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Hans Traxler ist 90 Jahre alt. Das merkt man ihm nicht an. Nicht im Ernst und erst recht nicht im Spaß.

Caricatura

Hans ohne Holzwolle

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Die große Geburtstagsausstellung  verschweigt das dunkelste Kapitel traxlerscher Kunstgeschichte.

Die Ausstellung „Hans Traxler: zum Neunzigsten“ in der Caricatura ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Es ist „die schönste Ausstellung, die wir je gezeigt haben“, sagt Museumsleiter Achim Frenz, der so was zwar öfter sagt, aber nicht immer. Es ist zudem eine Sonderausstellung, die eng mit der Dauerausstellung im Obergeschoss korrespondiert, in der die Granden der Neuen Frankfurter Schule hängen. Dort ist jetzt etwa „Die Reise nach Jerusalem“ zu sehen, Traxlers erstes gezeichnetes Buch (1978). Darunter auch die schöne Bildergeschichte mit dem Titel „Der Große Exorzismus“. Sie beginnt mit den Zeilen „Sechs Teufel im Mercedes Benz / die wollen zur Privataudienz“ und endet mit „Im gleichen Jahr stieg der Tourismus / erheblich durch den Exorzismus“.

Vermutlich wird auch der Caricatura-Tourismus in den kommenden Monaten durch die Traxler-Ausstellung erheblich steigen. Sie lohnt sich. Von der Strahlkraft stand Hans Traxler immer ein wenig im Schatten der Großen Drei der NFS, Gernhardt, Waechter und Bernstein. Weil ihm deren Unverwechselbarkeit gefehlt habe, mutmaßen manche. Wie diese Ausstellung zeigt, war er vielleicht aber einfach nur vielseitiger. „Ich wollte nie mein Leben lang an Männchen mit großer Nase gekettet sein“, sagt Traxler an der Seite von Frenz, der das zu begrüßen scheint.

Auch sonst erfährt man Interessantes auf der Pressekonferenz. Etwa, dass in Traxlers Familie sämtliche Männer schon immer und ausschließlich „Fritz, Franz oder Hans“ geheißen hätten, da die Familie andere Namen „als affig“ abgelehnt habe – seine Brüder Fritz und Franz könnten das bezeugen. Oder dass Hans Traxler das Zeichnen nicht erst in Frankfurt erlernte, wo er sich Anfang der 50er Jahre als Städelschüler einschrieb. Das habe er von einem anderen Meister erlernt, erst in Prag, später als Kriegsflüchtling in Regensburg, wohin es Meister und Schüler aus Zufall verschlagen hatte. Im Städel selbst habe er seinen Meister eigentlich „nur einmal im Jahr gesehen – er hat uns dann zum Umtrunk eingeladen“. Und dort stets fundamentale Gesellschaftskritik geübt, und zwar mit dem Satz: „Es wird zu wenig getrunken hier!“ Ein Missstand, gegen den die Neue Frankfurter Schule Zeit ihres Wirkens tapfer ankämpfen sollte.

Die Ausstellung ist vom 27. Mai bis 22. September zu sehen. Das Museum am Weckmarkt 17 ist montags geschlossen, mittwochs von 11 bis 21 Uhr und ansonsten von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt sechs, ermäßigt drei Euro.

Ausstellungseröffnung ist am Sonntag, 26. Mai, um 11 Uhr. Traxler wird bei der Matinee dabei sein, die Laudatio hält der Dichter Thoms Gsella, die Musik steuern „Wellbappn“ bei.

Und dann verrät Traxler noch, warum er sich damals ins Städel geflüchtet habe. Er habe sich zuvor als „Witzezeichner für Illustrierte über Wasser gehalten. Eine Phase, die ich gerne vertusche, und weit unter meinem Niveau“, erinnert er sich mit Grauen, aber er sei jung gewesen und habe das Geld gebraucht.

Gerne sähe man in der Ausstellung ein Beispiel, das Traxler als – wenn auch unwilligen – Helfer des bundesdeutschen Nachkrieghumors zeigt, der sich in der Regel darin erschöpfte, dass eine Ehefrau ihrem besoffenen heimkommenden Ehemann ein Nudelholz über den Schädel zieht. Aber Traxlers Nudelholzphase wird in der Ausstellung verschwiegen.

Ihr Schwerpunkt liegt auf Traxlers Kindheit, wie er sie in seinem in diesem Jahr erschienen Buch „Mama, warum bin ich kein Huhn?“ (Suhrkamp/Insel) erzählt. Das Ausstellungsposter zeigt Traxler mit Schultüte. Ebendieses Foto, eines der wenigen, die seine Mutter auf der Flucht vor der Roten Armee gerettet habe, hat er auch in einer Zeichnung verewigt, sie ist in der Ausstellung in der Galerie zu sehen. „Diese Tüte war bis zu einer Höhe von etwa zehn Zentimetern mit Vanillekipferl, Himbeerbonbons und selbstgemachten Pralinen gefüllt“, erinnert sich Traxler in seinem Kommentar. „Der ganze Rest war mit grüner Holzwolle ausgestopft.“

Wenn man der Traxler-Ausstellung einen Vorwurf machen kann, dann diesen: Sie zeigt Traxlers Vanillekipferl, Himbeerbonbons und selbstgemachte Pralinen, und die hinterlassen, ob gereift oder taufrisch, einen unnachahmlichen und tadellosen Geschmack. Aber sie verschweigt die Holzwolle. Obwohl man auch in die gerne herzhaft reingebissen hätte, weil es sich ja immerhin um Hans Traxlers Holzwolle handelt.

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