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Michael Schumacher auf der Dachabdeckung der von ihm entworfenen Gartenhallen des Städel-Museums.

Architekt Michael Schumacher

„Es ist falsch, nur Bürger entscheiden zu lassen“

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Der Architekt Michael Schumacher über Wohnungsbau in Zeiten wachsenden Widerstands, über die Arbeit in China und das Alter.

Michael Schumacher wurde am 30. November 1957 geboren. Er studierte Architektur an der
Universität in Kaiserslautern und an der Frankfurter Städelschule. 1988 gründete er mit Till Schneider das Architekturbüro Schneider+Schumacher in Frankfurt. Zu den wichtigsten Bauten des Büros gehören die Infobox am Potsdamer Platz (1995), die Braun-Hauptverwaltung in Kronberg (2000), das Museum im KZ Sachsenhausen (2001), die Städel-Gartenhallen (2008-2012), die Autobahnkirche Siegerland (2014).

Herr Schumacher, die größte gesellschaftliche Herausforderung für Architekten in Deutschland ist derzeit die Konzeption bezahlbaren Wohnraums. Ihr Architekturbüro verantwortet in Frankfurt-Oberrad dazu einen Modellversuch, der Schule machen könnte.
Das stimmt. Die Tatsache, dass in Städten wie Frankfurt Wohnungen bereits für viele Menschen unbezahlbar geworden sind, ist schlimm. Wir haben im Auftrag des städtischen Wohnungskonzerns ABG untersucht, wie wir ein anständiges Wohngebäude schaffen können, das dennoch preiswert ist. Die ABG hat dazu ein Grundstück zu marktüblichen Preisen erworben.

Um wie viele Wohnungen geht es bei diesem Modellversuch?
Es entstehen 46 Wohnungen mit zirka 45 bis 90 Quadratmetern.

Was sind die baulichen Bedingungen für diese kostengünstigen Wohnungen?
Wir stellen einen kompakten Baukörper her, keine fancy Architektur mit Vor- oder Rücksprüngen. Der wesentliche planerische Grundgedanke ist der, die Treppenhäuser und Balkone vor die Wohngebäude zu stellen. Dadurch wird der Baukörper kompakt, das spart Bau- und Betriebskosten.

Es wird immer gerne als beispielgebend für heute der Wohnungsbau des Neuen Frankfurt in den 20er Jahren zitiert. Der damalige Stadtbaurat Ernst May hatte die gleiche politische Aufgabe wie die Kommunalpolitiker heute: rasch bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Das ist ihm gelungen. Was war sein Geheimnis?
Das Geheimnis liegt in der Kompaktheit der Gebäude und dem guten städtebaulichen Entwurf der Siedlungen. Unser Auftrag war etwas anders. Wir sollten einen Haus-Typ entwickeln, der sich in vorhandene Strukturen einfügen lässt. Wir sind alle gegebenen Vorschriften systematisch durchgegangen, um ein wohnliches und gestalterisch ordentliches Haus bei geringst-möglichen Kosten zu entwi-ckeln. Dabei haben wir in Bezug auf Nachhaltigkeit keine Abstriche gemacht. Das Haus verzichtet auf einen Keller, Abstellräume gibt es in den Wohnungen. Und wir wollten keine „Styroporbuden“ bauen, sondern überwiegend ordentliche und nachhaltige Materialien verwenden.

Erfüllen ihre Wohngebäude den Passivhaus-Standard?
Nicht ganz. Wir haben mit der ABG darüber gesprochen, dass die bauliche Hülle etwas weniger dämmt, als es bei Passivhäusern erforderlich wäre. Das wird aber in Bezug auf den Primärenergiebedarf durch den Einsatz von Photovoltaik mehr als ausgeglichen. Im Gesamtresultat belastet das Haus unsere Welt weniger als ein Passivhaus.

Die Politiker in Frankfurt kämpfen gerade darum, einen großen neuen Stadtteil im Frankfurter Norden beidseits der Autobahn A 5 für 30 000 Menschen zu schaffen. Würde es Sie reizen, bei diesem Wohnungsbau der Zukunft mitzumachen?
Natürlich. Darüber hinaus arbeiten wir derzeit intensiv an der Nachverdichtung von Siedlungen. Das ist nicht ganz einfach. Es gibt überall Widerstand. Die sogenannten Wutbürger machen nicht überall mit, obwohl es in der Abwägung der Argumente oft sinnvoll wäre.

Sie sind seit mehr als 30 Jahren Architekt. Ihr gesellschaftliches Umfeld hat sich sehr verändert in dieser Zeit. Sie müssen heute mit einer Bürgerinitiative rechnen, wenn Sie irgendwo etwas bauen. Wie gehen Sie damit um?
Wir üben und stellen uns darauf ein. Es ist an der Politik zu sagen: Regieren bedeutet auch, Dinge durchzusetzen. Ich halte es für falsch, überall nur den Bürger entscheiden zu lassen. Aber es gibt zunehmend mehr vernünftige Moderationsverfahren. In Hofheim zum Beispiel haben wir gerade an einem Wettbewerb teilgenommen. Da gab es eine vorgeschaltete Bürgerbeteiligung, die mir sehr sinnvoll erschien.

Am Ende soll aber die Politik den Wohnungsbau durchsetzen?
Ja, das muss sie. Wozu brauchen wir sonst eine Regierung? Es ist wichtig, die Meinung von Bürgern einzuholen. Am Ende aber muss es Prioritäten geben. Die kann in der Gesamtabwägung auch mal dazu führen, einen liebgewonnenen Baum fällen zu müssen.

Wie überzeugt man die Menschen?
Durch gute Argumente, die in einem gut organisierten Rahmen ausgetauscht werden müssen. Das ist natürlich in einem kleinen Ort einfacher als in einer Großstadt in China. Und man braucht eine professionelle, gute Moderation.

