Nach den rassistischen Morden in Hanau ist die Stadt noch immer erschüttert.
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Nach den rassistischen Morden in Hanau ist die Stadt noch immer erschüttert.

Rassismus-Debatte

„Wir müssen lauter sein als die Rassisten.“

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Grünen-Politiker Omid Nouripour beim „Stadtgespräch“ der Frankfurter Rundschau über Rechtsextremismus und die Konsequenzen aus Hanau. 

Wie es den Familien geht? „Nicht gut“, antwortet Selma Yilmaz-Ilkhan, Vorsitzende des Hanauer Ausländerbeirats, auf die erste Frage des Abends. Nur ein einziger Vater sei zurzeit in der Lage, seinen Beruf auszuüben. „Schmerz und Trauer gehen mit, egal, wo man ist“, beschreibt sie die Lage der Familien, die am 19. Februar in Hanau ihre geliebten Angehörigen verloren.

Zuvor haben die Moderatoren des Abends, die FR-Redakteure Hanning Voigts und Pitt von Bebenburg, alle neun Namen vorgelesen: Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtovic, Said Nessar El Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Fatih Saraçoglu, Kalojan Welkow, Vili Viorel Paun. Anschließend eine stille Minute im Gedenken an diese neun Menschen, die ein Mann innerhalb von nur zwölf Minuten tötete, ehe er auch seine eigene Mutter und sich selbst erschoss.

Die Frage, wie es den Angehörigen gehe, ist zentral an diesem Abend im Frankfurter Haus am Dom beim FR-Stadtgespräch. Einige verfolgen es unter Corona-Beschränkungen im Saal, deutlich mehr von daheim per Internet. Newroz Duman von der Initiative 19. Februar berichtet von dem Treffpunkt, der im März am Hanauer Heumarkt eröffnet wurde, in der Nähe eines der Tatorte. „Es war klar, dass wir einen Ort brauchen würden, an dem wir zusammenkommen, an dem Familien sich organisieren, Informationen teilen, ihre Wut aussprechen können.“

Sieben Tage die Woche, zwölf Stunden lang sei der „Laden“, wie ihn die Besucher nennen, geöffnet. Nicht nur Angehörige, auch viele Jugendliche kämen. Und: Hanauerinnen und Hanauer, die ihre Anteilnahme und ihre Trauer zum Ausdruck brächten.

„Schmerz und Trauer gehen mit, egal, wo man ist.“

Die Anzahl direkt von dem Anschlag Betroffener schätzt Selma Yilmaz-Ilkhan auf etwa 75 Personen. „Aber wir haben in Hanau eine komplette Stadtgesellschaft, die traumatisiert ist“, sagt sie. Newroz Duman, auch im antirassistischen Netzwerk We’ll come united und bei Jugendliche ohne Grenzen engagiert, betont: „Zentrales Thema für die Familien sind die Ermittlungen.“ Entscheidend dabei: „Warum wurde das nicht verhindert?“ Der Täter sei zuvor polizeibekannt gewesen. Schon Jahre zuvor habe es Bedrohungen gegen Menschen mit Migrationsgeschichte in Hanau gegeben. „Die Polizei ging dem nicht nach“, sagt Newroz Duman. „Warum? Weil es Kanaken sind.“

„Wir haben ein Rechtsterrorismusproblem in diesem Land.“

Es gebe ständig Racial Profiling, dauernd würden Menschen wegen ihres Aussehens angehalten. Die Corona-Krise habe alles noch schlimmer gemacht, sagt Duman. „Es muss für solche Situationen einen Notfallplan geben – aber nein: Lockdown. ,Sie können ja telefonieren‘, hieß es.“ Die Trauernden seien deshalb zeitweise allein geblieben. Wut ist spürbar, auch vier Monate nach den Morden. „Der Innenminister sagt, die Aufarbeitung sei gut gelaufen“, sagt Newroz Duman. „Nein. Ist sie nicht.“

„Wir müssen lauter werden als die Rassisten.“

Omid Nouripour, Bundestagsabgeordneter der Grünen, erhält Applaus, als er den beiden Frauen sagt: „Vielen Dank für ihr Engagement“. Er erinnert an die Vielzahl rassistischer Verbrechen in Deutschland. „Wenn man anfängt zusammenzuzählen, wird man ja wahnsinnig“, von Solingen über Mölln einst bis hin zu den jüngeren Anschlägen. „Wir stehen vor den Gräbern, halten Reden – und dann passiert nichts. Das muss aufhören.“ Die Verantwortung der Politik sei nicht zuletzt, politische Korrektheit und Mitgefühl hochzuhalten, sagt Nouripour, auch wenn es Rechte darauf anlegten, sie verächtlich zu machen.

„Was mich am meisten ärgert, ist, dass wir aus der NSU-Aufarbeitung nichts gelernt haben."

Nancy Faeser, Partei- und Fraktionschefin der hessischen SPD, betont: „Die Politik muss dazu beitragen, dass ein anderes gesellschaftliches Klima entsteht, in dem Taten wie die in Hanau nicht mehr passieren.“ Bildung sei dazu ein wichtiger Schlüssel. Und akut: Aufklärung. Die Gesellschaft sei es den Familien schuldig alles aufzuarbeiten. „Was mich am meisten ärgert“, sagt Faeser, „ist, dass wir aus der NSU-Aufarbeitung nichts gelernt haben.“ Vier Jahre Untersuchungsausschuss zu den Morden des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds: „Es hat sich nichts geändert. Auch beim Mord an Walter Lübcke wurde die Gefahr nicht wahrgenommen.“ Das Attentat auf den CDU-Politiker Lübcke war für Nouripour ein Wendepunkt. „Weil plötzlich auffiel: Rechter Terror trifft ja nicht nur Ausländer!“

Das Podium am Dom. Besucherinnen und Besucher halten Corona-Abstand.

„Wir haben ein Rechtsterrorismusproblem in diesem Land“, sagt Newroz Duman. „Wir müssen die Beratungsstellen stärken und besser ausstatten.“ – „Wir müssen den Menschen ihr Sicherheitsgefühl zurückgeben“, sagt Selma Yilmaz-Ilkhan: „Sie müssen Vertrauen in die Polizei haben können.“ Egal, wo ihre Vorfahren geboren wurden. „Wir müssen lauter werden als die Rassisten“, sagt Nouripour. „Es muss in allen möglichen Strukturen gegen Rassismus gekämpft werden“, sagt Newroz Duman, „wir fordern lückenlose Aufklärung und Erinnerung, Erinnerung, Erinnerung.“

Die Politikerin und der Politiker versprechen, alles dafür zu tun. Nancy Faeser berichtet von dem Plan, eine Stiftung zu gründen, die Opfer rechten Terrors finanziell unterstützt: „Entschädigen kann man für den Tod eines Menschen nicht. Aber helfen.“ Und Omid Nouripour schlägt vor, in genau einem Jahr wieder eine FR-Veranstaltung zu Rassismus zu machen. So viel kann Redakteur von Bebenburg versprechen: „Wir werden bis dahin auf jeden Fall am Thema dranbleiben.“

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