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Gernhardt (l.) und Traxler, 2005.

Geburtstag

Den Karikaturisten Hans Traxler ehren, aber richtig

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Hans Traxler wird heute 90 Jahre alt. Stefan Behr ehrt einen der letzten Karikaturisten der Frankfurter Neuen Schule.

Hans Traxler, Dichter und Zeichner, Böhme und Hesse, Frankfurter Neuschulmeister und Städelmeisterschüler, Freischwimmer und Titanic-Kapitän, wird heute 90 Jahre alt. Wie gratuliert man einem Universalgenie? Die FR beantwortet die neun meistgestellten Fragen.

1. Warum ist Hans Traxler zu verherrlichen?
Hans Traxler ist Herrlicher. Er wurde am 21. Mai 1929 im böhmischen Herrlich am Fuße des Erzgebirges geboren. Herrlich hieß später Hrdlovka und ward in den 70ern ein Raub des Braunkohlebaus. Hans Traxler hieß fast immer Hans Traxler, nur ganz kurz mal Georg Ossegg, und er wird heute 90 Jahre alt. Ossegg ist eine Stadt zwei Kilometer nördlich des Geisterorts Hrdlovka, die es heute noch gibt und die jetzt Osek heißt.

Hans Traxler ist Herrlichs bedeutendster Sohn. Herrlichs zweitbedeutendster Sohn ist Franz Vit. Franz Vit war Bürgermeister der nordrhein-westfälischen Gemeinde Aldenhoven und in der SPD. Die Großsporthalle in Aldenhoven trägt heute seinen Namen. Hans Traxler hat ihm das nie geneidet. Seit 1951 ist Hans Traxler auch Frankfurter. Das ist herrlich. Frankfurts zweitbedeutendster Sohn ist Goethe.

1977 veröffentlichte Robert Gernhardt seinen Gedichtband „Die Blusen des Böhmen“ (Zweitausendeins Verlag). Der Titel ist wohl gleichermaßen eine Hommage an den französischen Dichter Charles Baudelaire wie auch an Hans Traxler, den Maler, Zeichner, Illustrator, Kinderbuchautor und Wanderer zwischen Erzgebirge und Herzberg (Taunus).

2. Müssen wir Hans Traxler etwas schenken?
Unbedingt! Das wäre sonst peinlich. Wie überreich hat Hans Traxler Frankfurt schon beschenkt! Mit einer Neuen Schule (1960er). Mit dem Ich-Denkmal am Oberräder Mainufer (2005). Mit dem Elch vor der Caricatura (2008). Und was hat Frankfurt ihm je gegeben? Nichts! Gut, den Binding-Kulturpreis (2003). Und die Goetheplakette (2008). Und den Sondermann-Preis für komische Kunst (2017). Und den Friedrich-Stoltze-Preis (2018). Und die große Geburtstagsausstellung in der Caricatura (27. Mai bis 22. September, Weckmarkt 17). Und allgemeine Ehrerbietung. Und ewige Dankbarkeit. Und ermäßigten Eintritt ins Freibad Hausen. Aber sonst? Nichts! Nicht mal eine Großsporthalle!

3. Was schenkt man Hans Traxler?
Schwierig. Alles, was Hans Traxler haben will, hat er schon. Seine Kunst hat ihn reich gemacht. Im Ranking der 50 vermögendsten Frankfurter Künstler mit böhmischem Hintergrund verschweigt das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ seinen Namen nur aus Respekt vor der Intimsphäre eines Genies. Aber als Dichter dürfte Hans Traxler sich wohl freuen, wenn Frankfurt ihm ein Wort schenkte. Ein Verb etwa: „traxlern“. Das müsste natürlich einen Vorgang beschreiben, den es bislang noch nicht gibt. Etwa die Besteigung des noch nicht wieder errichteten Goetheturms. Lautmalerisch erinnert „traxlern“ praktischerweise an „kraxeln“ und „Treppen“. Falls sich das Wort durchsetzen sollte, hätte Hans Traxler daran gar doppelte Freude, wenn er in zehn Jahren seinen 100. Geburtstag am Goetheturm begehen sollte und dort Zeuge wird, wie der Vater dem Sohne am Fuße des Turmes gebeut: „O Knabe, zum Sehen geboren, zum Schauen gequält, lass uns des zweitgrößten Sohnes dieser Stadt zu Ehren jenen Turm erklimmen!“ Und der Sohn dem Vater erwidert: „Da rauftraxlern? Elch jetzt?“ – und kopfschüttelnd gen Eisdiele desertiert. Dann dächte Hans Traxler: „Es war wohl doch nicht alles umsonst!“ und ertraxlerte wohlgemut den Goetheturm.

