Frankfurt am Main, 15.07.2020
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Polizeibeamte fordern Drogenabhängige, die vor dem Druckraum in der Niddastraße lagern, dazu auf, sich zu entfernen.

Reportage

Verhärtete Fronten: Was das Virus mit dem Bahnhofsviertel macht

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Eine Reportage aus dem Viertel zeigt, wie verhärtet die Fronten zwischen Gastronomen, Sozialarbeitern und Anwohnern sind. Die fehlende Humanität wird angeprangert.

  • Das Bahnhofsviertel in Frankfurt ist so berühmt wie berüchtigt
  • Anwohner und Gastronomen beobachten: Seit Corona hat sich die Lage noch verschlechtert
  • Polizei und Stadt werden in Frankfurt scharf kritisiert

Die Stimmung kippt in der Niddastraße 49 in Frankfurt. Neben dem Konsumraum der „Integrativen Drogenhilfe“ rangeln sich ein paar Männer, dann fliegen Fäuste. „Wir bleiben lieber mal drin“, sagt Anke Stein. Sie ruft die Polizei. Stein steht gemeinsam mit Frank Weingärtner im Flur von Hausnummer 49. Sie sind Sozialarbeitende beim Streetworkteam von Ossip, das ein Teil des „Frankfurter Wegs“ in der Drogenpolitik ist. Ossip steht für Sozialarbeit, Sicherheit, Intervention und Prävention.

Frankfurt Hauptbahnhof: Seit Corona hat sich die Stimmung verschlechtert

Nur wenige Sekunden später beruhigt sich die Lage. Stein und Weingärtner öffnen die Tür und überqueren die Straße. 30 bis 40 Drogensüchtige säumen die Straße vor dem Konsumraum. Die Wege sind vermüllt, die Lage ist angespannt. „Die Stimmung ist nicht gut“, sagt Stein.

Das Bahnhofsviertel ist mal wieder in aller Munde. Vor rund zwei Wochen beklagten Gastronomen und Gewerbetreibende in einer Resolution, dass die Drogenabhängigen sich seit Corona stark im Viertel ausgebreitet hätten und wesentlich aggressiver seien. Außerdem hätten sich penetrante Drogendealer und ganze Bettlergruppen breitgemacht.

Wie die Stadt nun mitteilte, wurde im gesamten Bahnhofsviertel die Polizeipräsenz erhöht. Allein in der Zeit vom 29. Juni bis 12. Juli war die Stadtpolizei in der Kaiserstraße und im Kaisersack zusätzlich unterwegs. 48 Personenkontrollen, elf Platzverweise, Mobilisierung von 296 klientelangehörigen Personen und weitere 16 Maßnahmen, wie etwa Anzeigen wegen Lagerns und aggressiven Bettelns, seien das Ergebnis dieser Kontrollen, heißt es.

Frankfurt: „Das Problem ist, dass seit Corona die Hilfseinrichtungen eingeschränkt arbeiten“

Gefixt wird, wo Platz ist.

Und diese Präsenz wird an diesem sonnigen Mittwochnachmittag überdeutlich. Die Uniformierten sind gefühlt im Dauereinsatz, immer wieder tauchen sie zwischen Kaiserstraße, Taunusstraße und den „Wasserstraßen“, wie es Sozialarbeiter Weingärtner formuliert, auf. Einmal verscheuchen sie eine Gruppe von Männern vom Gehweg in der Elbestraße.

Ein anderes mal beobachten drei junge Polizisten, angelehnt an ein Polizeiauto, eine kreischende süchtige Frau im Rollstuhl vor dem Konsumraum in der Elbestraße. Es sind teils sehr bedrückende Szenen, die sich im Dunstkreis der „Wasserstraßen“ abspielen. Doch dass die Drogensüchtigen aggressiver aufträten, sei falsch, sagt Weingärtner. „Es hat sich nichts verändert. Das Problem ist, dass seit Corona die Hilfseinrichtungen eingeschränkt arbeiten und die Leute nirgends hingehen können“, sagt er. Selbst Orte wie die Kaiserpassage oder Tiefgaragen, wo es warm sei und sich Süchtige aufhielten, seien mittlerweile unzugänglich oder vom Sicherheitsdienst überwacht. Doch unabhängig von Corona gebe es generell zu wenige Hilfseinrichtungen.

Frankfurt Hauptbahnhof: „Da passiert gar nix. Die Dealer können weiter Gas geben. Es ändert sich nichts.“

Seit der Corona-Pandemie wurden die Konsumräume monatelang auf die Hälfte reduziert, Essensvergaben stark eingeschränkt, Notunterkünfte sind überfüllt, Tagesaufenthalte in den Einrichtungen kaum möglich. Nur die Anzahl der Konsumräume sei wieder erhöht worden, sagt Stein. Und sie pflichtet ihrem Kollegen bei: „Irgendwo müssen unsere Klienten ja hingehen. Die Bewohner im Viertel müssen sich ja nicht zwangsläufig in bestimmten Ecken aufhalten.“

Nur ein paar Meter entfernt in der Elbestraße steht Nico Fischer vor einem Mobilfunkladen. Er arbeitet in der Housebar 55, Elbe-straße, Ecke Niddastraße. Er widerspricht den Streetworkern. „Es ist viel schlimmer geworden“, sagt er. Fischer ist breit gebaut, tätowiert an Armen und Beinen, er trägt ein kurzärmliges Karohemd.