Zynisch gesprochen, ist die Volksrepublik China das Paradies für Architekten und Städtebauer, denn Bürgerinitiativen gibt es dort kaum. Der Protest wird von der Staatsmacht unterdrückt. Sie bauen ja in China.
Ja, wir haben ein Büro in China. Mir scheint, China ist kein Land mehr, in dem alles mit der Staatsmacht plattgewalzt wird. In Bezug auf Architektur und Städtebau sehen wir dort gute Tendenzen.

Aber es gibt ja keine Bürgerbeteiligung in unserem Sinne.
Meines Wissens nicht. Wenn ich an die Größe der Städte und die Anzahl der Menschen dort denke, scheint mir das auch nicht so einfach zu organisieren zu sein.

Ihr Büro gehört mit 140 Mitarbeitern zu den großen in Deutschland. Das ist eine bemerkenstwerte Entwicklung, wenn man an die Gründung des Büros 1988 denkt.
Ja, das stimmt, wir sind stetig gewachsen, haben aber eine größere Krise erlebt, wie viele andere Architekturbüros auch, nach den Anschlägen von 2001 in den USA. Damals haben wir entschieden, Entwurf und Bauausführung organisatorisch zu trennen. Diese Aufteilung hat sich sehr bewährt und zum Wachstum geführt. Unser Ziel ist es nach wie vor, interessante Gebäude zu entwerfen, sie aber auch ordentlich zu errichten – das erfordert künstlerische und organisatorische Talente. Nachhaltig bedeutet für uns, dauerhaft und schön zu bauen.

Aber noch mal zu China. Muss ein Büro Ihrer Größe in der Volksrepublik China bauen, um wirtschaftlich bestehen zu können?
Nein, nicht unbedingt. Unser Engagement dort hat sich aus meiner Lehrtätigkeit an der Leibniz-Universität Hannover ergeben. Dort studieren zunehmend chinesische Studenten. Eine von ihnen war besonders unternehmungslustig und hat mich mitgerissen.

China ist eine Diktatur. Planen und bauen in einer Diktatur, warum tun Sie das?
Wir planen Häuser, damit es Menschen an unterschiedlichen Orten der Welt trocken, warm und schön haben. Aber um der Frage nicht auszuweichen: Auf Grund der Anzahl der Menschen in China stelle ich es mir nicht so einfach vor, von den gegenwärtigen Verhältnissen unmittelbar in eine Demokratie zu wechseln. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich halte die Demokratie immer noch für die beste aller schlechten Staatsformen. Aber Trump, Twitter und die neuen Medien machen einen schon ein bisschen nervös. Wir werden bisher in China beruflich fair behandelt und liefern gute Arbeit ab.

Stehen Sie als Architekt heute nicht unter einem großen Kostendruck? Sollen Sie nicht ständig noch schneller und billiger agieren?
Stimmt. Lesen Sie nach, was Architekten im Schnitt verdienen können. Da stehen wir nicht gut da.

Das Bild des Architekten wird von den sehr gut verdienenden Stars geprägt.
Das ist natürlich ein verzerrtes Bild. Anspruchsvoll zu planen bedeutet mehr Aufwand als ein Projekt schnellstmöglich abzuwickeln. Aber ich persönlich möchte mich nicht beklagen.

Sie sind jetzt 30 Jahre selbständiger Architekt. Wir sitzen hier im Café des Städel-Museums, dessen Gartenhallen Sie entworfen haben. Ist das Ihr schönstes Projekt?
Für Till Schneider und mich haben die Gartenhallen eine große Bedeutung – sowohl beruflich als auch privat. Sie verraten viel über den Charakter unserer Architektur. Der Entwurf für die Gartenhallen ist sowohl selbstverständlich, praktisch und naheliegend als auch auf seine Art spektakulär und markant. Das ist eine tolle Mischung, wie wir sie mögen.

Heute fordern viele Bauherren spektakuläre Show-Architektur. Besondere Ausrufezeichen. Städte und Politiker schmücken sich mit Architektur. Als jetzt die Zukunft der Städtischen Bühnen diskutiert wurde, forderten einzelne Politiker, groß zu denken und sich am Beispiel von Bilbao zu orientieren, der Stadt, die durch das Guggenheim-Museum von Frank Gehry nach vorne katapultiert worden sei.
Das war immer schon so. Architektur hat immer die Aufgabe zu repräsentieren. Sonst gäbe es keinen Petersdom, keinen Eiffelturm und keine Elbphilharmonie. Wir haben den Städel-Wettbewerb gewonnen durch die spezielle architektonische Ausformung des Dachs, die mit ihren Augen eine markante, merkbare Gestalt entstehen ließ. Ein gewöhnliches Kellergeschoß hätte für diesen wertvollen Ort auch nicht genügt.

Sie sind 60 Jahre alt geworden. Träumen Sie noch vom besonderen architektonischen Ausrufezeichen, von einem besonderen Hochhaus zum Beispiel?
Natürlich träume ich von weiteren Chancen, schöne Häuser zu entwerfen. Ich träume davon, noch mal 30 Jahre zusammen mit meinem Partner und unseren Leuten an der Lösung von eleganten, schlüssigen Konzepten zu arbeiten und diese realisieren zu können. Da darf dann auch ruhig ein Hochhaus dabei sein.

Wie gehen Sie mit dem Alter um? Es heißt, in jedem älteren Menschen stecke ein verblüffter junger Mensch.
Ja, stimmt, verblüfft bin ich wirklich. Es ist definitiv so, dass meine Pubertät endgültig vorbei ist ... und ich bekomme jetzt Ermäßigung beim Ski-Abonnement. Was will man mehr?

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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