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Gute Mine zum bösen Spiel

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Von: Stefan Behr

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Prozess gegen Bundeswehroffizier und leidenschaftlichen Sammler mit zünftigem Waffenarsenal

Am 2. August 2021 öffnet der Zoll am Frankfurter Flughafen ein an einen Händler in den USA adressiertes Paket. Und die Zöllner werden fündig: Drinnen finden sich diverse Waffenteile, etwa ein Schlagbolzen, ein Mündungsdämpfer und ein Magazin. Das Verschicken ist verboten, das Besitzen auch, das Benutzen erst recht. Die Ermittlung des Absenders ist leicht: er hat Namen und Anschrift auf dem Paket hinterlassen. Außerdem wird er sich bei der Post beschweren, dass sie sein Paket verschlampt habe.

Am 12. Oktober durchsucht die Polizei die Kölner Wohnung von Michael S. Offenbar ins Schwarze getroffen: Der Bundeswehroffizier hat nicht nur etliche Gewehre in der Bude, sondern auch diverse Minen und jede Menge kommunistische Manifeste. Im Keller des Hauses seiner Eltern hat er noch allerhand Chemikalien gelagert – und Feuerwerkskörper, mit denen eine Großfamilie jahrelang Silvester feiern könnte: Böller mit insgesamt 30 Kilo Sprengpulver.

Am gestrigen Montag steht S. wegen Verstößen gegen das Kriegswaffenkontroll-, Waffen-, Sprengstoff und Außenhandelsgesetz vor dem Amtsgericht. Der 33-Jährige sieht nicht aus wie ein Soldat und Kampfmittelabwehroffizier. Er sieht eher aus wie ein Museumswächter, der in seiner Freizeit „Der Herr der Ringe“ ins Klingonische übersetzt. Dass er vor dem Amtsgericht steht, liegt daran, dass sich bei der Untersuchung herausstellte, dass die Waffen funktionsuntüchtig waren, die Minen keinen Sprengstoff mehr enthielten und S. auch keine extreme Gesinnung hat, sondern „moderat links“ ist.

S. ist leidenschaftlicher Waffensammler. „Aber nur Waffen aus der Zeit des Kalten Krieges, und nur Waffen der Staaten des Warschauer Vertrages plus Jugoslawien“, was auch den Kommunistennippes erkläre. Die Chemikalien erklärt der verhinderte Chemie-Student, der wegen Mathephobie an der Bundeswehruni Geschichte studiert hat, mit einer andauernden Begeisterung für Experimente, was durch Vorführungen im Freundes- und Familienkreis auch belegbar ist. Zudem sei er als aktives Mitglied des „Feuerwerk-Forums“ auch leidenschaftlicher Pyrotechniker, die enorme Menge erklärt er durch das Corona-Böllerverbot – „das hat sich angesammelt“.

Dass er die Waffen trotz Funktionsuntüchtigkeit nicht hätte haben dürfen, habe er nicht gewusst. Er habe sie legal gekauft, „bei renommierten Händlern“ und im Internet. Schützenhilfe bekommt er von einem Büchsenmacher in Diensten des Landeskriminalamts. Der bestätigt, dass die Waffen entschärft waren, „aber nicht im Sinne der jüngsten EU-Deaktivierungsverordnung“. Die verstehe aber eh kein Mensch, nicht mal er, und sie sei wohl in erster Linie dazu gedacht, es Menschen, die sich mit ihr beschäftigen, zu erschweren, sich aus Verzweiflung zu erschießen.

Am Ende kassiert Michael S. zehn Monate auf Bewährung. Er ist eh gestraft genug. Wegen anfänglichen Terrorverdachts saß er ein halbes Jahr in U-Haft. Und seinen Offiziersjob ist er wohl auch los. Er suche schon einen neuen, „etwas im Museumswesen“. Ist wohl auch besser so.

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