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Kneipensterben: Eines der letzten Frankfurter Bierlokale hält sich tapfer

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Von: Oliver Teutsch

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Im Doctor Flotte läuft das Geschäft seit Jahrzehnten, aber auch nicht mehr so wie früher.
Im Doctor Flotte läuft das Geschäft seit Jahrzehnten, aber auch nicht mehr so wie früher. © Christoph Boeckheler

Die Zeiten ändern sich in Frankfurt, die Ansprüche der Gäste und der Vermietenden ebenfalls. Doch das Doctor Flotte hält sich.

Frankfurt - Wie der Doctor Flotte früher hieß, weiß niemand mehr so genau. „Der hieß schon in den 50er Jahren so“, meint Rosi, der in den 80er Jahren als Student selbst hinter dem Zapfhahn stand. „Zum Dicken Louis hieß er“, glaubt hingegen Abi, der seit Mitte der 70er Jahre Stammgast ist. Oder doch was mit Franz oder Fritz, sinniert Rosi. Eintracht-Dieter, der schon in den 60er Jahren in der Bierpinte an der Bockenheimer Warte ein- und ausging, kann sich gar nicht mehr an einen Namen erinnern.

Wikimedia vermeldet auf die Anfrage nach der Eckkneipe in Frankfurt-Bockenheim ganz nüchtern: „Gaststätte Doctor Flotte, Berliner Bierschwemme, Eckgebäude Leipziger-Gräfstraße 87, vormals Lokal Zum Straßenbahndepot mit legendärem Pächter, Nickname Nutten-Louis“. In einem anderen Wikimedia-Eintrag ist von Zum Ludwig die Rede. Feststeht, dass die Kneipe Mitte der 70er Jahre in Doctor Flotte umbenannt wurde und zunächst Teil einer Kette war, die von den geschäftstüchtigen Kommilitonen Roland Kuffler und Erich Kaub von ihrem Studienort in Heidelberg aus aufgebaut wurde.

Doctor Flotte in Frankfurt-Bockenheim: „Das war in den 60er Jahren eine Arbeiterkneipe“

Der vormalige Name „Zum Straßenbahndepot“ würde Sinn ergeben, schließlich war an der Bockenheimer Warte bis 1978 die Hauptwerkstatt der Frankfurter Straßenbahn, in der auch Eintracht-Dieter arbeitete. „Das war in den 60er Jahren eine Arbeiterkneipe“, erinnert er sich, bevor er einen Schluck aus seinem Bierglas nimmt. Neben der Hauptwerkstatt gab es um die Ecke auch die Fabriken von Hartmann und Braun sowie der VDO, die dafür sorgten, dass der Eckkneipe nicht die Kundschaft ausging.

Doch die Nähe zum Uni-Campus Bockenheim lockte auch immer wieder die Studentenschaft an, die an der strategisch günstig gelegenen Eckkneipe kaum vorbei kam auf der Suche nach geistigen Getränken. „Trinkkampfzone der 68er“, resümiert Wikimedia und auch Schriftsteller Andreas Maier hat den Doctor Flotte in seinem teils autobiografischen Roman „Die Universität“ fast zwangsläufig mit eingebaut. Joschka Fischer sei hier gewesen und sogar Franz-Josef Strauß irgendwann in den 80ern, erzählt Abi.

Frankfurt-Bockenheim: Uni-Abschluss im Doctor Flotte

Überhaupt die 80er, da war was los in der Eckkneipe. Während des Baus der U-Bahn-Station Bockenheimer Warte fielen die Arbeiter auch tagsüber ein und eigens für sie hatte die Kneipe schon ab 6 Uhr morgens geöffnet. Die Zapfhähne seien kaum mal zu gewesen, schwadroniert die Stammkundschaft über jene Zeit, als Bier trinken in der Kneipe noch zum guten Ton gehörte.

