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Die Norwegentasche ist sein Markenzeichen: Halldór Gudmundsson, Projektleiter des Ehrengasts Norwegen bei der Frankfurter Buchmesse 2019, mit seinem Besucher.

Gastland

Halldór Gudmundsson auf der Buchmesse Frankfurt: Der Botschafter des Nordens

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Der Verleger Halldór Gudmundsson leitete 2011 Islands Ehrengastauftritt bei der Frankfurter Buchmesse. Jetzt macht er dies für Norwegen. Unser Autor hat ihn getroffen.

Er ist ein Mann, der sich gerne selbstironisch einen Spiegel vorhält. Und den nichts so leicht aus der Ruhe bringt. Am Telefon hatte Halldór Gudmundsson schon gesagt, dass sein Frankfurter Büro nicht ganz einfach zu finden sei, „Etwas kafkaesk.“ Und tatsächlich: Das große Bürogebäude an der Mainzer Landstraße scheint weitgehend leerzustehen. 2017 hatte es die Stadt angemietet, weil hier ein „Integrationszentrum“ entstehen sollte. Lange irrt der Besucher durch völlig verwaiste Flure, um dann endlich die Räume zu entdecken, in denen Norwegen seinen Auftritt als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019 organisiert.

Der Isländer Gudmundsson begrüßt den Gast wie früher schon mit einem freundlichen, offenen Lächeln. Wir lernten uns 2011 kennen, als der Verleger für seine Heimat Island den Ehrengastauftritt bei der Buchmesse managte. Für viele langjährige Besucher der größten Medienschau der Welt gilt diese Gastlandpräsentation bis heute als die beste seit langem.

Island war seinerzeit von einer schweren wirtschaftlichen Krise erschüttert, die sich auch zu einer gesellschaftlichen auswuchs. „Wir haben uns damals die Frage gestellt: Kann sich ein Land mit Kultur wieder aus der Krise herausholen?“, berichtet der Autor. Und er bejaht die Frage eindeutig. Den Isländern, mit in dieser Zeit gerade einmal 320 000 Einwohnern, gelang es in Frankfurt, sich als Zentrum der Literatur, der Bildenden Kunst, der Mythen und Märchen mit uralter Tradition zu präsentieren.

Ein Erfolg, der bis heute nachwirkt: Die Übersetzungen isländischer Literatur ins Deutsche haben sich seither verdoppelt. „Wir wussten, dass es gelingen kann, wenn wir zusammenhalten“, sagt der 62-Jährige, und: „Wir hatten keine Angst vor Dilettantismus“. Wieder das kleine, ironische Lächeln.

Der Erfolg Islands von 2011 hat dazu geführt, dass der norwegische Staat Gudmundsson mit der Projektleitung seines Ehrengastauftritts beauftragt hat. „Es ist eine großartige Ehre“, sagt er schlicht. Fünf Millionen Euro stehen seinem Team und ihm zur Verfügung – so viel, wie damals das viel kleinere Island ausgegeben hatte.

Literarische Autoren haben sich einen Namen gemacht

Aber natürlich ist die Aufgabe diesmal eine etwas andere. Jahrelang waren es vor allem Kriminalromane, die im Bewusstsein des deutschen Lesepublikums für Skandinavien standen. Doch seit einiger Zeit haben sich auch literarische Autorinnen und Autoren Norwegens in Deutschland einen Namen gemacht. „Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde war 2017 der meistverkaufte Roman in Deutschland“, sagt Gudmundsson stolz. Ausgehend von der Bedrohung der Bienen in Europa und anderswo hatte Lunde drei Biografien entworfen – und dabei auch einen Blick in die Zukunft getan: Wie wird die Welt aussehen, wenn es keine Bienen und andere bestäubende Insekten mehr gibt? Der Mann, der 1956 in Reykjavik geboren wurde, ist ein guter Botschafter norwegischer Literatur.

Szenenwechsel. Auftritt in der historischen Kelterhalle von Oestrich-Winkel beim Rheingau-Literaturfestival. Gudmundsson spricht mit Festivalintendant Heiner Boehncke und dem Übersetzer Ulrich Sonnenberg über einige der 250 norwegischen Bücher, die aus Anlass der Buchmesse in Deutschland neu erscheinen. Und es ist, als hätte der Literaturwissenschaftler nie etwas anderes getan. „88 norwegische Autoren werden jetzt zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt.“ Er will auch „neue Namen rüberbringen, Namen, die man in Deutschland noch nicht kennt“. Also spricht er nicht nur über Norwegens Kultschriftsteller Karl Ove Knausgard, über die bekannten Autoren wie Jostein Garder, Erik Fosnes Hansen, Jon Fosse oder Ketil Bjornstad.

Sondern über die 35-jährige Helga Flatland, deren Roman „Eine moderne Familie“ gerade beim kleinen, aber feinen Weidle Verlag erschienen ist. Sie schildert, aus verschiedenen Perspektiven, den Zusammenbruch einer Familie, nachdem die Eltern ihre Scheidung angekündigt haben.

Gudmundsson erzählt dies alles in einem wie gestochen klingenden Deutsch. Denn der Isländer hat seine Heimat im Alter von sieben Jahren verlassen und war mit der Familie in die damalige Bundeshauptstadt Bonn umgezogen.

