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Futuristisches Design: Die Kunststoffschindeln an der Außenfassade schimmern je nach Lichtverhältnissen in unterschiedlichen Farben.

Ostend

Neue Unterkunft für Obdachlose im Ostpark

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  • Apolline Reimers
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Das Ende eines Provisoriums: Nach vier Jahren Bauzeit sind die neuen Gebäude für Obdachlose im Ostpark fertig.

Der erste Eindruck, so heißt es oft, sei der wichtigste. Am südlichen Ende des Ostparks, zwischen Riedgraben und Bahntrasse, ist der erste Eindruck seit Neuestem: Wow! An diesem berühmt-berüchtigten Ort, wo Frankfurt seit Jahrzehnten seine Obdachlosen unterbringt und wo schon der Investigativreporter Günter Wallraff die Zustände beklagt hat, steht ein Neubau, den man so nicht erwartet hätte. Ein luftiges Ensemble mit großzügigen Innenhöfen und viel Holz, die Außenwände mit Kunststoffschindeln bedeckt, die je nach Lichteinfall Türkis bis Violett schimmern. Insgesamt wirkt das Ganze wie eine Mischung aus futuristischer Jugendherberge und Ferienanlage. In letzter Zeit sehe sie häufig Spaziergänger, die staunend vor dem Haus stehenblieben, sagt Christine Heinrichs, Leiterin des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten. „Das ist für uns etwas ganz Neues. Früher mussten wir uns immer entschuldigen.“

Vier Jahre lang wurde an der neuen Übernachtungsstätte im Ostpark gebaut, vier Jahre mussten Mitarbeiter und Bewohner mit zwei Containerdörfern an der Ostparkstraße vorlieb nehmen. Doch das Warten hat sich gelohnt. Seit Mitte Juli sei man in den neuen Gebäuden, und es habe sich vieles verbessert, sagt Heidi Wächter, die stellvertretende Einrichtungsleiterin. „Die Übernachter nehmen die Anlage bisher sehr gut an“, sagt sie. „Alle haben sich richtig gefreut, hier herziehen zu können.“

Beim Rundgang in den Gebäuden fallen die Verbesserungen unmittelbar ins Auge. Im Gegensatz zur alten Übernachtungsstätte, einer Art Dauerprovisorium aus Metalltreppen und Wohncontainern, wirkt alles wie aus einem Guss. Im Hauptgebäude die Pforte, dahinter eine Teeküche und Büros für die Mitarbeiter. Die hauseigene medizinische Ambulanz, der Druckraum für Drogenabhängige, die Räume für die Sozialberatung, alles hat seinen Platz. 

Angrenzend die Wohnhäuser, in denen die Bewohner in aller Regel in Doppelzimmern untergebracht sind. Im Gegensatz zu früher erhält jetzt jeder Bewohner einen eigenen Chip, der als Zimmerschlüssel funktioniert. Jeweils zwei Zimmer teilen sich ein Bad und einen Flur, der entweder direkt nach außen oder in einen der hellen, begrünten Innenhöfe führt. Das sei gerade für Menschen wichtig, die lange auf der Straße geschlafen hätten, erklärt Christine Heinrichs. „Viele brauchen Platz um sich und das Gefühl, dass man schnell weg ist.“ Überhaupt, ergänzt Heidi Wächter, sei das Leben in der neuen Anlage durch die luftige Bauweise weniger eng und hektisch. „Es ist sehr ruhig geworden.“

In den Schlafzimmern wurden bei der Planung Wünsche der Bewohner einbezogen, berichtet Heidi Wächter. So gibt es in jedem Zimmer neben dem Kühlschrank einen Fernseher, zudem sind die Stockbetten extra hoch, damit man auf den unteren Betten aufrecht sitzen kann. Und jedes Bett – auch das haben die Bewohner sich gewünscht – hat eine Nachttischlampe und eine Steckdose, an der man sein Handy aufladen kann. Wenn man die modernen Badezimmer und die Fußbodenheizung dazunimmt, wird klar: Der Standard hat sich spürbar verbessert.

In einer der Gemeinschaftsküchen, die sich die Bewohner teilen, kocht Nacer Aetallouache gerade Spaghetti Bolognese. Aetallouache kommt aus Algerien und erzählt, er habe wegen eines Wasserschadens in die Einrichtung ziehen müssen. Seit zwei Monaten wohnt er jetzt hier, und er findet alle Mitarbeiter und Bewohner nett. „Es ist sehr ruhig hier“, meint er. „Aber eigentlich bin ich sowieso nur zum Kochen und Schlafen da.“ Eine andere Bewohnerin tritt in die Küche, um ihren Abwasch zu machen. Sie kommt aus der Türkei und wohnt immer mal wieder im Ostpark. „Eigentlich hat sich im Neubau wenig verändert“, findet sie. „Alles ist nur viel gemütlicher geworden als in den Containern.“ So wie Aetallouache ist auch sie im Grunde zufrieden.

Auch wenn sich vieles geändert hat: Die eigentliche Arbeit im Ostpark geht weiter wie bisher. Das Haus bleibt Frankfurts erste und niedrigschwelligste Anlaufstelle für Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben. „Aufgenommen wird, wenn Platz ist, jeder, der vor der Tür steht“, sagt Christine Heinrichs. „So wie er ist.“ Am nächsten Tag wird auf dem Sozialamt geklärt, welche Ansprüche die Obdachlosen haben. Je nach Fall und Problemlage – manche Menschen haben Schulden, andere sind psychisch krank oder drogenabhängig – bleiben die Leute unterschiedlich lange. Wer wirklich nur Wohnraum brauche und noch nicht lange auf der Straße sei, könne oft innerhalb von Wochen in ein Wohnheim oder eine neue Wohnung weitervermittelt werden, sagt Heinrichs: „Wenn jemand in der Lage ist, mitzuwirken, geht es total schnell.“ Andere Menschen brauchen intensivere Hilfe und bleiben jahrelang in der Einrichtung. Heidi Wächter berichtet von einem Mann, der zuerst auf keinen Fall in der Unterkunft bleiben wollte und nur das Angebot annahm, im Winter im Ostpark heiß zu duschen. Nach und nach gewöhnte er sich ein, mittlerweile lebt er seit einigen Jahren fest in der Einrichtung. „Irgendwann werden wir ihn so weit haben, dass er einen Platz im Altersheim annimmt“, sagt Wächter. 

Neben der Unterbringung wird den Bewohnern einiges geboten, es gibt ein Café, Ausflüge, eine Trommelgruppe und ein wöchentliches Frauenfrühstück. „Immer abhängig von den Bewohnern und davon, was sie machen möchten“, sagt Wächter.

Gebaut wird im Ostpark übrigens noch eine ganze Weile: Es fehlen noch zwei Bauabschnitte, die in den nächsten zwei Jahren fertig werden sollen. Der letzte Abschnitt betrifft die alte Baracke am Eingang, in der auch ein Kiosk und eine öffentliche Toilette untergebracht sind. Da werde derzeit noch nach einer Lösung gesucht, sagt Christine Heinrichs. „Das wird ein bisschen die Quadratur des Kreises.

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