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Hans-Peter Kratz, Vorsitzender der Taxivereinigung, liebt Frankfurt und seine Fahrgäste.

Porträt der Woche

Hans-Peter Kratz: Der Überzeugungstäter

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Hans-Peter Kratz, Vorsitzender der Taxivereinigung, liebt Frankfurt und seine Fahrgäste.

Hans-Peter Kratz sitzt hinter seinem großen Eckschreibtisch in Bockenheim. „Ich bin der Grüßaugust hier“, sagt der Vorsitzende der Frankfurter Taxivereinigung. Dabei hat er deutlich mehr zu tun, als nur der Ansprechpartner der Taxilobby zu sein. Kratz und sein Team betreuen 880 der 1100 Frankfurter Taxibetriebe. Von der Abrechnungen der Krankenfahrten und Kreditkarten bis zur Beratung und Weiterbildung reicht das Angebot für die teils sehr kleinen Mitgliedsbetriebe. Zudem werden aus den Räumen an der Breitenbachbrücke die 600 Halteplätze am Flughafen verwaltet. „Wenn so ein A380 landet, dann wollen 300 Leute auf einmal ein Taxi“, verdeutlicht Kratz die Koordinationsaufgaben.

Seit 2009 ist Kratz der Vorsitzende der Vereinigung, die zuletzt durch größere Protestaktionen gegen die Liberalisierung des Personenbeförderungsgesetzes auf sich aufmerksam machte. Kratz hat zwei große Aktionen selbst organisiert, ist Ansprechpartner für Politiker und Medien, gibt zudem noch zehn Mal im Jahr ein Taxi-Journal heraus. Vollversammlungsmitglied der IHK ist er auch noch. Bei all diesen Aufgaben schafft er es nicht mehr, selbst im Taxi zu sitzen, was ihm ein bisschen fehlt. Er sei überzeugter Taxifahrer, sagt er. Das habe er auch immer gesagt, wenn ihn die Fahrgäste gefragt hätten, was er denn sonst so mache. „Die meisten Taxifahrer sind ja zu Höherem berufen und machen das nur mal so 20, 30 Jahre“, sagt Kratz mit einem Augenzwinkern.

Ein bisschen sei er aber zum Taxifahren gekommen „wie die Jungfrau zum Kinde“. Wobei, chauffiert hat der gebürtige Sachsenhäuser eigentlich schon immer: In jungen Jahren Päckchen für einen Kurierdienst, später bei der Bundeswehr hohe Offiziere im Hubschrauber.

Gelernt hat Kratz Maschinenbau

Gelernt hat Kratz Maschinenbau, in die Lehre ging er bei einem Bäckereimaschinenbetrieb in Bonames, den es längst nicht mehr gibt. Bei der Bundeswehr schraubte er zunächst an Hubschraubern herum. „Bis mir der Gedanke kam, dass es spannender ist, die Dinger selbst zu fliegen als sie zu reparieren“, so Kratz. Also verpflichtete er sich bei der Bundeswehr und wurde Hubschrauberpilot.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst war Kratz zunächst „ein bisschen in der Orientierungsphase“, bis ihn seine Mutter fragte, ob er nicht zusammen mit ihrem Lebensgefährten in ein Taxiunternehmen einsteigen wolle. „Das war zum Anfang eine Frage des Invests“, sagt Kratz. Doch als seine kleine Tochter Jennifer eine Sonderschule besuchte und gefahren werden musste, stieg er selbst ins Taxi. „Was lag näher, als die eigene Tochter zu fahren?“

Schon bald beförderte Kratz aber auch fremde Menschen und hatte daran, wie an dem Job überhaupt, große Freude. „Ich habe gearbeitet, wie andere Urlaub machen.“ Ein schönes Auto gefahren, Leute kennengelernt, Bücher gelesen. Kratz, der sich selbst als meist gutgelaunten „Optimisten mit Lebenserfahrung“ bezeichnet, hat sich immer gerne mit den Fahrgästen unterhalten und bei Touristen auch versucht, ihnen seine Heimatstadt ein bisschen näherzubringen. „Letztendlich sind wir Taxifahrer die Botschafter der Stadt und treffen die Menschen als Allererste.“ Er bezeichnet sich als Lokalpatrioten. „Ich liebe Frankfurt über alles.“

22 Jahre lang fuhr der heute 61-Jährige Taxi in seiner Stadt. In der Zeit hat sich viel getan. „Damals war das sehr viel Learning by doing.“ Auf den Beinen habe immer der Stadtplan gelegen, wenn ein Auftrag reinkam. Das ist heute dank der Navigationssysteme nicht mehr notwendig. Auch die Zunft der Taxifahrer hat sich gewandelt. „Den kommunikativen Studenten, den gibt es so leider nicht mehr.“ Da werde heute in anderen Branchen deutlich mehr bezahlt. Unabhängig davon ist die Bildungspalette der Kollegen sehr vielfältig. „Wir haben hier alles: Von drei Jahren Grundschule bis zum Doppeldoktor und mancher hat auch nur studiert, um älter zu werden.“

Insgesamt wird die Frankfurter Taxigilde dem Multikulti-Ruf der Stadt durchaus gerecht. „Mittlerweile haben wir über 90 Prozent Kollegen mit Migrationshintergrund.“ Aber, so betont Kratz im schönsten Idiom: „Die Amtssprache hier bei uns ist Hessisch.“ Kratz ist auch Prüfungsausschussvorsitzender für die angehenden Taxifahrer. „Wir dürfen die Sprachfähigkeit nicht prüfen und einen Goethe vorlegen, aber ich erwarte schon, dass der Prüfling meine Fragen auch versteht.“

Allzu lange will Kratz den Vorturner nicht mehr geben und gerne jemand Jüngeren ranlassen. „Ich finde es nicht gut, dass wir in den Verbänden so eine Riege von Silberrücken sind. Nur Alter und Erfahrung ist per se ja keine Leistung.“ Ob er auf seine alten Tage selbst noch mal ins Taxi steigt, weiß er noch nicht.

Er kann sich auch vorstellen, viel mehr Zeit mit seiner Familie und den Haustieren in Flörsheim zu verbringen, wohin es ihn irgendwann verschlagen hat, weil es für eine vierköpfige Familie in Frankfurt gar nicht mehr so leicht ist, etwas zu finden. Auch das Bücherlesen fehlt ihm. Langweilig jedenfalls werde es ihm auch nach der Demission als Vorsitzender der Taxivereinigung nicht. „Ich kann das Wort Langeweile gar nicht fehlerfrei schreiben.“

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