Das Oberlandesgericht in Frankfurt.
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Das Oberlandesgericht in Frankfurt.

Aktenzeichen XY...ungelöst

Hanswurst in Latex

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Das ZDF-Format "Aktenzeichen XY...ungelöst" berichtet über die Attacke auf einen Frankfurter Swinger-Club-Betreiber und gibt ihn der Lächerlichkeit preis. Jetzt beschäftigt sich das Oberlandesgericht mit dem Fall.

Es ist ein ganz normaler Abend, als Thomas F. am 3. November 2010 vor dem Fernseher Platz nimmt. Noch ahnt der damals 47 Jahre alte Betreiber eines Swinger-Clubs in Bergen-Enkheim nicht, dass er gleich Opfer eines fürchterlichen Verbrechens werden wird: Man wird ihn in aller Öffentlichkeit der Lächerlichkeit preisgeben. Die Täter handeln kalt, schnell und präzise. Sie sind der Polizei seit vielen Jahren bekannt: Es handelt sich um die Redaktion der ZDF-Fernsehserie „Aktenzeichen XY… ungelöst“.

Thomas F. war bereits zuvor Opfer eines fürchterlichen Verbrechens geworden. In einer ganz normalen Nacht. Am 18. Februar 2010. Als er gegen 1.50 Uhr seinen Swinger-Club verlässt, um nach Hause zu fahren, wird er von drei Männern überfallen. Die Täter handeln kalt, schnell und präzise. Sie schlagen ihn nieder, halten ihm eine Pistole an die Schläfe, rauben ihm seine Rolex, den Platin-Ehering, ein Brillantarmband und eine Halskette aus Gold sowie sein Bargeld. Dann zwingen sie ihn, sich in seinen Porsche Boxster zu setzen, sprühen Reizgas in sein Gesicht und verschwinden mit der Beute im Wert von mehr als 70.000 Euro.

Künstlerische Freiheit

Es ist ein ganz normaler Vormittag, an dem Thomas F. Gerechtigkeit vor dem Oberlandesgericht sucht. Das Landgericht hatte zuvor seinem Gerechtigkeitssinn keine Genüge getan, als es am 12. Juli 2012 entschieden hatte, dass der XY-Beitrag Thomas F. zwar als „sehr unbeholfen“ darstelle, aber dennoch keine „besonders schwere Persönlichkeitsverletzung“ vorliege, die Schadensersatz nach sich ziehe.

In dem Beitrag schleppt sich das verletzte Opfer nach Hause, wo es nicht mehr aus eigener Kraft schafft, sich seines Latex-Anzugs zu entledigen. Das besorgt seine Ehefrau auf dem Küchentisch mit einer Küchenschere, der Überfallene zappelt dazu wie ein Maikäfer auf dem Rücken, während der etwa vierjährige Sohn ihn fragt: „Papa, willst du denn zum Fasching gehen?“

Er betreibe zwar einen Swinger-Club, lässt Thomas F. durch seinen Anwalt dem Oberlandesgericht ausrichten. Er sei aber kein Hanswurst. Und er habe keinerlei Schwäche für Latex. Und selbst wenn er die hätte, würde er sie nicht in Gegenwart seiner Kinder ausleben. Er trenne Privates und Geschäftliches streng. Und überhaupt betreibe er einen seriösen Swinger-Club, keine Kirmesbude für Taucheranzugsfetischisten. Er will mindestens 20000 Euro Wiedergutmachung.

Der Anwalt des ZDF spricht von „künstlerischer Freiheit“ und einer „humoristisch-satirisch überzogenen Darstellung“, ehe er die Grenzen zur Metaphysik überschreitet: „Im fiktionalen Bereich gibt es keine Wahrheit.“

Auf Vergleich geeinigt

Das Oberlandesgericht sieht das etwas prosaischer, was daran liegen mag, dass der Senat den XY-Beitrag ebenfalls gesehen hat. „Auch wir sind der Meinung, dass der Kläger lächerlich gemacht und als Depp dargestellt wird, der sich aus eigener Kraft nicht aus dem Latex-Anzug befreien kann“, sagt der Vorsitzende Richter und schlägt einen Vergleich vor, denn „so geht man mit dem Opfer einer Straftat nicht um“. Bevor der Prozess richtig losgeht, einigen sich beide Seiten doch noch auf einen Vergleich.

Es ist ein ganz normaler Mittag, als Thomas F.s Anwalt das Oberlandesgericht verlässt. Noch weiß sein Mandant nicht, dass er vermutlich um 5000 Euro reicher ist. Der letzte kleine Haken ist, dass das ZDF auf einem Widerrufsrecht beharrt. Falls man es sich auf dem Lerchenberg doch noch mal anders überlegen sollte, was angesichts der Freiheit der Kunst jederzeit drin ist.

Dabei könnte Thomas F. das Geld mit Sicherheit gut gebrauchen. Der schreckliche Überfall, bei dem er in einer ganz normalen Nacht mehr als 70.000 Euro verlor, ist nämlich bis heute ungelöst.

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