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Die Bewohner der Siedlungsgemeinschaft Harheim treffen sich in Corona-Zeiten vorwiegend draußen. Renate Hoyer
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Die Bewohner der Siedlungsgemeinschaft Harheim treffen sich in Corona-Zeiten vorwiegend draußen. Renate Hoyer

Wohnprojekte

Gemeinschaft trotz Pandemie

In Harheim versuchen die Hestias und Geflüchtete in einem Wohnprojekt auf ihre Weise mit Corona umzugehen.

Von der Bushaltestelle am Ortsrand von Harheim sind es nur ein paar Meter an Feldern vorbei und schon steht man im Innenhof. Gepflasterter Boden, weiße Häuser, Balkone – die Gebäude verraten von außen nicht, wer hinter den Fenstern wohnt und was sich dort abspielt. Doch dann kommen Elisabeth Stenger und Beatrice Scherzer mit einem offenen Lachen auf die Besucher zu und führen sie herum. Die beiden Freundinnen wohnen dort seit Beginn des Projekts.

„Hier spielt sich viel von unserer Gemeinschaft ab“, sagt Scherzer und zeigt auf den Innenhof, der sich noch im Aufbau befindet. Im Sommer 2019 sind sie eingezogen, mit den 24 anderen jungen und alten Menschen, die sich entschieden haben, in Gemeinschaft zu wohnen.

Familien, Singles und Paare – Menschen verschiedenster sozialer Schichten, Generationen und Hintergründe treffen hier aufeinander. Die „Hestias“, so nennt sich der Verein, sind 26 Leute in 19 getrennten Wohnungen, aber, wie Elisabeth Stenger sich ausdrückt, „wir haben die euphorische Idee, etwas Gemeinsames zu starten“.

Doch auch bei diesem Projekt gelten die Hygienebeschränkungen, Kontakte müssen also runtergefahren werden. „Das ist ein Killer für die Gemeinschaft“, stellt Scherzer fest. Das Zusammenleben sollte im Vordergrund stand, nun müssen sie auf Distanz gehen. „Uns fehlt der Begegnungsraum“, stimmt ihr Stenger zu. Der Gemeinschaftsraum kann nun nur noch mit Mundschutz und zum Arbeiten genutzt werden. Normalerweise wird hier gekocht, geredet, gescherzt.

Die engsten Freunde werden trotzdem wie Familie angesehen, Scherzer und Stenger beschränken sich hauptsächlich auf den Kontakt miteinander, „wir hängen eh immer zusammen“. Doch jeder halte das anders, manche isolierten sich mehr und manche weniger. Gerade die älteren Leute im Projekt seien vorsichtig. „Manche haben schon Angst, sich zu infizieren.“

Trotzdem bleiben die Hestias nicht untätig: An manchen Sonntagen hören sie zusammen dem Gesang des Sängers Ivan Sosnitskiy zu. Er nimmt Klaviermusik auf und veranstaltet dann ein kleines Konzert im Innenhof mit Liedern aus der ganzen Welt. Die Bewohner:innen können vom Fenster aus zuhören. In der Vorweihnachtszeit hatten sich die Hestias einen ganz besonderen Adventskalender ausgedacht: Jeden Tag wurde eine andere Person von allen Nachbar:innen mit einer Aufmerksamkeit bedacht. Ob Geschenke, Gedichte oder einfach ein kleiner Plausch – so denkt man aneinander.

Im Schrebergarten, der nur zehn Minuten entfernt ist, verbrachte die gesamte Siedlungsgemeinschaft im Sommer viel Zeit. Auch auf dem Hof war etwas los, sie haben zusammen Hochbeete gebaut und sie angemalt. „Wer kommt, arbeitet mit. Alle haben sich gefreut“, erinnert sich Stenger. Es gab ein Sonnenfeuer und ein Sommerfest, alles mit Abstand. Für die 74-Jährige Stenger ist es wichtig, mit gutem Beispiel voranzugehen.