Er besuchte dort fünf Jahre lang das Beethoven-Gymnasium: „Das war sehr konservativ, es gab nicht mal Mädchen.“ Die deutschen Lehrer erzählten Halldór noch „Heldengeschichten aus dem Krieg“. Doch dann brach die 68er-Revolte aus in Deutschland, der Vater war als Student der Pathologie mittendrin.

Halldór Gudmundsson wurde 1956 in der isländischen Hauptstadt Reykjavik geboren. Von 1963 bis 1968 lebte er in der damaligen deutschen Hauptstadt Bonn.

Er studierte Literaturwissenschaften und übernahm 1984 die Leitung des größten isländischen Verlags.

Seine Biografie von Halldór Laxness gewann 2004 des Isländischen

Literaturpreis.

2011 leitete erden Ehrengastauftritt Islands bei der Frankfurter Buchmesse. jg

Der Sohn hatte begonnen, deutsche Literatur zu verschlingen, wie etwa „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin, ein Roman, der ihn sehr beeindruckte. Halldór erlebte, wie sich Deutschland, „damals eine sehr, sehr konservative Gesellschaft“ zu verändern begann: „1968 hat den Deutschen sehr gutgetan.“

Doch dann der Schock. Die Eltern wollten nach Island zurückkehren, der Vater hatte dort eine Stelle als Mediziner angeboten bekommen. Für Halldór brach eine Welt zusammen. „Ich wollte absolut nicht zurück nach Island – alle meine Freunde waren Deutsche!“

Aber die Eltern setzten sich natürlich durch und brachten den Zwölfjährigen zurück nach Reykjavik. Für Jahre zog sich Halldór Gudmundsson auf Island völlig von der Außenwelt zurück, „erst mit 16 Jahren habe ich auf dem Gymnasium wieder Freunde kennengelernt“.

Die 68er-Revolte hatte längst auch das abgelegene Island erreicht, mit seinen Freundinnen und Freunden demonstrierte er gegen den Vietnamkrieg, blockierte die große US-Militärbasis im isländischen Keflavik, von der aus die US-Armee den Nachschub nach Südostasien transportierte.

Und Halldór Gudmundsson las und las, noch auf dem Gymnasium begann er, auch die Werke des einzigen isländischen Literaturnobelpreisträgers zu verschlingen: Halldór Laxness. „Für uns Isländer hatte Laxness eine große Bedeutung, er hat das ganze Jahrhundert erlebt und hat unsere Selbstfindung als Nation kritisch begleitet.“

Gudmundsson begann, sich in der isländischen Sozialdemokratie zu engagieren. Noch heute bejaht er ohne jedes Zögern die Frage, ob er sich als Linker verstehe. Er studierte Literaturwissenschaften und begann 1984 beim größten isländischen Verlag zu arbeiten, Mál og menning. „Er war 1937 gegründet worden, um gute Literatur unter die Leute zu bringen.“ Kaum hatte der junge Mann im Büro in der isländischen Hauptstadt angeheuert, trat die Verlegerin zurück. Gudmundsson bot sich die Chance, im Alter von 28 Jahren Verlagsleiter zu werden – und er griff zu.

Heute ist er so etwas wie der Elder Statesman der isländischen Verlagsszene. Er begann auch, selbst zu schreiben. „Ich habe mir einen Roman nie zugetraut“, sagt er. Aber er wandte sich dem Biografischen zu. 2004 erschien sein Opus Magnum: eine fast 1000 Seiten umfassende Biografie von Halldór Laxness (seit 2007 auch auf dem deutschen Markt). Sie erhielt den Isländischen Literaturpreis. „Ich hatte sie in einer Art Wahn in nur achtzehn Monaten geschrieben.“

Als wichtigster isländischer Verleger wurde Gudmundsson von den 80er Jahren an Stammgast bei der Frankfurter Buchmesse. Und auch sonst kehrte er öfter wieder nach Deutschland zurück. Die Buchmessenclique traf sich jahrelang in Frankfurt im russischen Restaurant „Scarlet Pimpernel“, geführt von einer Gastronomin, die alle liebevoll nur „Mamutschka“ nannten. Auch Musiker wie Cliff Richard oder die Rolling Stones kehrten dort ein.

2010 hat Gudmundsson dem legendären Restaurant ein literarisches Denkmal gesetzt, mit dem Buch „Mamutschkas Lebensrezepte“. Noch heute schwärmt er von dem „Zufluchtsort“ , von den „schönen Festen“ dort. Mamutschka aber lebt nicht mehr und das Restaurant verschwand.

Der Erfolg bei der Frankfurter Buchmesse 2011 war Teil eines gesellschaftlichen Aufbruchs, den Island erlebt hatte. Von 2009 bis 2013 führte eine rot-grüne Regierung das Land. Der Satiriker und Comedian Jon Gnarr war vier Jahre lang erfolgreich Bürgermeister von Reykjavik. Und Halldór Gudmundsson übernahm 2012 die Direktion des neuen Opern- und Konzerthauses Harpa am Hafen von Reykjavik. Mit ihrer vom Künstler Olafur Eliasson gestalteten Fassade wurde die Harpa ein neues Wahrzeichen Islands.

Fünf Jahre hielt es Gudmundsson in dieser Position aus – dann zog es ihn zurück zur Literatur. Heute ist er wieder Chef bei Mál og menning. Aber natürlich steht all das jetzt zurück für den großen Auftritt Norwegens bei der Frankfurter Buchmesse. Am 16. Oktober öffnen die Tore.

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