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Stadtteilhistoriker Rudolf Dederer hat das Denkmal „Haus der Winde“ auf dem Westend-Campus gemeinsam mit einem Künstler realisiert.

Westend

„Haus der Winde“ auf dem Westend-Campus erinnert an Auguste D.

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Stadtteilhistoriker Rudolf Dederer hat gemeinsam mit dem Künstler Bruno Feger ein Denkmal für die erste Alzheimer-Patientin Auguste D. entworfen. Bedeutungen hat es viele.

Der Karton steht auf wackeligen Beinen. Oben und unten geöffnet, halten ihn nur die drei aufgeklappten Deckel am Boden. Diese drohen jedoch jeden Moment einzusacken. Die Skulptur aus Stahl steht seit kurzem als Denkmal auf einem Sockel am Westend-Campus. Aus kleinen, verschieden großen Rechtecken hat der Schwarzwälder Künstler Bruno Feger das würfelartige Gebilde zusammengeschweißt. Die Schweißnähte, die die Kanten bilden, scheinen hektisch aneinander gestückelt.

Das „Haus der Winde“, wie es der Schöpfer genannt hat, soll an Auguste Deter, die erste Alzheimer-Patientin, erinnern. Am 25. November 1901 hatte sie ihr Mann aus der gemeinsamen Wohnung in der Mörfelder Landstraße per Straßenbahn in die psychatrische Klinik auf dem heutigen Uni-Gelände gebracht. Der Oberarzt der Klinik, Alois Alzheimer, nach dem diese Form der Demenz benannt ist, diagnostizierte die Hirnerkrankung erstmals an Deter nach ihrem Tod.

Das hat Rudolf Dederer recherchiert. Er ist Initiator des Denkmals. Der 80-Jährige hat mit einem Ehrenamtsstipendium als Stadtteilhistoriker der Polytechnischen Stiftung die Geschichte Deters recherchiert. Gemeinsam mit dem Künstler hat der gebürtige Westendler die Idee für das Denkmal weiter entwickelt und das Werk schließlich der Uni gestiftet. „Wenn die Form nichts mehr hält und der Mensch völlig seiner Identität entleert ist, bleibt trotzdem zu erkennen, was er war“, sagt Dederer in Anlehnung an den leeren Karton.

Oberhalb des Nina-Rubenstein-Weges und unterhalb des Uni-Präsidiums findet sich das Denkmal – genau an dem Hügel, wo früher die psychatrische Klinik, im Volksmund „Affenstein“ oder „Irrenschloss“ genannt, gestanden hatte. Von der U-Bahnstation Grüneburgweg kommend führt der Weg viele Studierende und Uni-Mitarbeiter an dem Denkmal vorbei. Der Karton sei demnach nicht nur Erinnerung an die erste Alzheimer-Patientin, sondern stehe auch als „Symbol für Mobilität“, die auch die Akteure am Campus häufig betreffe. Und es stelle sich die Frage, wie jeder Einzelne diese, in der heutigen Zeit, relativ hohe Mobilität sinnvoll nutze, sagt Dederer.

Die Scherben im Sockel der Skulptur stehen für die Bruchstücke einer ehemaligen Existenz.

Für den pensionierten Juristen sei es wichtig gewesen, neben dem Arzt auch dessen Patientin zu würdigen, ohne die die Entdeckung der Krankheit so nicht möglich gewesen wäre. Auguste Deter, als Auguste D. in Alzheimers Akten verzeichnet, verbrachte knapp fünf Jahre in der Psychiatrie, ehe sie mit 56 Jahren starb.

Ihr Arzt hat ein Monument neben dem Uni-Casino, im Kreis eines kleinen Hains bekommen. Es liegt nur wenige Schritte von Deters Denkmal entfernt, wirke jedoch ungleich „distanzierter“ als der Sockel mit dem silbergrauen Karton, an dem noch eine Plakette mit Erläuterungen zu Deter angebracht werden soll, wie der Stadtteilhistoriker sagt.

Ausgangspunkt für seine Forschung über die erste Alzheimer-Patientin war ein Spaziergang Dederers vor mehr als zehn Jahren gewesen. Damals wollte er sich die Baustelle der neuen Uni-Gebäude näher ansehen. Da entdeckte er einen großen Scherbenhaufen, der aus dem „Affenstein-Turm“ geborgen worden war.

Im Sockel des Alzheimer-Denkmals, unter einer Glasplatte, sind deshalb weiße Tassen- und Tellerreste mit rot und blau schimmernden Verzierungen zu sehen: Dederer hat die Originalscherben in einer gläsernen Schatulle unter dem silbergrauen Karton einbetonieren lassen. Für ihn stehen die Scherben als Metapher für die Alzheimer-Krankheit.

Weitere Geschirr-Reste, die als Installation in einen hölzernen Tisch und Schrank eingelassen sind, finden sich in einer Ausstellung im Gesundheitsamt statt. Dederer interessiert nicht nur die Person Auguste Deter, sondern auch die gesellschaftliche Dimension der Krankheit. „Wenn nicht bald ein Medikament gefunden wird, werden immense Kosten auf die Gesellschaft zukommen“, fürchtet er. Daher will sich der Stadtteilhistoriker auch künftig dem Thema widmen.

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