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So sah es vor der neuen Altstadt aus, als das Technische Rathaus noch stand: Peter Cachola Schmal (r.) und Philipp Sturm in der Ausstellung zur Altstadt.

Altstadt in Frankfurt

"Nationalismus ist auf dem Vormarsch"

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Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseum, und Kurator Philipp Sturm sprechen im FR-Interview über die neue Frankfurter Altstadt und darüber, welche Bedeutung der Rechtspopulismus für die Architektur hat.

Herr Schmal, Herr Sturm, lassen Sie uns über Gefühle sprechen. Wenn Sie durch die neue Altstadt in Frankfurt gehen, welche Gefühle bestürmen Sie?
Schmal: Die Rekonstruktion des Stadtraums fühlt sich gut an. Mit seinen Proportionen und Sichtachsen, auf den Dom zum Beispiel. Die rekonstruierten Bauten fühlen sich an wie zu sauber renoviert. Wie in Brügge zur Zeit der europäischen Kulturhauptstadt. Wenn diese Häuser Patina angesetzt haben, wird man glauben, sie waren schon immer hier. Während ich mit den anderen neuen Gebäuden fremdele, weil es auch zum Teil sehr seltsame Entwürfe sind. Es dauert eine Weile, bis ich akzeptiere, dass sie zum Stadtraum gehören.

Tatsächlich war die Altstadt historisch immer so etwas wie die Schmuddelecke der Stadt. Da war es eng und dunkel, da hat es gestunken, da floss das Blut aus den Metzgerschirnen in den Main. Ist jetzt nicht ein Bild entstanden, das mit der historischen Wirklichkeit nichts zu tun hat?
Sturm: Das sehe ich genauso. Es wird ein idealisiertes Geschichtsbild gezeichnet. Ich habe meine Schwierigkeiten. Natürlich sind schöne, neue Plätze entstanden, die sich weiten und öffnen. Aber wohl fühle ich mich in dieser kulissenhaften Architektur nicht. Ich spüre erst Erleichterung, wenn ich zur Schirn oder zum Anbau des Kunstvereins aus den 50er Jahren blicke und die historischen und architektonischen Brüche entdecke. Die neue Durchwegung der Altstadt ist gewinnbringend …

… also der Krönungsweg zwischen Dom und Römer.
Sturm: Nein, der war ja immer da und verlief südlich des Technischen Rathauses. Ich meine vielmehr die Nord-Süd-Verbindungen, über die man von der Stadt zum Main flanieren kann. Das sind Wege, die ich sehr schätze.

Warum gelingt es rekonstruierten Gebäuden, positive Gefühle bei den Menschen hervorzurufen, und warum stößt moderne Architektur manchmal auf solche Ablehnung?
Sturm: Man muss aufpassen mit solchen Urteilen. Als vor anderthalb Jahren die moderne Elbphilharmonie eröffnet wurde, war das Volk begeistert. Wenn wir uns hier in Frankfurt das moderne Maintor-Viertel anschauen, diese Investorenarchitektur oder auch das Europaviertel: Das ist auch moderne Architektur, aber da wurde auf jeden Cent geschaut. Das sind negative Beispiele. Die EZB ist wiederum ein positives Beispiel moderner Architektur.

Aber es gibt ja einen Trend auch in anderen deutschen Städten, historische Quartiere zu rekonstruieren.
Schmal: Aber der große Unterschied ist, dass private Investoren nicht so viel Geld in ein modernes Quartier stecken würden. In München sind die Fünf Höfe ein gelungenes Beispiel von modernen Eingriffen im Bestand.

Ganz entscheidend ist also die Qualität der Architektur?
Schmal: Ja. Es kommt auf den Bauherren an, der Qualität will und sie auch bezahlt.
Sturm: Das Geld war bei der Frankfurter Altstadt mit der Stadt als Bauherrin nicht das Problem.

Man fing mit 77 Millionen Euro an und ist jetzt bei 200 Millionen Euro.
Schmal: Die 77 Millionen waren von vorneherein politisch geschönt.

