine Werkstatt sowie Kreativ- und Beratungsräume.

Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen fordert mehr städtische Hilfe für Wohnprojekte

Nicht allen Gruppen, die gern gemeinschaftlich wohnen wollen und die Sache selbst in die Hand nehmen, gelingt es dieser Tage, ihre Projekte auch zu verwirklichen. So hat etwa eine der Initiativen, die am Hilgenfeld bauen wollten, aus finanziellen Gründen aufgegeben. Andere Gruppen in der Planungsphase stehen nach Beobachtung von Birgit Kasper, die das Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches und genossenschaftliches Wohnen leitet, angesichts der Zinswende und der hohen Baukosten vor großen Problemen. In dieser Situation müsse die Stadt Frankfurt versuchen, den Projekten kurzfristig zu helfen, etwa mit Bürgschaften, günstigen Darlehen oder auch Zuschüssen zur Kompensation der gestiegenen Preise am Bau. Ohnehin sollte die Stadt die Vorhaben mehr unterstützen, fordert sie. „Wir brauchen auch auf kommunaler Ebene ein Förderprogramm für langfristig bezahlbaren Wohnraum.“

Nötig sei es zudem, den Erbbauzins, der bisher bei 2,5 Prozent liegt, für Akteure ohne Renditeinteresse wie die gemeinschaftlichen Gruppen um mindestens einen Prozentpunkt zu senken. Eine solche Unterstützung müsse auch im Interesse der Stadt sein, findet Kasper. Bei Projekten wie „Kolle“ handele es sich schließlich um „Start-ups für mehr Vielfalt und Innovation im Wohnungsbereich“.

Siehe auch: Eine neue Dachgenossenschaft könnte bald beginnen, in Frankfurt für gemeinschaftliche Gruppe Häuser zu bauen und zu verwalten.

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