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Zeitung vor Ort: Höchst.

Vernachlässigte Stadtteile - Eine Serie

Bunt schmuddelig

Schreiben aus der Redaktion heraus - machen alle. Rausgehen - machen viele. Aber gleich eine Stadtredaktion auf der Straße präsentieren? Die FR macht's. Am Dienstag in Höchst, wo mancher über den Stadtteil jammert, andere aber den Wandel spüren.

Von Matthias Arning und Annegret Schirrmacher

Für manche fängt die Türkei im Frankfurter Westen an. „Willkommen in Klein-Istanbul“, sagt Christian Kümmerlen. Der ältere Herr steht am Dienstagmorgen am Stand der FR, am Eingang zur Königsteiner Straße.

Gäbe es diese Straße in dem westlichen Stadtteil nicht, müsste man glatt mal Urlaub am Bosporus machen, stimmen andere Passanten in den Tenor ein, den ältere Höchster vorgeben. Menschen, die es gern „ein bisschen gemütlicher“, etwa vor Weihnachten mal einen Tannenbaum an zentraler Stelle, hätten. Sonst, fürchten sie, gehe Höchst „den Bach runter“.

So könne man das nicht sagen, gibt Metzgermeister Thomas Reichert zu bedenken. Man sollte dem Magistrat nicht vorwurfsvoll entgegenhalten, den Westen der Stadt zu vernachlässigen. So einfach wolle er es der Stadtregierung auch beim Stadtgespräch am heutigen Mittwoch im Sachsenhäuser Depot nicht machen.

„Allein mit Gefühlen“ dürfe man nicht kommen, müsse vielmehr danach fragen, ob bei den Investitionen ins Zentrum wie in die Peripherie die Relationen wirklich stimmten.

Der Höchster aber jammert. „Schmuddelig“ wirke die Königsteiner Straße, findet nicht nur Helmut Dingels. Ihm pflichten andere bei, die wohl die Belebung durch das neu gebaute Kaufhaus an der Fußgängerzone spüren. Dennoch: gründlichere Reinigung des Pflasters und mehr Polizeipräsenz würden ihr Lebensgefühl spürbar heben.

Doch wollen längst nicht alle jammern. So verfolgt Waltraud Beck mit Wohlwollen die Neugestaltung des Dalbergplatzes, das aktuelle Werden der Bruno-Asch-Anlage. „Und dass die Integrierte Gesamtschule nach Höchst kommt, ist ein großes Plus“, betont die gebürtige Höchsterin. Und überhaupt, „hier ist es doch schön bunt, mit Neuem Theater, Kino, Schlossfest.“

Hans Schmidt pflichtet ihr bei. Mit der Sanierung des Mainufers und der geplanten Umnutzung des Bolongaro-Palastes ist er durchaus einverstanden. Allein, dass seit 20 Jahren am Bahnhof nichts passiere, die Bahn das einst schmucke Entree auf den Hund kommen lasse, das mag der fast 80-Jährige nicht hinnehmen.

Ansonsten aber fühlt er sich von „denen in Frankfurt“ alles andere als vernachlässigt. Schmidt führt den Ärger mancher aus seiner Generation darauf zurück, dass „man vieles dem Alter zuschreiben muss“. Er selbst aber baue darauf, dass „die Menschen in Höchst zusammenfinden“.

Ob das gelingt, macht ein Maschinenschlosser, der seinen Namen nicht nennen mag, davon abhängig, dass „wir die Jugend von der Straße kriegen, die schon mit 13 Jahren keine Lust mehr auf ihr Leben hat“. Mehr Sozialarbeiter wünscht er sich und mehr Hinwendung zu der nachwachsenden Generation.

Ganz anderes erlebt den Alltag Marc Schwintek. Man lebe doch „gut nebeneinander“. Für ihn ist Integration „eine Frage der Zeit“. Das könne man doch auf Spielplätzen und in Schulen sofort spüren. Viel selbstverständlicher gehe man dort miteinander um und käme nicht auf die Idee, über Klein-Istanbul zu reden.

Der Vater, der mit seiner kleinen Amelie einkauft, fühlt sich jedenfalls mit seiner Familie im Westen der Stadt „überaus wohl“. Allein die politische Repräsentanz von Höchst bereitet dem Mann, dessen Elternzeit nach drei Jahren bald zu Ende geht, Kopfzerbrechen. Wie nur solle über das einst stolze Höchst angemessen nachgedacht werden in einem Ortsbeirat, der für 120000 Menschen im Westen zuständig sei? Denn auch in Griesheim oder Nied warten Bürger auf den Einsatz ihrer Römer-Vertreter.

Helmut Dingels als passionierter Spaziergänger will dem Grünflächenamt jetzt viele Dreckecken melden: den „Saustall“ bei der Station „Nied Kirche“ sowie verstopfte Gullis, die bei Regen überlaufen. Und ein Hausbesitzer aus Griesheim würde Oberbürgermeisterin Petra Roth „gern mal nachts durch die versiffte Unterführung im S-Bahnhof schicken“.

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