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Bei der Arbeit: Jennifer Markwirth und ein kleiner Teil ihrer Ausrüstung.

Fotografie

Gurkenplanet und Borretschpollen

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Jennifer Markwirth stellt ihre erstaunlichen Fotografien essbarer Pflanzen in Frankfurt aus.

Im Bürgerinstitut im Westend sind zurzeit die delikaten Pflanzenfotos von Jennifer Markwirth zu sehen – ein Genuss fürs Auge. Und Anlass zum Staunen. Denn es ist immer wieder verblüffend, auf wie viele verschiedene Arten der Mensch Zugang zur Natur findet, zu ihren Früchten und deren Verwendungsformen. Die Frankfurter Künstlerin Miyase Ceren etwa sah eine Vorschau auf die Markwirth-Ausstellung: das Foto einer Horngurke, ihres Zeichens Gemüsefrucht aus dem Mittelmeerraum, hier scheinbar in einen erdfernen Planeten verwandelt, bizarr in Form und Farbe.

„Ich war fasziniert“, sagt Miyase Ceren – nicht nur von dem außergewöhnlichen Foto. Die Horngurke erinnerte sie vielmehr an ihre eigene Kindheit in der Türkei. Da sei der ferne Gurkenplanet nämlich in jedem Haushalt zu finden gewesen, und das gelte bis heute: unverzichtbar als altes Mittel gegen Schmerzen. Kudret nari werde die Frucht genannt, auf Wunden gelegt, auch innerlich angewendet. Deutsche Übersetzung: „Außerordentliche Kraft, die von oben kommt“.

Möglich, dass es sich nicht wirklich um dasselbe Gewächs handelt – bei Jennifer Markwirth trägt es den lateinischen Namen Cucumis metuliferus, während die Heilfrucht, die von oben kommt, offenbar unter dem Namen Momordica charantia bekannt ist –, aber: „Interessant, wie lang dieses Mittel schon verwendet wird“, sagt Ausstellungsbesucherin Ceren.

Die Horngurke.

Und mindestens genauso interessant, wie schön es aussieht, wenn es mit großem Geschick fotografiert wird. Rund 25 großformatige Fotos zeigt die 1979 geborene Goethe-Uni-Mitarbeiterin Markwirth, eins sehenswerter als das andere. Denn während das Ablichten von Essbarem seit Erfindung der Digitalfotografie einen Siegeszug bis auf die All-inclusive-Teller der Pauschalreisenden feierte, nahm die Qualität der Ergebnisse nicht unbedingt zu.

Eine Wohltat dagegen, den Umgang der Könnerin mit Licht und Farbe zu sehen, etwa bei der Borretsch-Blüte, blau, grün und weiß, ein Sechs-Farben-UV-Direktdruck auf Alu-Dibond, einem edlen Untergrund, 60 mal 90 Zentimeter groß, aus 44 Einzelfotos entstanden. 44? Ja, denn selbst die genialsten Fotografen können nicht mit einem Klick überall auf der Pflanze dieselbe Schärfe hinkriegen. Eine solch brillante Schärfe, dass jedes Fitzelchen Pollenstaub sternenklar zutage tritt, hier wird sie sichtbar.

Ein Gänseblümchen öffnet sich den Betrachtern, nebenan der Fruchtstand der Sonnenblume, gegenüber Fleischtomaten und immer wieder: Zitrusfrüchte. Sie sind die erklärten Lieblinge von Jennifer Markwirth, die nur eines bedauert – „dass ich ihren Duft nicht transportieren kann“.

Zur Ausstellungseröffnung im Bürgerinstitut vor einigen Tagen lagen Zitronen, Orangen, Pomeranzen auf den Tischen – aber bitte nicht essen!, bat ein Schild, die Früchte waren Leihgaben und werden noch gebraucht: im Palmengarten, der in diesem Jahr seine große Ausstellung den Zitrusfrüchten widmet. Natürlich unter Mitwirkung von Jennifer Markwirth.

Die Esskastanie.

Wonach hat sie unter Tausenden Motiven die Bilder ihrer Schau ausgewählt? „Das hat monatelang gedauert“, gesteht sie. Einige Lieblingsfotos sind dabei, außer der Roten Zedrat-Zitrone und der Tochterfrüchtigen Pomeranze etwa eine edle Weinrebe, grün, blau und rot, und die gelbe Tomate „Flame Hillbilly“.

Manche der Arbeiten entstanden eigens für die Ausstellung im Westend. Ein herausragendes Bild sind die Maisvarietäten, neun verschiedene Maiskolben, jeder ein Kunstwerk, auf Acrylglas und Alu-Dibond gedruckt.

Die gezeigten Gemüse und Früchte sind mitunter Spenden, teils waren es Leihgaben. Die Fotografin und Grafikerin ist stets auf der Suche nach neuen Objekten – manchmal nach verblüffend naheliegenden: „Ich habe zum Beispiel noch keinen Blumenkohl“, sagt sie und lacht. „Die selbstverständlichsten Sachen fehlen mir noch. Löwenzahn!“

Der Wein.

Auf ihrer vielfarbigen Internetseite www.flora-obscura.de hat sie dafür weitaus Exotischeres: den Echten Erdbeerspinat etwa, die fettige Steinfrucht Sabou aus dem Kongobecken, die Blaugurke aus Ostasien und den Japanischen Traubenapfel. Markwirths Kabinett der essbaren Pflanzen umfasst Hunderte Fotos, viele weitere harren noch der Veröffentlichung. Anregungen und Objekte findet sie reichlich am Arbeitsplatz: Sie betreut für die Goethe-Uni die ethno-botanischen Sammlungen der Archäologie und Archäobotanik Afrikas.

Was natürlich noch nicht zwangsläufig dazu führt, ein eigenes Fotoarchiv rätselhafter essbarer Pflanzen anzulegen. Den Samen dafür pflanzte Jennifer Markwirth, als sie 2003 beschloss, sich nur noch vegan zu ernähren, und zu recherchieren begann, was sie denn dann überhaupt noch essen könne. Mehr als genug, fand sie heraus. Und machte sich daran, der Welt möglichst appetitlich vorzuführen, wie vielfältig die Auswahl nahrhafter Gewächse ist. Aber auch, was man besser nicht zu sich nimmt; es gibt manch Giftiges. Und doch: „Veganismus ist mir ein wichtiges Anliegen“, sagt sie. Er tut der Welt gut, gerade in Zeiten des Klimawandels und der CO2-Belastung durch tierische Produkte.

Was auch guttut: die Ausstellung im Bürgerinstitut. „Wir sind begeistert, dass jemand die Ästhetik der Pflanzen so wahrnimmt wie Jennifer Markwirth“, sagt Nicole Blumenthal, die Leiterin des Treffpunkts am Rothschildpark. Der Appetit kommt zur rechten Zeit: Gerade fängt die Natur draußen an, wieder Nachschub zu produzieren.

Die Schau

Aus dem BotanischenKabinett der essbaren Pflanzen“, Fotografien von Jennifer Markwirth, Ausstellung beim Bürgerinstitut Frankfurt, Oberlindau 20, direkt am Rothschildpark. Bis 5. April. Zu sehen sind Naturstudien von Früchten, Samen, Blüten und anderen Pflanzenteilen, allesamt essbar, größtenteils bisher unveröffentlicht.

Öffnungszeitendes Treffpunkts: Montag bis Freitag, 9 bis 16 Uhr. Aber: Besuch der Ausstellung nach Vereinbarung unter Telefon 069/972017-40 oder per E-Mail an blumenthal@buergerinstitut.de. (ill)

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