Jola Bilko erzählt, er habe 1982 seinen Uni-Abschluss im Flotte gefeiert. 40 Jahre später bezeichnet er sich selbst als „Automaten-Rentner“, weil er den Spielautomaten neben dem Tresen regelmäßig mit Geld füttert. Mittags seien die Alten da gewesen, ab 17 Uhr die arbeitende Bevölkerung und ab 22 Uhr die Studierenden. „Im Prinzip ist das heute noch so, das ist richtig multikulti abends“, freut sich der 67-Jährige.

Ein Bierchen am Tresen.
Ein Bierchen am Tresen. © christoph boeckheler*

Dabei ist es keine Selbstverständlichkeit, dass es den Doctor Flotte im Jahr 2022 noch gibt. Mindestens zwei Mal stand Frankfurts wohl größtes Raucherlokal schon vor dem Aus. 2004 wollte der langjährige Pächter Rainer Schiffer nicht mehr. Angebote zur Nachfolge für die lukrative Lage hatte er viele, allerdings nur solche, die dort ein Restaurant betreiben wollten. Das wollte Schiffer nicht, sein Herz hing an der historischen Bierpinte.

Zwei sporadische Gäste, die in ihrer Studentenzeit gewitzelt hatten, „wenn gar nichts mehr geht, übernehmen wir den Doctor Flotte“, sprangen schließlich aus einer Bierlaune heraus ein und übernahmen. Das lief ein paar Jahre mehr schlecht als recht, weil die fetten Jahre für Bierkneipen ohnehin vorbei waren. Als der erneute Nachfolger sich finanziell vergaloppierte und horrende Mietrückstände anhäufte, sprang die Radeberger Brauerei ein und fungiert seit dieser Zeit als Vermieterin in der Gräfstraße 87.

Den Doctor Flotte wird es in Frankfurt noch eine Weile geben

2012 war das und es galt, mal wieder einen neuen Wirt zu finden für die Kultspelunke. „Ein amerikanischer Burger-Laden hatte großes Interesse, aber die Radeberger wollte unbedingt, dass wir das machen“, erinnert sich Gurcharan „Chan“ Bhatti, der den Laden seit jener Zeit schmeißt. Das Know-how dafür erwarb er sich zuvor in den gastronomischen Betrieben seines Vaters, der Lokale in Frankfurt und Offenbach betreibt. Einfach sei es nicht, heutzutage noch eine Bierkneipe zu betreiben. „Man muss immer auf die Kosten aufpassen und gucken, wo man einkauft“, sagt Chan, der unentwegt nach Angeboten Ausschau hält.

Abends wird das Publikum jünger.
Abends wird das Publikum jünger. © christoph boeckheler*

Denn hohe Kosten hat er auch so schon genug. Neben der hohen Miete für die lukrative Lage fallen für die Fußballkneipe auch noch knapp 1000 Euro für die Bezahlsender Sky und Dazn an. „Die Preise, die da verlangt werden, sind unglaublich“, stöhnt Chan. Das muss eine Bierkneipe erst mal erwirtschaften. Knapp zwei Drittel des Umsatzes macht der Gastronom tatsächlich nur mit Bier. Die Zapfhähne sind lange nicht mehr so häufig offen wie früher, aber mehr als 400 Hektoliter Bier im Jahr werden im Doctor Flotte immer noch getrunken.

Eine saftige Mieterhöhung, wie sie vielen anderen Frankfurter Kneipen zuletzt widerfuhr, würde wohl auch in der Gräfstraße 87 das Aus der Trinkkultur bedeuten. Chan bleibt gelassen. Der Mietvertrag laufe noch bis 2024, mit Option auf weitere fünf Jahre. Den Doctor Flotte wird es in Frankfurt, anders als in den meisten anderen Städten, wo er einst zur Kette gehörte, wohl noch eine Weile geben. Völlig einerlei, wie er früher hieß. (Oliver Teutsch)

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