Vor ein bis zwei Monaten war seine Ehefrau in eine Schlägerei mit einer „Junkiefrau“, wie er sagt, verwickelt. „Das war bei einem Kiosk an der Niddastraße, Ecke Moselstraße. Die Junkiefrau hatte ein Messer und warf es weg“, erzählt er. Seine Frau hätte daraufhin Polizisten verständigt,, die wohl nur ein paar Meter entfernt standen, sie aber ignorierten. „Die Junkiefrau kam und griff meine Frau an. Hätte sie noch das Messer gehabt, vielleicht wäre sie jetzt tot“, sagt Fischer. Ob die erhöhte Polizeipräsenz für mehr Sicherheit im Viertel sorgt? „Da passiert gar nix. Die Dealer können weiter Gas geben. Es ändert sich nichts.“

Frankfurt: „Dealer und Süchtige versammeln sich [...] vor meinem Restaurant, aber die Polizei unternimmt nichts“

Nur wenige Schritte entfernt in der Kaiserstraße steht Amadeus Erisik vor seinem Restaurant „Bacco“. Seit sieben Jahren hat er sein Lokal im Bahnhofsviertel. „Seit Corona ist alles schlimmer geworden.“ Erisik, ein schmaler Mann, auf seiner Nase sitz eine Brille mit schwarzem Gestell, ist sehr aufgebracht. Er fühlt sich von der Stadt im Stich gelassen. „Dealer und Süchtige versammeln sich mit zehn bis zwanzig Personen vor meinem Restaurant, aber die Polizei unternimmt nichts“, sagt er. Es gab Diebstähle und sogar Flaschenwürfe auf Erisik. „Es ist hier nicht mehr sicher.“ Es geht zurück in die Niddastraße über die Elbestraße, vorbei an einem Süchtigen, der sich einen Schuss in den Fuß setzt.

Polizeiwagen und Schar von Drogenbenutzern in der Moselstraße.

Man dürfe nicht aus den Augen verlieren, wie problematisch die Lage für die Drogensüchtigen und Obdachlosen geworden sei, sagt Hannah Jäckel. Sie arbeitet in der Sozialberatung beim Förderverein Roma. Jäckel steht vor der Einrichtung in der Niddastraße, nur wenige Gehminuten vom „großen Konsumraum“, wie es in der Szene heißt, entfernt.

Vor der Eingangstür zum Verein sind Blutflecken, rechts liegen drei Obdachlose tief versunken im Schlafsack. Auch Jäckel sagt, dass die Notunterkünfte überfüllt seien. Dies betreffe nicht nur die Drogensüchtigen, sondern auch ihre Klientel, die Roma-Familien. „Die Unterkünfte sind derart voll, dass die Leute Angst haben, weil die Corona-Maßnahmen nicht einzuhalten sind“, sagt Jäckel. Zusätzlich verschärften sich die prekären Lebenslagen durch Corona. Es sei doch verständlich, wenn die Drogensüchtigen lieber auf der Straße leben möchten.

Frankfurt Hauptbahnhof: „Das Problem ist die Politik, die einfach die Realität nicht erkennt“

Über den Räumlichkeiten vom Förderverein Roma befinden sich auf mehreren Etagen die Wohnungen vom Hausprojekt Nika. Seit einem Jahr wohnt dort Emel Schattner. Sie hat kurze, dunkle Haare, trägt eine graues Oberteil, schwarze Hose, auf ihrer Nase sitzt eine Brille mit dunklem Gestell. „Ich blicke von meinem Fenster aus direkt auf den Karlsplatz. Seit dem die Laufhäuser dicht sind, sind auch viele junge Frauen dabei. Das Straßenbild hat sich verändert“, sagt sie.

Niemand aus dem Haus hätte Angst. Vielmehr sorgen sie sich um die Menschen. „Drogensüchtige werden nicht als Kranke angesehen. Die Stadt verfolgt keinen humanitären Ansatz. Ich verstehe nicht, wie man dieser Verelendung noch zuschauen kann“, sagt Schattner. Die erhöhte Polizeipräsenz sieht sie sehr kritisch: „Das Problem wird nicht aus der Welt geschafft, wenn mehr Polizisten unterwegs sind. Das Problem ist die Politik, die einfach die Realität nicht erkennt.“

Zurück in der Niddastraße 49. Die Streetworker Weingärtner und Stein stehen noch immer gegenüber vom Konsumraum. Nun sind auch drei junge Polizisten vor Ort und reden mit den Drogenabhängigen. Währenddessen fegt ein Mann mir orangefarbener Weste den Müll von der Straße. Nun stößt noch ein Auto der Stadtpolizei hinzu. Der Beamte steigt aus, läuft zu den beiden Sozialarbeitern. Sie duzen sich, man kennt sich eben. „Was ist denn passiert?“, fragt er. „Eine Rangelei hier neben dem Konsumraum“, antwortet Weingärtner. Der Stadtpolizist schnauft und sagt: „Ich bekomme schon wieder Migräne.“

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