In Frankfurt gibt es sehr viel austauschbare moderne Architektur, zum Beispiel immer dieselben Lochfassaden bei Bürogebäuden.
Schmal: Es liegt an den Bauherren. Die verlangen ein Raster, das für alles verwendbar ist, weil der Mieter noch nicht bekannt ist. Die Bauherren wünschen ein zeitloses Kostüm, in der Regel aus Naturstein. Der Bauherr will das Gebäude auch nicht lange halten. Er versucht, die Architekten bei den Baupreisen runterzuhandeln. Das echte Geld wird mit dem Wiederverkauf gemacht. Die Margen sind unglaublich.
Sturm: Es gibt aber auch positive Ausnahmen bei den Investoren. Ich erinnere an den US-Immobilienunternehmer Jerry Speyer, der Ende der 80er Jahre den Messeturm in Frankfurt errichtet hat. Dann kam der Opernturm, dann der Taunusturm, jetzt aktuell der Omniturm im Bankenviertel.

Bei diesen Gebäuden gibt es architektonische Qualität?
Sturm: Ich sehe da jedenfalls größere Qualität als im Maintor-Viertel.

Es gibt das Zauberwort Bilbao: Eine vorher ziemlich unbekannte baskische Stadt, die dann durch ein modernes Bauwerk, in diesem Fall ein Museum, weltweit berühmt wurde. Hätte man nicht anstelle der Altstadt ein Bilbao schaffen können, also ein modernes, prägendes Gebäude?
Schmal: Der Bilbao-Effekt wurde schon öfter kopiert. Frank Gehry entwarf damals vor zwanzig Jahren eine Dependance des Guggenheim-Museums. Das waren glückliche Fügungen. Frankfurt ist aber nicht mit Bilbao vor dem Gehry-Bau zu vergleichen.

Aber ist nicht die Altstadt eine Niederlage für die zeitgenössische Architektur?
Sturm: Ja, ganz klar.

Das muss Sie doch schmerzen, oder?
Schmal: Uns geht es so gut wie nie zuvor in Deutschland. Wir stehen da in fantastischer Verfassung. Aber die Stimmung, die sich einfangen lässt, ist Angst. Angst vor dem Absturz aus einer sehr guten Position. Wir schauen nicht mit Freude in die Zukunft. Der ganze Westen nicht. So sieht unsere Architektur dann eben auch aus.

Wie sehen Sie die Qualität des öffentlichen Raums in Frankfurt?
Sturm: Es kommt immer auf die Vorgaben der Politik an. Die Politik will zum Beispiel, dass keine Bänke im öffentlichen Raum stehen, damit sich keine Obdachlosen darauf niederlassen.
Schmal: Gerade junge Leute behandeln den öffentlichen Raum in Frankfurt nicht gut. Das beste Beispiel sind die Grünanlagen am Main. Ist es Ignoranz oder Protest, warum sie den öffentlichen Raum vermüllen?
Sturm: Da widerspreche ich. Das Problem der Grünflächen am Main ist nicht, dass junge Leute zu viel Müll hinterlassen. Es gibt viel zu viele Volksfeste am Main, es stehen viel zu viele Fressbuden im Grün dort rum. Das ist für den Naturraum viel gefährlicher als ein paar Pizzakartons.

Wer trägt die Schuld daran?
Schmal: Ich glaube, die Stadt und einzelne Interessengruppen wollen solche Veranstaltungen. Aber die Stadt zahlt drauf am Ende.

Zurück zur Altstadt. Begründet sie einen Trend in Deutschland?
Sturm: Dieser Trend ist schon da. Nach der Wende 1989 begann der Wiederaufbau der Städte im Osten Deutschlands, von Dresden bis Potsdam.
Schmal: Es gibt eine weltweite Rekonstruktionswelle. Nationalismus ist auf dem Vormarsch. Es wird deshalb in vielen Ländern rekonstruiert. Ein gutes Beispiel ist Georgien, der Ehrengast der diesjährigen Buchmesse. Da wurde beim Rekonstruieren viel Authentisches zerstört.

Der Rechtspopulismus scheint unaufhaltsam zu sein.
Schmal: Wir wissen noch nicht genau, wohin das in der Architektur und im Städtebau führt. Länder wie Ungarn, Polen oder Österreich lassen noch keine formalen Tendenzen erkennen.

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