Aufgezeichnet

Emel Schattner lebt seit eineinhalb Jahren im Nika-Haus im Bahnhofsviertel. Die 58-Jährige lebt bereits seit 20 Jahren in ähnlichen Zusammenhängen.
„Ich war schon vor Corona begeistert, in einem Wohnprojekt zu leben. Diese Zeit hat mir verdeutlicht, wie toll das ist, in einer solch belastenden Situation nicht alleine zu sein und viele Menschen um sich zu haben, denen man vertraut. Wir haben viel darüber geredet, wie wir uns und andere schützen können. Dann habe ich gemerkt, wie meine Angst weniger geworden ist. Dadurch, dass wir so große Gemeinschaftsräume und auch die Dachterrasse haben, haben wir die Corona-Zeit recht entspannt erlebt. Als im März der völlige Lockdown kam, waren wir nicht alleine damit. Wir haben uns gegenseitig viele Ängste genommen. Wir fangen uns gegenseitig auf, gerade jetzt ist das ein starker emotionaler Rückhalt. Es ist ein wohliger Schutzraum.
Im Wohnprojekt leben einige, die schon in anderen Bereichen politisch aktiv sind. Aber auch durch das Bahnhofsviertel, das ja politisch besetzt ist, war uns schon klar, das wir irgendwie etwas machen müssen. Im Erdgeschoss haben wir ja die drei Läden, den Förderverein Roma, der Community Space mit vielen antirassistischen Initiativen. Und Synnika, die politische Veranstaltungen und Kunstausstellungen machen. Damit ist schon sehr viel gesetzt. Gerade in der Corona-Zeit sehen wir jetzt vieles sehr offensichtlich. Wir versuchen uns deshalb im Stadtteil zu vernetzen. Im Stadtteil gibt es einen Teil der Gastronomiebetreiber:innen, die sich organisiert haben und am liebsten alles weg und sauber haben möchten. Auch Immobilieninvestor:innen, die bevorzugt nur gewisse Leute im Viertel wohnen haben wollen. Dem möchten wir etwas entgegensetzen, um mehr Menschlichkeit hier reinzubringen. Dazu haben wir Kontakt mit den Druckräumen, anderen Menschen, mit denen wir einer Meinung sind, dass Ursachen angepackt werden, und wir sind bei der Werkstatt Bahnhofsviertel dabei.
Wir sind eine Solidargemeinschaft, passen aufeinander auf, aber wenden den Blick nicht nur nach innen. Wenn jemand einen Konflikt mit einer anderen Person hat und nicht weiterkommt, kann man sich an die Arbeitsgemeinschaft Inneres wenden und sagen, dass man Hilfe braucht. Dann gibt es Gespräche, da kommt dann auch jemand von der AG dazu. Im Plenum gibt es manchmal konfrontative Situationen, die an zwei starken Meinungen hängen. Dann hören wir auf zu reden und lassen sie zu zweit reden. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht. Im Haus sind alle in AGs organisiert – sich einzubringen ist eine Voraussetzung, da wir ein selbst organisiertes Haus sind.“
Aufgezeichnet von Kilian Beck

„Kuschelig zusammensitzen geht dann eben nicht, Treffen mit Abstand unter freiem Himmel schon“, präzisiert Scherzer. Zu einem Wohnprojekt gehört jedoch auch, gemeinsam Entscheidungen zu treffen und aktiv das Zusammenleben zu gestalten, zum Beispiel bei der Gremienarbeit oder bei Versammlungen – eine weitere Herausforderung in der Pandemie.

Der Verein hatte eine Turnhalle angemietet, damit die Beschränkungen eingehalten werden konnten; so konnten sich alle austauschen. „Wir haben alle festgestellt, dass uns das zusammen essen und trinken oder einfach nur mal ein Schwätzen zu halten fehlt.“ Es sei schwierig, mit dieser Situation umzugehen.

Hinzu kommt, dass sich alle noch gar nicht so lange kennen. „Bei uns war das so: Wir haben erst die Wohnung gefunden und dann die Gemeinschaft dazu“, erzählt Scherzer. Sie und Stenger hatten schon länger zusammen in einer WG gewohnt, sich aber immer mehr für dieses Konzept des alternativen Wohnens begeistert.

Nach langem Suchen stießen sie dann auf das Projekt der „Initiative Gemeinschaftliches Wohnen“ und des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), ein Wohnprojekt zusammen mit Geflüchteten aufzubauen. „Ich dachte erst, du lieber Himmel, Harheim!“, lacht die 63-jährige Scherzer mit Blick auf die spärliche Busanbindung. Doch sie waren beide begeistert von der Idee, auf diese Weise Integration im Alltag zu erleben.

Rund 106 Geflüchtete, die vom DRK betreut werden, teilen sich die Siedlungsgemeinschaft mit den Hestias. Manche sind bereits anerkannt, andere noch in einem Asylverfahren. Sie eine, dass sie froh seien, in separaten Wohneinheiten mit ihren Familien leben zu können, berichtet Caroline Bleschke vom DRK. Hier gebe es deutlich mehr Platz als in anderen Gemeinschaftsunterkünften.

Und eine aktive Nachbarschaft haben sie noch dazu. „Wir wohnen gerne mit unseren geflüchteten Nachbarn zusammen“, bestätigt Scherzer. Die Hestias sind Bezugspersonen, für viele von ihnen ist die Möglichkeit zum Engagement der Grund, warum sie hier eingezogen sind. Sie bieten Sprachtandems an und Nachhilfe für die Kinder, manche stehen in Dauerkontakt mit den internationalen Nachbar:innen.

„Die Familien sind jung, sehr freundlich und die meisten sprechen sogar Deutsch“, schwärmt Scherzer. Sie freue sich besonders über die vielen Kinder und die Begegnungen. „Wir machen nicht einfach die Türe zu und wollen dann nichts mehr miteinander zu tun haben.“ Auch Bleschke geht davon aus, dass die verbesserte Wohnsituation vielen dabei hilft, weniger Sorgen zu haben und sich so leichter zu integrieren und anzukommen.

Scherzer ist sich sicher: Die Siedlungsgemeinschaft wird nach Corona umso mehr zusammenwachsen. „Wir fangen ja gerade erst an. Für die Pause können wir nichts, aber das wird schon wieder besser werden“, ist sie sich sicher. Was bleibt, ist der Eindruck, dass es bei den Hestias in Harheim schwer ist, sich einsam zu fühlen. Dafür gibt es zu viel Platz für neue Ideen und eine Gemeinschaft.

Das Wohnprojekt Nika in der Niddastraße will mehr Menschlichkeit in das Viertel bringen. Christoph Boeckheler

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