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Die Polizeiabsperrung auf dem Querbahnsteig.

Interview

Notfall-Seelsorge: „Das Leben ist von einer Sekunde zur anderen nicht mehr das, was es war“

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Notfallseelsorgerin und Pfarrerin Christine  Zahradnik spricht über Hilfe nach den dramatischen Erlebnissen.

Christine Zahradnik leitet die Notfallseelsorge in den Landkreisen Main-Taunus und Wetterau.  

Frau Zahradnik, was geht in einem Menschen vor, der auf dramatische Weise bei einem Unfall einen Angehörigen verliert?
Das Leben ist von einer Sekunde zur anderen nicht mehr das, was es war. Es wird einem buchstäblich der Boden unter den Füßen weggerissen. Die allererste Reaktion ist deshalb Fassungslosigkeit.

Wie können Notfallseelsorger in so einer Situation helfen?
Hilfe ist eigentlich ein zu großes Wort für die Arbeit, die wir machen. Wir können die Welt der Betroffenen nicht wieder aufbauen. Aber wir können sie erst mal begleiten, zuhören, manchmal Worte finden oder mit ihnen schweigen.

Was sind die ersten Schritte aus der akuten Situation? 
Wichtig ist, dass es gelingt, Struktur in das Chaos zu bringen, das der Unfall ausgelöst hat. Deshalb ist es wichtig, Freunde oder Familienmitglieder zu informieren, damit die Betroffenen möglichst rasch Hilfe aus dem sozialen System bekommen.

Können dabei auch Unfallzeugen helfen?
Eher nicht. Sie sind ja selbst betroffen, haben die traumatische Situation miterlebt. Deshalb ist es besser, wenn wir als Notfallseelsorger in den ersten Stunden dabei sind. Unsere Mitarbeiter sind speziell ausgebildet, wissen, wie die Begleitung aussehen kann.

Welche Nachwirkungen hat ein traumatisches Erlebnis wie ein tödlicher Unfall im Leben eines Menschen?

Die Reaktionen können sehr unterschiedlich sein – manche Menschen weinen und schreien, andere verstummen. Die Gemütszustände können im Minutentakt wechseln – von Aggression bis zu tiefer Verzweiflung. Häufig leiden Betroffene später unter Schlafstörungen, sind nervös und können sich schlecht konzentrieren. Überlebende eines Unfalls haben Schuldgefühle, dass sie denen, die gestorben sind, nicht helfen konnten. Viele werden auch die Bilder des Unfalls nicht mehr los.

Können Menschen mit diesen Folgen zurechtkommen, ohne sich Hilfe bei einem Therapeuten zu holen?
Es wird zumindest sehr, sehr schwer, ohne Begleitung damit zurechtzukommen. Es ist deshalb gut, sich möglichst schnell Hilfe zu suchen – bei einem Therapeuten oder bei einem Arzt, dem man vertraut.

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Gilt das auch für Zeugen und Einsatzkräfte?
Bei Einsatzkräften sollten die Nachwirkungen nach einigen Wochen abklingen. Meist haben sie den Unfall nicht selbst miterlebt, und sie sind professionell geschult, wie traumatische Erlebnisse verarbeitet werden können. Bei Zeugen ist das anders. Sie sind mitbetroffen und brauchen in vielen Fällen ebenfalls Unterstützung.

Lässt sich ein derart einschneidendes Erlebnis jemals komplett verarbeiten?
Man wird die Erinnerung nie ganz löschen können, was geschehen ist, bleibt ein schrecklicher Teil der Lebensgeschichte. Im besten Fall gelingt die Integration: Das heißt, das Erlebnis findet seinen Platz im Leben, es kann eingeordnet werden und belastet den Menschen nicht mehr ständig.

Interview: Andrea Rost

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