„Wunderbare Baguette-Vermehrung (wenn Jesus z. B. in Nizza zur Welt gekommen wäre).“


4. Müssen wir Hans Traxler auch ein Lied singen?
Das wäre schön. Am besten eines aus seinen Büchern. In „Schloß Gripsholm“ (Büchergilde Gutenberg) erzählt Hans Traxler die wunderschöne Bildergeschichte einer Liebe im Sommer. Und Kurt Tucholsky hat dazu einen sehr passablen Text geschrieben. Auf Seite 57 finden wir dort das Lied vom kleinen Pferd, laut Tucholsky zu singen „nach der Melodie von Tararabumdiä“. Und jetzt alle: „Da hat das kleine Pferd / sich plötzlich umgekehrt / und hat mit seinem Stert / die Fliegen ab-ge-wehrt ...“ Wie bitte? Sie wissen nicht, was ein Stert ist? Stert ist ein altertümliches Wort für Pferdeschweif und verhält sich also zu einem solchen wie Herrlich zu Hrdlovka und goetheturmbesteigen zu traxlern. Jetzt aber alle: „Da hat das kleine ...“ Was denn nun wieder? Ihnen ist die Melodie von Tararabumdiä entfallen? Also schön. Dann eben ein Lied ohne Melodie. Wir finden es auf Seite 67: „Manchmal denke ich an dich,/ das bekommt mich aber nich .../ denn am nächsten Tag bin ich so müde ...“ Und jetzt aber wirklich alle!

5. Was hat Hans Traxler heute unseren Kindern zu sagen?
Er sagt es ihnen in seinem Buch „Ein Sturmtief überm Freibad Hausen“ (Büchergilde Gutenberg): „Sie stören, ohne es zu ahnen / mein Schwimmen in gewohnten Bahnen.“ Des Dichters Klage ist unserer Kinder Schuld, aber die Schande ihrer Ahnen. Denn warum ahnen unsere Kinder Hans Traxler nicht? Weil wir ihnen Hans Traxler nicht bekanntgemacht haben.

6. Wie können wir unseren Kindern Hans Traxler bekanntmachen?
Indem wir ihnen „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ erzählen, wie sie Hans Traxler in seinem gleichnamigen Enthüllungsbuch (Bärmeier und Nikel, Neuauflage Reclam) schon 1963 enthüllt hat. Die Wahrheit ist nämlich die: Bei der angeblichen Knusperhexe handelte es sich um die 35-jährige Bäckerin Katharina Schrader, die von dem neoliberalen Zuckerbäcker-Geschwistern Hans und Grete Metzler 1647 in ihrem Häuschen am Engelesberg im Spessart ermordet und verbrannt wurde, weil die Metzlers sich in den Besitz von Schraders Original-Nürnberger-Lebkuchen-Rezept bringen wollten. Nach getaner Tat begingen die Metzlers auch noch Rufmord – und fanden in den Gebrüdern Grimm willige Helfer.

Weil Hans Traxler damals aber ahnte, dass die Welt für diese Wahrheit nicht bereit war und Geschichte stets von Siegern oder Märchenbrüdern geschrieben wird, legte er sich für die Veröffentlichung einen falschen Bart, eine echte Nickelbrille und eine Zweitidentität als Aschaffenburger Studienrat „Georg Ossegg“ zu – eingedenk seiner böhmischen Heimatdörfer und der Ahnung, dass „Heiko Herrlich“ unseriös geklungen hätte. Die Vorsicht war berechtigt: Der Herborner Anwalt Josef Sieber war vor Wut auf den Märchenstürmer dermaßen aus dem Knusperhäuschen, dass er Georg Ossegg wegen Betrugs anzeigte.

Bis heute jagen Ermittler, Abmahnanwälte der Grimm-Gesellschaften und von einem namhaften Bankhaus gedungene Auftragsmörder nach Ossegg, der in Wahrheit so wenig existiert wie Bielefeld. Hans Traxler aber nannte sich einfach wieder Hans Traxler und lebte herrlich und in Freuden und Frieden in Frankfurt. Und weil er nicht gestorben ist, wird er heute 90.

Erzählen wir das unseren Kindern. Wir sind es ihnen schuldig. Und Hans Traxler auch.

7. Gibt’s das auch als Film?
Im Prinzip ja: „Ossegg oder Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“, Deutschland 1987, mit Jean-Pierre Léaud, Hark Bohm und Alfred Edel, Regie & Drehbuch Thees Klahn, 82 Minuten. Ist aber noch schwerer aufzutreiben als das Buch.

8. Und was soll das bringen?
Wenn unsere Kinder die Wahrheit über Hänsel und Gretel erfahren, werden sie Hans Traxler dafür lieben. Und werden, wenn er in Hausen Bahnen zu ziehen gedenkt, aus Respekt wie die Frösche aus dem Wasser hüpfen und sein Lob vom Beckenrand singen: „Seht, dort naht des Bades Meister / der Dichterfürst, Hans Traxler heißt er! / Uns’re Liebe hat er schon, / freie Bahn sei ihm nun Lohn!“ Und Hans Traxler wird denken: „Es war wohl doch nicht alles umsonst!“ und frisch, fromm, fröhlich, frei seine Bahnen ziehen.

9. Wenn wir das alles getan haben, müssen wir dann trotzdem noch in die Hans-Traxler-Ausstellung in der Caricatura?
Ja! Da gibt es leider kein Pardon.

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