+
Noch kein Geschenk für Weihnachten? Wie wäre es mit einem Buch?

Literaturtipp

Der „Pornokönig“ und sein Siegfried

  • schließen

Es gibt eine Neuauflage von Jörg Schröders Buch über die wilde Zeit des März-Verlages.

Es ist Anfang Oktober 1972. Auf der Frankfurter Buchmesse feiert ein Werk Premiere, das seinesgleichen sucht. „Siegfried“ hat der Verleger Jörg Schröder seine autobiografischen Erinnerungen getauft, die er dem Schriftsteller Ernst Herhaus in ein „klappriges Philips Tonbandgerät“ diktiert hatte. So ein Buch gab es zuvor noch nicht. Ein wilder Parforce-Ritt durch die linke (Verlags-)Szene der 1960er und frühen 70er Jahre. Ein Buch, das nichts und niemanden schont – auch nicht den Autor.

In Frankfurt am Main und Darmstadt schrieb Schröder deutsche (Verlags-)Geschichte. Die Buchumschläge seines März-Verlages mit den charakteristischen roten Lettern auf knallgelbem Grund haben sich in das kollektive Gedächtnis von Generationen eingebrannt. Sie beeinflussten Millionen von Menschen. „Sexfront“ zum Beispiel von Günter Amendt, das Schluss machte mit den Verklemmungen der 1950er und 60er Jahre. „Die Naziolympiade“ von Gerhard Zwerenz, eine kritische Analyse der Olympischen Spiele von 1936. Oder „Bericht aus dem Inneren der Unruhe“, das Tagebuch, das Hans-Christoph Buch über die Kämpfe um das Atomkraftwerk Gorleben verfasste. Oder „Die Reise“ von Bernward Vesper, eine Abrechnung mit der Vatergeneration der Nazi-Sympathisanten.

Am 24. Oktober wurde der Verleger Jörg Schröder 80 Jahre alt. Aus diesem Anlass hat Klaus Schöffling, einer der wichtigen deutschen Verlagsunternehmer der Gegenwart, den „Siegfried“ wieder neu aufgelegt, in der originalen Aufmachung, mit den roten Lettern auf Gelb.

In Berlin geboren, arbeitete Schröder von 1962 bis 1964 zunächst bei Kiepenheuer&Witsch in Köln als Leiter der Werbe- und Presseabteilung. 1965 betrat er dann die Bühne des Rhein-Main-Gebiets und krempelte den altehrwürdigen, aber überschuldeten Melzer-Verlag um. Wo vorher Klassiker wie Ludwig Börne erschienen waren, veröffentlichte der Verleger jetzt junge deutsche Autoren wie Bazon Brock, Peter O. Chotjewitz und Gunter Rambow, aber auch den US-Kultschriftsteller Jack Kerouac oder die Lyrik-Anthologie „Fuck You“ mit Beat- und Underground-Lyrik.

Verlags-Besitzer Joseph Melzer  gefeuert

Der größte kommerzielle Hit des Melzer Verlages aber war die sadomasochistische Phantasie „Die Geschichte der O“, geschrieben von der französischen Autorin Dominique Aury. Davon verkauften sich mer als 100 000 Exemplare binnen kurzer Zeit......

Im Frühjahr 1969 zerstritt sich Schröder endgültig ,mit Verlags-Besitzer Joseph Melzer und wurde gefeuert. Im März 1969 gründete er sein eigenes Unternehmen in Darmstadt: März. Wenig später folgte dann noch die Olympia Press: Sie war für Erotica zuständig. Die Zeitungen und Magazine wie „Spiegel“ und „Stern“ stürzten sich auf diese neuen Verlage. Beim „Stern“ hieß Schröder nur noch „der Pornokönig“.

Die Verlage zogen um in das kleine Hochhaus Schwindstraße 3 in Frankfurt. Schröder schreibt über diese Zeit: „Du musst auch mal zu Boden gehen und dich auszählen lassen, wenn es nicht anders geht, eine Ruhepause einlegen, um dann wieder anzufangen. Dukannst nicht ewig weiter fighten. Daß ich trotz mancher wirtschaftlichen Schwierigkeiten noch manches produzieren konnte, mit minimalem Geld – und zwar Bücher, die nicht immer die schlechtesten waren – unter täglichen absurden Zwischenfällen und nervenzerfetzendem Kleinkram, das ist ein Beweis für menschliche Widerstandsfähigkeit.“

Eigentlich sollte im März-Verlag ein Mitbestimmungs-Modell praktiziert werden, als Folge der 68er -Revolte. Aber mit der autokratischen Führungsfigur Schröder war das nicht zu machen. Dass der Streit von damals bis heute andauert, ist an den geschwärzten Stellen im Buch abzulesen, die Verleger Schöffling akzeptieren musste. Ein Beteiligter von damals hat sie vor Gericht durchgesetzt.

1971 schieden alle wichtigen Teilhaber mit Abfindungen aus dem Verlag aus. Darunter auch K.D. Wolff, der später mit Stroemfeld als eigenem Unternehmen sehr erfolgreich wurde – bis er 2018 Insolvenz anmelden musste.

Im Buch „Siegfried“ wirft Schröder K.D. Wolff vor, er habe damals „die prominenten Frankfurter Linken aus dem März-Freßnapf“ ernährt: „mit schlechten Übersetzungen, halbfertigen Konzeptionen, nie erschienen Herausgebertaten und allem möglichen Blödsinn, der von ihm verteilt wurde.“

1973 war der erste März Verlag am Ende, wurde 1974 neu gegründet, musste 1987 liquididiert werden. Schröder hatte zwei Herzinfarkte erlitten.

In seinem „Siegfried“ sagt er eine Welle von Selbstmorden voraus, „weil die Aussichtslosigkeit dieses Geldverdiener- und Konsumfriedhofs. auf dem wir inzwischen gelandet sind, immer mehr Leuten klar wird.“ Betroffen sein würden alle, die „nach Aufstand und Revolution“ sich „wieder in den Gesellschaftsprozess eingliederten in der Hoffnung, doch etwas ändern zu können.“

Diesen Marsch durch die Institutionen nach der Revolte gab es, die Selbstmordwelle blieb aus. Das Buch „Siegfried“ aber, es hat Bestand, als irrwitzige Chronik einer Zeit, in der alles möglich schien.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare