Die ehemalige Drogenabhängige Jenny führt durch das Bahnhofsviertel und erzählt von ihrer Drogenkarriere und vom Milieu. Foto: Rainer Rüffer

"Auf den Schuss folgt das tiefe Loch"

Tour durchs Bahnhofsviertel mit einem Ex-Junkie - So ist das Leben in der Drogenhölle

Seit acht Jahren ist Jenny Blaine (39) clean. Sie ist im Methadon-Programm. Mit 12 fing sie an zu trinken. Mit 16 hing sie an der Nadel. Heute klärt sie im Bahnhofsviertel auf, wie das Leben in der Drogenhölle ist. Das schreckt auch Jugendliche ab, in den Teufelskreis Droge zu kommen.

Frankfurt - Wer Jenny Blaine im Bahnhofsviertel trifft, sieht eine hübsche sportliche Frau mit strahlenden blauen Augen, langen braunen Haaren und einem Muster-Tattoo zwischen Schläfe und linkem Auge. Kleine Piercings, Jeans, T-Shirt und Lederjacke, dazu silbernen Schmuck. 

Was man nicht ahnt, ist, dass die 39-jährige gelernte Arzthelferin und ehemalige Verwaltungsfachangestellte im Rathaus Oberursel unten war. Ganz unten im Drogenelend. Alkohol, Heroin, Kokain, Crack, obdachlos, hoffnungslos. Seit acht Jahren ist sie im Methadonprogramm. Seither nimmt sie keine Zusatzdrogen mehr. Jetzt will sie helfen und aufklären. Darüber, wie das Leben als Junkie ist und darüber, warum man es bleiben lassen sollte.

Bahnhofsviertel: Ex-Junkie zeigt die Gegend rund um den Hauptbahnhof Frankfurt

"Ich wollte Wärme spüren. Etwas, was ich zu Hause nicht bekommen habe. Ich wollte etwas fühlen", sagt sie. Bei ihrer Oma standen kleine bunte Fläschchen auf einem Bartischchen. "Blue Curacao, Jägermeister und so. Ich habe es heimlich probiert. Es war so schön warm im Bauch", erklärt sie den Beginn ihrer Drogensucht mit zwölf Jahren und blickt auf zwei alte Männer, die die Elbestraße entlangtaumeln. Sie war gut in der Schule, erfolgreich in der Hessenmannschaft als Geräteturnerin. "Lob, das ich suchte, gab es selten."

Ihren amerikanischen Vater kennt Jenny nicht. Wärme hat sie gesucht und im Alkohol gefunden. Mit 16 begann sie eine Ausbildung bei einer Ärztin, die auch das Methadonprogramm anbot. "Kein Problem für mich", so die junge Frau, die damals noch nicht wusste, was das ist. Sie fühlte sich hingezogen zu denen, die ausgegrenzt waren. Zu denen, die schlecht behandelt wurden. Zu denen, die versuchten, von Drogen wegzukommen.

Tour-Guide durchs Bahnhofsviertel war selbst schwerstabhängig

Vor dem Drückerraum in der Elbestraße steht ein Polizeiwagen, gegenüber sitzt eine Gruppe Leute hinter einem Bauwagen auf dem Boden, daneben Löffel und Kanülen. Sie spritzen sich gegenseitig Drogen in die Beine. Jenny sieht hin, verzieht keine Miene. Auch sie saß schon hier. Schwerstabhängig. Sie verliebte sich in einen Patienten im Methadonprogramm, der an HIV und Hepatitis litt. Er nahm kein Heroin mehr. "Ich tu dir nicht gut, ich bin zu krank", warnte Wadim. Das hat Jenny nicht akzeptiert und blieb bei ihm. Er spritzte ihr Kokain in einem winzigen "eklig, schmutzigen Zimmer. Ich dachte, man spürt nichts", erinnert sich Jenny. "Es schoss durch den Bauch, ins Herz, das schlug, als wollte es aus der Brust springen. Es schoss in die Lunge und in den Kopf. Die Ohren haben gepfiffen. Ein Glücksgefühl wie 100.000 Orgasmen." Fünf Minuten lang war es so. "Danach fühlte sich alles easy an, ich war gut drauf, habe ununterbrochen gelabert. Dann kam das tiefe Loch." Sie geht zur Taunusstraße. "Kokain gibt es schon lange nicht mehr hier auf der Straße. Nur in Form von Crack. Das ist billiger. Der Kick ist nur kurz, dann kommt das Elend."

Junkie im Bahnhofsviertel: "Für eine Pfeife geht man klauen"

Wer abhängig ist, braucht pro Tag 150 bis 200 Euro. "Crack macht aggressiv und hemmungslos. Für eine Pfeife geht man klauen, prostituiert sich und man macht noch viele Dinge, die man sich sonst niemals vorstellen könnte", sagt sie traurig. Jenny hatte jahrelang keinen Kontakt zu ihrer Familie oder Freunden. Sie nahm Heroin, Kokain, Crack und trank "am Tag zwei Liter Wodka".

Wadim und sie lebten auf der Straße, bis Wadim am Tag vor Jennys 19. Geburtstag in ihren Armen an Leberzirrhose starb. "Ich wollte den Schmerz nicht spüren. Habe alles genommen, was es gab." Eine beidseitige Lungenentzündung ließ sie zusammenbrechen. "Ich habe gerade so überlebt und bekam einen Platz im Methadonprogramm", sagt sie. Ihr Blick geht zu Hilfseinrichtungen für Junkies, die apathisch vor der Tür sitzen. "Es kann jeden treffen. Jederzeit." Seit acht Jahren hat sie einen Freund, der nichts mit Drogen zu tun hat. "Jetzt lebe ich, habe die Wärme gefunden, die ich gesucht habe."

Seit einiger Zeit hält Jenny Vorträge vor Jugendlichen beim Arbeiter-Samariter-Bund. Und bei Touren direkt im Bahnhofsviertel. Der Fotograf und Vorsitzende des Gewerbevereins Ulrich Mattner begleitet sie dabei.

Die nächste Tour "Crack, Koks und Heroin" ist am 23. Oktober von 18.30 bis 20.30 Uhr. Geeignet ab 12 Jahren. Informationen darüber gibt es im Internet.

Ich wollte Wärme spüren. Etwas, was ich zu Hause nicht bekommen habe. Ich wollte etwas fühlen.

VON SABINE SCHRAMEK

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