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Während der Corona-Krise sind die Laufhäuser im Bahnhofsviertel geschlossen. (Symbolbild)

Prostitution

Frankfurter Prostituierte:„Ich habe große Angst vor Corona“

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Eine Frankfurter Prostituierte darf wegen der Pandemie nicht mehr arbeiten. Ohne Einnahmen hat sie nicht mal Geld, um sich etwas zu essen zu kaufen.

  • Die Corona-Krise* trifft Menschen an den Ränder der Gesellschaft hart
  • Prostituierte sind derzeit besonders schutzlos und können nicht auf finanzielle Untersützung zählen
  • Eine Prostituierte aus dem Bahnhofsviertel in Frankfurt erzählt

Frankfurt - Zhana (Name von der Redaktion geändert) hat jetzt oft Hunger. „Manchmal bringen mir meine Kolleginnen einen Cheeseburger mit“, erzählt sie. Denn die 24-jährige Prostituierte selbst kann sich kaum Essen leisten. Seit zwei Monaten hat sie keine Einnahmen mehr. „Ich kann nicht arbeiten. Die Laufhäuser sind wegen der Corona-Pandemie alle zu.* Viele meiner Kolleginnen aus dem Laufhaus arbeiten jetzt auf der Straße heimlich weiter. Aber ich will das nicht. Ich habe große Angst vor Corona, denn ich habe Asthma und bin zuckerkrank.“ Eine Krankenversicherung habe sie wie die meisten ihrer Kolleginnen nicht. Den Beitrag für Selbstständige könne sie sich nicht leisten.

Zhana ist eine hübsche junge Frau, die beim Treffen Jeans, Sneakers und ein gepunktetes Oberteil trägt. Wenn man die Bulgarin auf der Straße trifft, würde man nicht vermuten, dass ihre Lebensgeschichte so hart ist. Seit fünf Jahren arbeitet sie als Prostituierte in Laufhäusern. Drei davon sind im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Frankfurt: Prostituierte in der Corona-Krise ohne Arbeit und Einkommen 

An diesem Tag sitzt sie bei der Beratung im Büro des Vereins „Frauenrecht ist Menschenrecht“ (FIM) in Bockenheim. Sie trägt wie die Beraterinnen eine Maske. Ihr Blick ist eine Mischung aus Verzweiflung und tiefer Traurigkeit. Die Mitarbeiterinnen des Vereins haben zusammen mit ihr einen Antrag auf Arbeitslosengeld II gestellt. „Aber bislang habe ich noch keine Rückmeldung.“ Dabei hat sie jahrelang Steuern bezahlt, kann durch die Quittung der Tagesmiete an das Laufhaus nachweisen, dass sie gearbeitet hat und ist unter dem Prostituiertenschutzgesetz angemeldet. „Wir gehen davon aus, dass sie Geld bekommt, aber bislang ist noch nichts da. So lange gehen wir in Vorleistung“, sagt Encarni Ramírez Vega, stellvertretende Geschäftsführung des Vereins*, die beim Gespräch dabei ist. 50 Euro die Woche bekommt Zhana vom Verein als sogenannter Härtefall für Lebensmittel.

Denn Ersparnisse hat sie keine. An guten Tagen verdiente sie vor Corona zwischen 200 und 400 Euro, davon gingen 150 Euro an Tagesmiete ans Laufhaus ab. Auch habe sie keinerlei finanzielle Hilfe von Angehörigen. „Ich habe in Deutschland niemanden. Meine Mutter ist vor Jahren an Krebs gestorben, meine zwei jüngeren Geschwister leben noch in Bulgarien. Ich schicke ihnen normalerweise immer Geld. Aber momentan habe ich selbst nichts. Ich kann ihnen nicht helfen.“ Sie schluckt. Ihre Schwester ist 12, der Bruder 18. Sie lebten bei dem „zweiten Papa“. Sie träumt davon sie eines Tages nach Deutschland zu sich zu holen. „Meine Schwester soll hier zur Schule gehen.“ Aber momentan sind das ferne Träume. Sie habe gerade nicht mal Internet, um mit ihren Geschwistern über Video zu chatten, und um zu schauen, dass es ihnen gutgeht.

Corona-Krise trifft Prostituierte im Bahnhofsviertel in Frankfurt hart  

„Normalerweise schlafe ich im Laufhaus, aber das ist ja geschlossen. Ich bin in einem kleinen Hotel im Bahnhofsviertel für 30 Euro die Nacht untergekommen. Das Geld haben mir Kolleginnen geliehen, aber das geht auf Dauer nicht. Sie haben selbst wenig. Ich muss ihnen das auch irgendwann zurückzahlen.“ Wenn sie ganz schlimm Hunger hat, koche ihr der Mann an der Rezeption Reis im Reiskocher, erzählt sie.

Zhana hat nur ein Jahr lang eine Schule besucht. „In Bulgarien braucht man Geld, um zur Schule zu gehen. Meine Mutter war schon da sehr krank, die Schule weit weg. Das konnte sich meine Familie nicht leisten. Ich habe also nie Lesen und Schreiben gelernt.“ Deutsch habe sie sich durchs Sprechen mit Kolleginnen beigebracht. Es ist gebrochen, aber sie kann sich gut verständigen.

Kein Geld für Essen - Prostituierte in Frankfurt erzählt von den Problemen seit der Corona-Krise

Als sie vor ein paar Jahren nach Deutschland kam, lebte sie zuerst bei ihrer Tante in Köln, und arbeitete schwarz in einem Café, später in einem Hotel. „Dort habe ich geputzt.“ Durch einen Zuhälter sei sie in die Prostitution reingeraten. Über die genauen Umstände möchte sie lieber nicht sprechen. Später habe sie sich dann von dem Zuhälter gelöst und selbstständig weitergemacht.

Dann erzählt sie von ihren Kolleginnen, die trotz Verbots in der Corona-Zeit heimlich weiterarbeiten. „Einige wurden schon von der Polizei erwischt. Sie haben Bußgeld zahlen müssen, und als sie öfter erwischt wurden, mussten sie sogar für eine Nacht in den Knast. Aber sie brauchen das Geld.“ Sie selbst will raus aus der Prostitution. Zhana will ein neues Leben.

Frankfurt: 24-Jährige möchte nach Corona-Krise raus aus der Prostitution 

„Ich kann und will nach Corona nicht mehr in die Prostitution zurück.“ Ihre Stimme ist bestimmt. Encarni Ramírez Vega sagt in diesem Moment: „Corona könnte für dich eine Chance sein rauszukommen. Wenn du Arbeitslosengeld II bekommst, hättest du erst mal Essen, eine Wohnung. Du wärst so weit finanziell abgesichert, dass du die Möglichkeit hättest, Lesen und Schreiben zu lernen.“ Zhana nickt und ihre Augen lächeln.

Von einem Richard Gere, der sie wie bei Pretty Woman rettet, träumt Zhana nicht. „Ich habe keinen Boyfriend. Ich will auch keinen. Alleine geht es mir viel besser. Ich will einfach eine normale Wohnung und einen normalen Job. Ich kann sehr gut Haare stylen. Mein Traum wäre es im Friseursalon zu arbeiten.“

Von Kathrin Rosendorff


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