Heute befinden sich in den Räumen ein SOS Kinderdorf-Familienzentrum.
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Heute befinden sich in den Räumen ein SOS Kinderdorf-Familienzentrum.

Frankfurt-Sossenheim

Von der Hasenfellfabrik zur Kita

  • vonValerie Pfitzner
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Das Gebäude „Alte Schule“ in Alt-Sossenheim erfüllte über die Jahre unterschiedlichste Zwecke. Es war einst eine Hasenfellfabrik, Schule und schließlich Wohnsitz. Heute beherbergt es eine Kindertagesstätte.

Ein armer Junge lebte mal hier und mal dort und wurde von Bauern durchgefüttert. Eines Tages beschloss der „arme Deiwel“, wie der ehemalige Ortsvorsteher Günter Moos ihn nennt, nach Paris auszuwandern. Jahre später kehrt er als Edelmann zurück in das Bauerndorf und errichtet zwei elegante Gebäude – ein Wohnhaus und eine Fabrik. Die Geschichte, die klingt wie aus einem Hollywood-Film, ist die von Franz Xaver Doerr. Er baute im Jahr 1853 das Gebäude „Alte Schule“ in der Straße Alt-Sossenheim 9, das voller Geschichten über den Stadtteil im Westen Frankfurts steckt.

Es war das Jahr 1856, als dort die „Hasenhaarschneider“ den Betrieb aufnehmen. Die Fabrik, die Doerr für ihr Handwerk gebaut hatte, war edel: Eine breite Halle führte von der Vorder- bis zur Hinterfront und öffnete sich zur Straße mit zwei großen Toren. Einige Elemente wie die Fenster erinnern an den barocken Höchster Bolongaropalast. Die große Einfahrt in die Fabrik war notwendig: Hier wurden die Felle angeliefert. Sie stammten aus Russland, Böhmen, Polen, Sachsen und Thüringen und gehörten einst Kaninchen, manchmal waren auch Hasenfelle dabei.

24 Jahre lang waren sie für die Hasenhaarschneider der Rohstoff, aus dem Filzhüte hergestellt wurden, dann musste die Fabrik schließen. Der Grund: „Die sind alle krank geworden und früh gestorben“, weiß Günter Moos. Er hält regelmäßig Vorträge über die Geschichte seines Stadtteils. Sein Ur-Großvater, Paul Moos, war ebenfalls ein Hasenhaarschneider. Mit 49 Jahren starb er an den Folgen seiner Arbeit.

Um die Oberflächenstruktur der Haare spalten zu können, mussten die Hasenhaarschneider die Felle in einer Lösung aus Quecksilber und Salpetersäure beizen. Die gefährlichen Dämpfe, die dabei aufstiegen, vergifteten die Arbeiter langsam. Viele hatten darüber hinaus schwere Lungenprobleme, da sie dauerhaft kleine Härchen einatmeten und sich ihre Lungenbläschen so zersetzten. Dreckschipp, Kräutche, Krummstiwwel und Schepp Louis, wie sich die Hasenhaarschneider untereinander nannten, mussten einer nach dem anderen ihre Arbeit einstellen.

Franz Xaver Doerr musste sich den Bankrott der Fabrik im Jahr 1880 eingestehen. Er verkaufte das Gebäude an die Stadt. Diese baute es zu Schulzwecken um. Direkt neben der Fabrik hatte Doerr ein Wohnhaus für sich und seine Frau errichtet, das den Namen „Maison à Paris“ trug, Der Name wurde in einer in Sandstein gehauenen Inschrift über dem Eingang verewigt. Auch dieses Gebäude musste verkauft werden, hier ließ sich der erste Sossenheimer Arzt, Doktor Rudolf Tissquen, nieder. Franz Xaver Doerr verließ Sossenheim erneut, diesmal für immer.

Im Jahr 1929 schließlich baute die Stadt die Schulräume zu Wohnungen um und ließ die Durchfahrt schließen. Neben vielen anderen bewohnte auch der 2004 verstorbene Satiriker, Zeichner und Comiczeichner Chlodwig Poth zeitweise eine der Wohnungen. Er veröffentliche regelmäßig Karikaturen mit dem Titel „Last Exit Sossenheim“ in der Titanic.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bezog die Höchster Porzellanmanufaktur Teile der Alten Schule. Ein ungünstiger Zeitpunkt, wie Günter Moos heute findet: „Das war eine Zeit, in der kein Mensch Geld für Porzellan hatte.“ Nach 15 Jahren wird die Manufaktur in der Alten Schule wieder eingestellt.

Heute befindet sich in den Räumen der Alten Schule ein Familienzentrum des Vereins SOS Kinderdorf. Anfang Dezember wurde nach einem Jahr Umbau Eröffnung gefeiert, seitdem haben dort rund 60 Kinder einen Platz in der neuen Kita; in einem großen Café wird für das leibliche Wohl gesorgt. Vom einstigen Zweck der Gebäude ist heute nicht mehr viel zu sehen. Der Schriftzug „Maison à Paris“ auf Doerrs früherem Wohnhaus wurde zwar mit Marmor verkleidet, doch die Zufahrt für die Lieferung der Hasenfelle gibt es schon lange nicht mehr. Dennoch blieb der Charakter der Häuser erhalten. Mit einiger Fantasie sind all die Geschichten, die sie erzählen, noch heute spürbar.

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