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Richard Meng, geboren 1954, ist Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung. 1984 bis 2007 war er Redakteur und zuletzt stellvertretender Chefredakteur der FR, anschließend Staatssekretär und Sprecher des Senats von Berlin. Er ist FR-Kolumnist und seit 2021 auch Chefredakteur der Zeitschrift „Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte“.
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Richard Meng, geboren 1954, ist Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung. 1984 bis 2007 war er Redakteur und zuletzt stellvertretender Chefredakteur der FR, anschließend Staatssekretär und Sprecher des Senats von Berlin. Er ist FR-Kolumnist und seit 2021 auch Chefredakteur der Zeitschrift „Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte“.

Frankfurter Rundschau

„Haltung zählt“: Herausgeber Richard Meng über das neue Buch zur Geschichte der FR

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Rundschau-Wegbegleiter Richard Meng über ein neues Buch zur FR-Geschichte, die Karl-Gerold-Stiftung und die Zukunft des Qualitätsjournalismus

Karl Gerold war lange die prägende Figur der FR. Was würde er heute über seine Rundschau sagen?

Ob er es sagen würde, weiß ich nicht – aber sicher wäre er stolz auf die Redaktion. Sie hat in den vergangenen Jahrzehnten, die wirklich schwierig waren für Zeitungen, ihre Linie gehalten, ist engagiert und neugierig geblieben. Andererseits war Gerold ja eine Art Vulkan, Ausbruch immer möglich. Er wäre entsetzt über so manche Entwicklung in der heutigen Medienlandschaft.

Wieso das?

Er ist in einer Phase großgeworden, in der Zeitungen das zentrale Medium zur Information und Meinungsbildung waren. Er würde sich jetzt mit Sicherheit hart einmischen gegen die Oberflächlichkeit in unserer Öffentlichkeit und die Egomanie im Netz. Er würde den gedruckten Text als Informationsquelle verteidigen. Und natürlich wie damals massiv auftreten gegen Nazis aller Art.

Er leitete die Frankfurter Rundschau bis 1973. Linksliberal, sozialliberal sollte die Zeitung sein und bleiben, das hat er hinterlassen. Wie lässt sich das heute bewahren?

Als die erste Ausgabe 1945 herauskam, hat noch niemand mit „linksliberal“ oder „sozialliberal“ hantiert. Das sind Begriffe aus den 70ern, die immer wieder mit Inhalt gefüllt werden müssen. Wenn wir heute diskutieren, was sich aus dieser Denktradition ergibt, dann bleibt die Frage der sozialen Gerechtigkeit ebenso im Zentrum wie die Frage der persönlichen Freiheit. Aber beides bitte, noch deutlicher als in früheren Zeiten, in einer weltoffenen, international ausgerichteten Republik. In einer vielfältigen Gesellschaft. Die Rundschau mahnt es tagtäglich an. Das war immer ihr Profil und nur so wird sie auch in Zukunft bestehen. Dazu braucht sie eigene, starke Autorinnen und Autoren.

Wie funktioniert das im Journalismus, Haltung bewahren?

Wenn man Haltung nicht als etwas Statisches versteht, sondern als Wertekompass, als seriöses und zugleich kritisches Herangehen, dann ist das die tägliche Herausforderung: Erwartungen äußern, Ansprüche haben an die handelnden Personen, deren Rahmenbedingungen aber ernst nehmen und analysieren – und doch nicht einfach nur hinnehmen, was gerade passiert. Es ist immer der Versuch, bessere Wege zu finden, nicht locker zu lassen und denen auf den Füßen zu stehen, die entscheiden müssen. Informieren und Maßstäbe anbieten: Dazu ist guter Journalismus da.

Davon erzählt eindringlich das Buch „Haltung zählt“, in dem viele erfahrene Rundschau-Leute schreiben. Warum erscheint das Buch jetzt?

Die Idee entstand zum 75-jährigen Bestehen im vorigen Jahr. Da erschien eine dicke Beilage in der Rundschau, in der viel über die Geschichte zu lesen war. Für mich und andere hat das eine Idee ausgelöst, umfassend und nicht nur zur Geschichte zusammenzutragen, wofür diese Zeitung stand und steht.

