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Lena aus Landau trimmt Stefan den Bart.

Aktion

Haare ab im Eastside

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Die "Barber Angels" schneiden und frisieren ehrenamtlich in der Drogenhilfeeinrichtung.

Wie in einem Frisörsalon sieht es am Sonntagnachmittag im Kontakt-Café vom „Eastside“ aus. Zu Haufen zusammengefegt, liegen büschelweise Haare auf dem Boden der Drogenhilfeeinrichtung in der Schielestraße unweit der Hanauer Landstraße. Auf rund einem Dutzend Stühlen haben Besucher der Einrichtung Platz genommen. Sie lassen sich von den „Barber Angels“ (Frisör-Engel) kostenlos die Haare schneiden.

Etwa 20 Frisöre sowie zwei Maskenbildnerinnen für kosmetische Behandlungen und ein Optiker sind gekommen, um ehrenamtlich ihre Dienste anzubieten. Alle tragen eine Art Uniform, die an Motorrad-Gangs erinnert: schwarze Lederkutten, schwarze Shirts und Hosen. Damit zu tun habe das Outfit jedoch gar nichts, berichtet Evren Esmer, die die Veranstaltung der Barber Angels im Eastside organisiert hat. „Die Kutten nehmen Berührungsängste“, sagt die Frankfurter Frisörmeisterin. Durch die spezielle Kleidung hätten Besucher keine Hemmungen, die Frisöre anzusprechen, ergänzt die 40-Jährige. „Es geht darum, den Wiedererkennungswert zu steigern“, sagt Frisörmeister Günther Rösler aus Offenbach. Der 64-Jährige finde es wichtig, „mit seinem Beruf einfach was Gutes zu tun für Leute, die kein Geld haben“.

Die Idee zu dem Verein „Barber Angels Brotherhood“ (Frisör-Engel-Bruderschaft) und zu der dunklen Kluft hatte vor rund eineinhalb Jahren ein Frisör aus Biberach (Baden-Württemberg). Er habe Bedürftigen den Zugang zu kostenlosen Haarschnitten ermöglichen wollen, um ihnen ein „Stück Würde“ zurückzugeben, so Esmer. Die mittlerweile 250 Mitglieder aus dem gesamten Bundesgebiet und dem Ausland hätten seitdem in ganz Deutschland, den Niederlanden, Österreich, Schweiz und Spanien frisiert und geschnitten.

Mit Kamm und Schere rückt Lucia Santovito dem Schopf von Katja Özkapli zu Leibe, die ihre Augen geschlossen hat. Währenddessen schneidet die selbstständige Mannheimer Frisörmeisterin im Nacken ihrer Kundin. „Ich darf mich austoben“, sagt Santovito. Die Frauen hätten sich auf einen Kurzhaarschnitt geeinigt, berichtet die 54-Jährige. „Ich finde es ganz toll, dass es so etwas gibt“, sagt Özkapli und weiter: „Ein neuer Haarschnitt ist wichtig, der erste Eindruck zählt und man fühlt sich besser, wenn einem seine Haare gefallen.“

Frisörbesuche kann sich die 56-Jährige nicht leisten, die derzeit in einer Übergangs-Einrichtung im Gallus wohnt und zuvor längere Zeit auf der Straße gelebt hat. „Ich habe immer wieder alles verloren; langsam wird wieder alles, wie ich es gern hätte“, sagt Özkapli. Lucia Santovito ist seit rund einem Jahr bei dem ehrenamtlichen Zusammenschluss der Coiffeure aktiv. Sie ist froh, dass sie Mitmenschen ein „anderes Lebensgefühl“ verschaffen könne. Ihr gefalle der Hintergedanke, den die Aktionen vermittelten, „dass jeder etwas in seinem Rahmen tun kann“, so Santovito.

Christoph Lange vom Eastside lobt den Einsatz der Frisöre. „Die Leute haben es verdient, sie haben ein schweres Leben“, sagt Lange. Einige seien das letzte Mal vor zehn Jahren beim Frisör gewesen. Dabei hätten sie das „Bedürfnis, menschlich auszusehen“. Niemand laufe freiwillig in zerrissenen Hosen und strubbeligen Haaren durch die Gegend.

Die neuen Frisuren können künftig regelmäßig nachgeschnitten werden. Denn die Profi-Haareschneider planen nach ihrem ersten Besuch im Eastside, im Abstand von jeweils etwa zwei Monaten wiederzukommen.

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