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Handwerkliche Apfelweinkultur ist nun „Immaterielles Kulturerbe“

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Von: George Grodensky

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Kulturerbe: Das Gerippte.
Kulturerbe: Das Gerippte. © Andreas Arnold/dpa

Streuobstwiesen, Keltertechniken und das Gerippte stehen nun auf der Unesco-Liste. Das bedeutet mehr Aufmerksamkeit für den ökologischen und gesellschaftlichen Wert des Streuobstanbaus.

Gerhard Weinrich hat es schon immer gewusst. „Die Apfelweinkultur hat eine hohe Wertigkeit für die Region und darüber hinaus“, sagt der Vorsitzende des Streuobstzentrums Main-Äppel-Haus Lohrberg in Frankfurt-Seckbach. Nun folgt die Bestätigung. Die in Hessen weit verbreitete „handwerkliche Apfelweinkultur“ steht seit Mittwoch, 9. März, als Immaterielles Kulturerbe in Deutschland auf der Liste der Unesco. Das haben die Kulturministerkonferenz und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Claudia Roth, beschlossen.

„Apfelweinkultur ist ein wichtiges Element hessischer Identität“, würdigt Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn (Grüne). Apfelwein bereichere die Gemeinschaft, führt Dorn aus. „Engagierte Menschen pflegen Obstbäume, keltern gemeinsam und feiern Apfelweinfeste.“ Vereine, Verbände und Streuobstinitiativen geben die Kultur weiter, das Wissen um alte Obstsorten und Keltertechniken.

Ein solch engagierter Mensch ist Gerhard Weinrich, der zu den Initiatoren des Antrags zählt. „Es geht ja nicht nur um den Apfelwein als Getränk“, erklärt er den Wert des Kulturguts. Grundstock sind die hessischen Streuobstwiesen. Die unterscheiden sich gravierend von reinen Obstplantagen. Sie sind extensiv bewirtschaftet, das heißt, die Bäume bekommen Platz. Chemische Pflanzenschutzmittel und Mineraldünger werden kaum eingesetzt. So sind Streuobstwiesen besonders wertvoll als Lebensraum für Tiere und Pflanzen. 250 Sorten Äpfel gibt es im Rhein-Main-Gebiet, „nicht nur die fünf aus dem Supermarkt“, sagt Weinrich. In Deutschland sind es rund 2500, weltweit gar 25 000.

Darauf möchte das Main-Äppel-Haus die Aufmerksamkeit lenken. Durch die Corona-Pandemie hätten die Wiesen besondere Bedeutung erlangt. „Die Menschen wollen draußen im Freien werkeln“, sagt Weinrich. Der Verein habe Anfragen für Mitarbeit „noch und nöcher“.

Kulturerbe

Die Kultur- und Bildungsabteilung der Vereinten Nationen UNESCO hat 2003 die Auszeichnung „Immaterielles Kulturerbe“ eingeführt für kulturelle Ausdrucksformen, die von menschlichem Wissen und Können getragen und von Generation zu Generation weitervermittelt werden.

Darunter fallen Kulturformen , die den gemeinschaftlichen Zusammenhalt stärken: Traditionen, Feste, Handwerk, Musik. Die Auszeichnung schafft Bewusstsein für das Kulturerbe und macht es weltweit sichtbar. sky

Aber nicht genug Streuobstwiesen. Das heißt, eigentlich gibt es die Flächen. Wer mit offenen Augen durchs Land laufe, entdecke sehr viele verwilderte Ecken. „Die Eigentümer wissen vermutlich gar nicht, dass sie die Grundstücke besitzen.“ Er würde sie gerne darüber informieren, komme aber wegen des Datenschutzes nicht an sie heran, seufzt Weinrich.

Auch Apfelweinwirt Robert Theobald betont den Wert der Streuobstwiese für Insekten und andere Tiere. Wer Apfelwein trinke, sei automatisch Naturschützer, scherzt der Wirt der „Buchscheer“ in Sachsenhausen. Überhaupt ist Theobald bester Laune, als er von der Unesco-Liste erfährt. „Wir freuen uns sehr“, dass der Apfelwein so gewürdigt werde und er selbst damit zum „lebenden Kulturgut“ avanciere.

Theobald ist einer der letzten Wirte in der Stadt, die noch selber keltern. „Im 30. Jahr, in fünfter Generation.“ Seit 1876 sei die Familie dem Apfelwein verschrieben. „Wir sind eine aussterbende Zunft“, sagt er dann nachdenklich. Alle möglichen Probleme fallen ihm ein. Manche Kelterer fänden keine Nachfolge, anderen fehle der Platz. Auch die Zahl der Streuobstäpfel schwinde.

„Es ist halt viel Arbeit.“ Streuobstwiesen müssen das ganze Jahr über von Hand gehegt und gepflegt werden, die Bäume beschnitten, die Äpfel gelesen, in Säcke verpackt werden. Die großen Keltereien stünden aber unter Preisdruck, können also nicht viel zahlen für die Äpfel. „Jeder möchte doch für seine Arbeit halbwegs angemessen entlohnt werden.“ Auch das könne die Auszeichnung als Kulturerbe verstärkt ins Bewusstsein rücken, wünscht sich Theobald.

Ob damit auch Einschränkungen einhergehen? Etwa dass Apfelwein im Bembel serviert werden muss? „Nein, nein“, wehrt Gerhard Weinrich ab. Weder monetäre Belohnung noch irgendwelche Einschränkungen sind mit dem „Kulturerbe“ verbunden. „Auch wir werden nicht verhindern können, dass hier und da Apfelwein mit Limonade verlängert wird“, sagt Unesco-Sprecher Peter Martin. Das liege vor allem daran, dass nicht das Produkt, sondern seine handwerkliche Herstellung und die Traditionen, die damit einhergehen, ins bundesweite Verzeichnis aufgenommen wurden.

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