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Stefan Roller ist im Frankfurter Museum Liebieghaus für die mittelalterliche Kunst zuständig – hier steht er hinter drei spätgotischen Christkindern.

Kultur

Ein Haus voller Weihnachtsgeschichten in Frankfurt

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Im Liebieghaus in Frankfurt ist das Christkind Zuhause – viele Künstler des Mittelalters haben die Erzählungen märchenhaft ausgeschmückt. Wer genau hinschaut, kommt ins Staunen.

Das Christkind ist der ganze Stolz von Stefan Roller, der seit 2006 am Frankfurter Liebieghaus für die Kunst des Mittelalters zuständig ist. Seit ziemlich genau zwei Jahren gehört der propere nackte Knabe, um 1470 vom Ulmer Bildhauer Michel Erhart aus Holz geschnitzt, zu der exquisiten Sammlung des Skulpturenmuseums am Schaumainkai, erworben mit Hilfe der Ernst-von-Siemens-Kulturstiftung.

„Figuren dieser herausragenden Qualität sind sehr selten“, schwärmt Roller. „Das ist mit das Beste, was man in dieser Zeit machen konnte. So ein Stück zu erwerben, war schon lange unser Wunsch.“ Vergleicht man Erharts Jesulein mit dem etwas jüngeren, aus den Niederlanden stammenden Christkind in der Nachbarvitrine, muss man kein Fachmann sein, um die Qualitätsunterschiede festzustellen. „Die Darstellung wird zur Massenware“, sagt Roller.

Erharts Kinderbild stammt vermutlich aus einem schwäbischen Frauenkloster und war früher nicht so nackig wie jetzt im Museum. „Wenn man sich die gut erhaltene, großteils originale Bemalung, die Fassung, genau anschaut, sieht man an vielen Stellen Abnutzungsspuren“, erzählt Roller. Denn das Jesuskind wurde immer wieder mit prächtigen Kleidern an- und ausgezogen, in eine Wiege schlafen gelegt und sogar gewindelt. Um das Umziehen zu erleichtern, sägte man ihm einst wohl deshalb die Hände ab, sie sind ebenso verloren wie die Kleidungsstücke.

Auch eine Maria mit Babybauch gehört dem Liebieghaus.

Dass mit solchen Kunstwerken einst regelrecht gespielt wurde wie mit Puppen, ist ein faszinierender, gleichwohl uns Heutigen ziemlich fremder Gedanke. Besonders pfleglich ging man mit vielen der inzwischen im Museum hoch geschätzten Skulpturen nicht um. Roller zeigt eine virtuos geschnitzte kleine Marienfigur desselben Künstlers, die dem Jesuskind die Brust gibt, auch sie eine Neuerwerbung des vergangenen Jahres. Man mag es kaum glauben, was Roller da berichtet: Die dunkle Färbung des kostbaren Stücks ist ganz profane Schuhcreme, mit der ein Kunsthändler dem Stück eine geheimnisvollere Patina verleihen wollte. Im kommenden Jahr sollen Jesuskind und stillende Madonna restauriert werden, berichtet er.

Im Liebieghaus ist in einigen Sälen das ganze Jahr über Weihnachten – schließlich hat die Geburtsgeschichte zahlreiche Künstler des Mittelalters zu märchenhaften Ausschmückungen des – eigentlich sehr knappen – biblischen Berichts animiert. Das Museum besitzt sogar eine hochschwangere Maria, die allerdings grade nicht zu sehen ist, da sie im Januar in eine Ausstellung verliehen wird.

Denn schon in der Antike gab es romanhafte, detaillierte Erzählungen über das Leben Jesu, in denen auch ganz wunderbare Dinge erzählt werden: etwa dass schon der Säugling Drachen und andere wilde Tiere gezähmt habe, dass Dattelpalmen sich vor dem Kind verneigten, um der heiligen Familie auf der Flucht nach Ägypten frische Früchte anzubieten, oder dass die heidnischen Götzenbilder beim Vorbeizug der drei von ihren Sockeln stürzten.

„Das Kind konnte nach den Legenden schon mit zwei Tagen laufen und mit fünf Tagen sprechen“, sagt Roller. „Auch deshalb wird es oft wie ein kleiner Erwachsener dargestellt.“ Michel Erharts Meisterwerk ist da eine seltene Ausnahme.

Das Kind liegt auf dem Mantel seiner Mutter, ein Weihnachtsbild voller Details.

Auch fromme Gläubige hatten immer wieder Visionen, die weitere Details offenbarten. Die wohl einflussreichste war die Nonne Birgitta von Schweden. „Sie hatte 1371 ihre Vision und wurde schon 20 Jahre später heiliggesprochen“, sagt Roller. Bei ihr wird die Geburt eine ganz saubere Sache, Maria wird seither meist kniend und nicht mehr liegend dargestellt. „Das ist eine tief religiöse, mystische Betrachtungsweise“, sagt Roller. Zwei nebeneinander hängende Reliefs mit Anbetungsszenen im großen Saal mit den Christkindern zeigen sogar die beiden Hebammen, die Joseph umsonst zur Hilfe holt, wie sie über einen Zaun klettern. Auch sie hat die heilige Birgitta in einer Vision erblickt.

Mit der Inszenierung der einzelnen Kunstwerke in den Museumsräumen will Roller Bezüge herstellen, besonders deutlich bei den beiden thematisch ähnlichen Reliefs, manchmal auch charmant um die Ecke gedacht wie im Schaudepot, wo die heilige Familie mit ihrem Esel nach Ägypten flieht und auf eine 2000 Jahre ältere ägyptische Mumienmaske zureitet. Hintergründe bildet ein kleiner Führer zum Thema Weihnachten, der am Eingang erhältlich ist.

Viele Besucher begegnen den Werken in der Ausstellung mit im wahrsten Wortsinn ungläubigem Staunen, berichtet Roller. Er erlebe oft, dass sie sich über christliche Kunst echauffieren. „Das Mittelalter ist viel moderner, als die Leute meinen. Unsere Kultur ist fast 2000 Jahre lang davon bestimmt worden. Ästhetik und Kunstfertigkeit kann man doch trotzdem würdigen.“

Das Frankfurter Liebieghaus, Schaumainkai 71, ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags auch bis 21 Uhr. An Heiligabend und Silvester bleibt das Museum geschlossen. Am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag ist es von 10 bis 18 Uhr geöffnet, an Neujahr von 11 bis 18 Uhr. Das Schaudepot im Keller des Liebieghauses ist jeweils am 1. Sonntag des Monats mit einer Führung um 15 Uhr zugänglich, Anmeldung unter Tel. 069/605098200, oder unter Mail: buchungen@liebieghaus.de.

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