Was steht drin?

Es schreiben langjährige Autorinnen und Autoren der FR, aus verschiedenen Generationen. Das Buch zeigt, was die Zeitung an Themen angepackt hat, aber auch, wo die Herausforderungen sind. Die sind nach wie vor riesig. Das Mediensystem ist im Umbruch. Gedruckte Texte bleiben im Zentrum, aber es muss im Internet neue Angebote geben. Das ist alles noch kein fertiger Prozess, wir sind mittendrin. Aber dabei muss unbedingt die Qualität des Journalismus erhalten bleiben.

Veranstaltungen

Persönlich begegnen können Sie Autorinnen und Autoren des Buches „Haltung zählt“ bei zwei Veranstaltungen in Frankfurt. Es besteht jeweils die Möglichkeit, den Sammelband zu erwerben und signieren zu lassen. Der Eintritt ist frei.

Am 11. Oktober spricht Claus Jürgen Göpfert im Club Voltaire mit Chefredakteur Thomas Kaspar und den Redakteurinnen Helen Schindler und Valérie Eiseler. Sie blicken gemeinsam auf die Geschichte der Zeitung und deren Zukunft. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr.

Am 21. Oktober erfolgt die offizielle Vorstellung des Buches erfolgt mit den Herausgebern Thomas Kaspar und Richard Meng um 19 Uhr im Haus am Dom. Karin Dalka moderiert eine Gesprächsrunde mit Wolf Gunter Brügmann, Jutta Roitsch und Pitt von Bebenburg. Die Veranstaltung wird unter fr.de/eventvideo live übertragen. Bitte melden Sie sich für das Haus am Dom vorab an unter fr.de/anmeldung (Stichwort „Haltung“).

Informationen zum Buch: fr.de/haltung

Wie arbeitet die Karl-Gerold-Stiftung daran mit?

Die Stiftung, früher Alleineigentümerin, hat seit der ersten großen Zeitungskrise noch zehn Prozent Anteile an der Frankfurter Rundschau. Die Zeitung braucht seitdem, bei aller journalistischen Unabhängigkeit, die Einbindung in starke Verlagsgruppen. Insofern sind wir als Stiftung zwar nicht mehr bestimmend für den Verlag, aber wir sind sehr aufmerksam, wenn es um Weichenstellungen geht. Wir fördern mit zwei Programmen junge Nachwuchsleute, um einen engagierten linksliberalen Journalismus zu stützen. Mit Ausbildungsstipendien, aber auch mit Reisestipendien: Da geben wir Berufsanfängerinnen und -anfängern die Chance, unterwegs zu sein. Die Texte über ihre Reisen erscheinen an prominenter Stelle in der Rundschau. Wer sie liest, sieht immer wieder, dass es sich sehr lohnt – dass ein junger Blick auf die Themen andere Aspekte zum Vorschein bringt als der Routineblick.

Was erleben die Leute auf ihren Reisen?

Ein Stipendiat zum Beispiel kam mit der Idee: Er nimmt ein Interrail-Ticket, fährt vier Wochen durch Europa und schreibt über seine Begegnungen und Erfahrungen, gerade unter dem Gesichtspunkt europäische Zukunft. Das war ein völlig offener Ansatz. Nicht mit einer vorgefertigten Meinung, sondern neugierig, sehen was passiert und sich dann Gedanken darüber machen. Es wurde eine spannende Erzählung über den Zustand Europas.

Die er ohne die Förderung der Stiftung so nicht hätte schreiben können?

Diese Reise hätte es ohne uns nicht gegeben. Eine andere Geschichte: Im Corona-Sommer, als der Grenzverkehr nicht mehr so einfach war, hat ein anderer sich an die deutschen Grenzen gesetzt, mal Richtung Polen, mal Richtung Österreich, hat Stimmungen aufgespürt: Wie war die Sicht auf den Lockdown in den Grenzdörfern? Was geht in einem selbst vor, wenn man erstmals wieder geschlossene Grenzen erlebt? Das sind Beispiele für einen jungen Journalismus, der nicht schon genau weiß, was rauskommt, bevor er anfängt zu recherchieren. Wir brauchen häufiger dieses Rausgehen, das offene Erleben und Beschreiben, den fremden Blick – das macht Zeitungen spannend. Es fehlt heute vielfach neben all dem Alltagsstress in der Redaktionsstube.

Wollen eigentlich noch viele junge Leute zur Zeitung? Die Zahl der freien Stellen wächst nicht gerade, das Gehalt auch nicht.

Es gab eine Zeit, da wollten ungeheuer viele clevere junge Leute in den Journalismus. Dann kam eine Zeit, als es nicht mehr so rosig aussah, da wollten manche lieber in die Öffentlichkeitsarbeit. Und dann kam der Hype um die Influencer im Netz, die letztlich für käufliche Werbung stehen. Aber wenn ich schaue, wer an den Journalistenschulen studiert, dann sind das immer noch viele gute, interessierte, kompetente junge Leute. Wenn ich unsere Stipendiatinnen und Stipendiaten betrachte, ist mir nicht bange. Das sind Menschen, die in die Welt hinauswollen, und die meisten werden ihren Weg gehen. Es mangelt nicht an Talenten, es mangelt aber oft an Jobchancen für sie und an Möglichkeiten, dort selbst spannende Themen zu bearbeiten. Was aber immer auch eine Frage an das Publikum ist, das bereit bleiben muss, Qualitätsmedien zu bezahlen.

Das Kuratorium der Gerold-Stiftung trifft sich zwei Mal im Jahr, jetzt wieder im Oktober. Wie muss man sich so eine Sitzung vorstellen?

Es geht am Anfang immer um die Lage bei der Zeitung. Der Chefredakteur berichtet: Was hat die Redaktion vor, welche Trends gibt es, wirtschaftlich, journalistisch? Wir versuchen, die Redaktion nach Kräften zu unterstützen. Dann werden die Stipendien vergeben. Und Ende Oktober werden wir wieder gemeinsam mit der Chefredaktion Veranstaltungen anbieten für die Leserinnen und Leser der Zeitung. Ein Thema: Was passiert nach der Bundestagswahl, wohin geht’s mit dem Land?

„Haltung zählt – Anspruch und Geschichte der Frankfurter Rundschau.“ Thomas Kaspar und Richard Meng (Hrsg.). 134 S., Verlag Edition 7, Berlin. 18 Euro.

„Projekt Zukunft“ heißt das Kapitel über die Stiftung im Buch. Welchen Grund zum Optimismus hat der schreibende Journalismus?

Ich halte den guten gedruckten Text auch in Zukunft für unersetzlich, gerade angesichts mancher Auflösungserscheinungen in der seriösen Öffentlichkeit. Kein Video, kein Podcast liefert vergleichbar intensiv Anregungen zum Weiterdenken. Der gedruckte Text ist auch etwas anderes als der Text im Internet. Verlage sagen mitunter ja schnell unter wirtschaftlichem Druck: Vielleicht reicht das Internet, dann haben wir weniger Produktionskosten. Wert und Wirkung des Textes auf Papier sind etwas anderes. Das rauscht nicht einfach so durch, es arbeitet im Leser, in der Leserin. Aber dazu müssen die Texte dann auch mehr bieten als das, was in anderen Medien durchrauscht. Als Stiftung versuchen wir, Leute zu fördern, die diese Qualität dauerhaft anbieten können.

Wer braucht morgen noch die Tageszeitung?

Für alle, die tiefer blicken wollen, mehr verstehen, Hintergründe erfahren, bleibt die Zeitung ein zentrales Medium. Sie muss diese Qualität dann aber auch liefern. Und in einem Konzert mit vielen anderen Medien ihr Publikum finden – sie wird nie mehr die Alleinunterhalterin sein, wie sie es noch zu Gerolds Zeiten war.

Interview: Thomas Stillbauer

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