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Maja Wolff

Porträt der Woche

„Grüne Soße ist kein Schweinefleisch“

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Eine Frau zwischen zwei Spektakeln: Maja Wolff ist das Gesicht der Frankfurter Grünen Soße. Am Donnerstag jagt sie wieder den Weltrekord.

Wie’s geht? Wie es ihr geht zwischen zwei Großereignissen? „Die Frage möchte ich gern im Raum stehen lassen“, sagt Maja Wolff und macht das passende Gesicht dazu: keine Ahnung, wie’s mir geht. Keine Zeit, darüber nachzudenken.

Die Sonne ist kurz rausgekommen. Eine gute Gelegenheit, die geschundenen Füße mal auf die Balkonbrüstung zu legen, einen Moment auszuspannen im Hauptquartier, das keine bessere Adresse haben könnte als diese: Krautgartenweg. Das Organisationsteam des Grüne-Soße-Festivals und des Grüne-Soße-Tags, die Macherinnen und Macher der weltweit wichtigsten Sieben-Kräuter-Spektakel – sie residieren im Krautgartenweg. „Ein Kollege hat gesagt: Die Leute denken bestimmt, wir wollen sie mit der Adresse verarschen.“

Andere Leute dachten schon vor zwei Jahren, diese durchgeknallten Frankfurter wollten sie auf den Arm nehmen, als es hieß: Die arbeiten am Grüne-Soße-Weltrekord. Die wollen, dass in dieser Stadt 231 775 Portionen Grüne Soße an einem einzigen Tag gegessen werden. Es wurden dann 103 711 Portionen an jenem 22. Juni 2017. So viele, wie sicher noch nie irgendwo auf der Welt binnen 24 Stunden verzehrt wurden und garantiert außerhalb Frankfurts in den nächsten 100 Jahren auch nicht mehr sonstwo verzehrt werden. Aber eben kein Weltrekord, da kennt das Rekord-Institut, das sich die Zielzahlen einfallen lässt, kein Pardon. Also auf ein Neues an diesem Donnerstag, am 6. Juni 2019, dem Grüne-Soße-Tag. Die ganze Stadt ein gedeckter Tisch mit Kartoffeln, Eiern und dem Elixier aus sieben Kräutern.

„Der Weltrekord ist gar nicht so richtig wichtig“, sagt Maja Wolff. „Wichtig ist, dass alle Spaß haben. Wichtig ist, alle zusammenzubringen. Es wäre schön, wenn die Leute kapieren, was dahinter für ein Gedanke steckt.“

Dazu gab es prinzipiell im Mai schon reichlich Gelegenheit. Da holte sich Maja Wolff die geschundenen Füße, da war sie eine Woche lang jeden Abend das Gesicht des Grüne-Soße-Festivals im Zelt auf dem Roßmarkt und an den Imbissständen rundherum. Da stand sie – beziehungsweise ihr Alter Ego Anton Le Goff – täglich auf der Bühne, sang, machte Witze, präsentierte das Showprogramm gemeinsam mit Timo Becker, ließ das Publikum über die beste Grüne Soße der ganzen Stadt abstimmen. Um 0.30 Uhr in der Nacht raus aus dem Zelt, nach Hause – „Abendessen“. Im Ernst? „Im Ernst. Nachts um eins haue ich mir einen Berg Nudeln rein, und dann ab ins Bett, schlafen.“ Und am frühen Morgen wieder ins Büro im Krautgartenweg, das nächste Großereignis organisieren, den Weltrekord. Und abends wieder auf die Bühne.

Ist das vielleicht ein bisschen verrückt? Oder sagen wir: noch verrückter, als dies alles sowieso schon ist? Die anstrengendste Woche der Welt, und ein paar Tage später direkt der Weltrekordversuch? „Aber es hat sooo einfache Gründe“, sagt Maja Wolff. „Diese Jahreszeit ist voller Feiertage, und es muss ja ein Tag sein, an dem alle das Normale machen, keinen Urlaub – also zur Arbeit gehen, in die Schule gehen, sonst kriegst du die ja nicht alle auf einmal zum Grüne-Soße-Essen. Und es muss jetzt sein, denn was willst du im Oktober mit einem Grüne-Soße-Tag?“ Da wächst halt nicht mehr viel auf den Feldern, im Herbst. Gegen die Argumentation ist kein Kraut gewachsen. „Aber schon klar, das alles schont nicht gerade Mensch und Material.“

Zur Person und zum Weltrekord Maja Wolff, 54, ist Schauspielerin, Sängerin, Kabarettistin, Regisseurin, Theatertherapeutin und erfand gemeinsam mit Torsten Müller das Grüne-Soße-Festival. Die Frankfurterin wurde unter anderem bekannt in ihrer Rolle als Anton Le Goff. Da geht sie in Männerklamotten auf die Bühne und verkörpert „Frankfurts neue Männlichkeit“. Gerade erst von den Strapazen des achttägigen Festivals einigermaßen erholt, geht ihre ganze Energie und die ihres Teams nun in den Grüne-Soße-Tag.

Der Grüne-Soße-Tagam Donnerstag, 6. Juni, bringt Frankfurt wie schon die Premiere 2017 als uneingeschränkte Sieben-Kräuter-Hauptstadt der Welt in Erinnerung. Wobei diesen Titel ohnehin kein vernünftiger Mensch anzweifeln würde. Die einzige offene Frage ist, ob es diesmal gelingt, für den Weltrekord die vorgeschriebenen 231 775 Portionen Grüne Soße an einem einzigen Tag zu verzehren. Zahllose Firmen, Vereine und Organisationen machen mit. Mehr darüber berichtet die FR in den kommenden Tagen.

Maja Wolff, 1964 geboren, Frankfurterin, Wöhlerschülerin, dann Arzthelferin. Und schon wieder ein Grund nachzufragen: Im Ernst? Arzthelferin? „Ich hätte eigentlich sogar Medizin studieren sollen, ich war eine richtige Überfliegerin. Ich wollte aber immer nur Theater machen. Dann hab’ ich erst mal ein Kind gekriegt.“ Dann jahrelang mit dem Papageno-Theater unterwegs gewesen. Dann gesungen. Dann in der Kneipe gearbeitet. Dann Theatertherapeutin gelernt. Dann den Verein Art-Q gegründet, der Knast-Theater macht, Integrationsprojekte anstößt, Grenzen überschreitet.

„Wir haben die ,Zauberflöte‘ inszeniert mit Frauen aus dem Frauenknast und Männern aus dem Männerknast – etwas, das normalerweise ausgeschlossen ist.“ Theater mit Flüchtlingen, Theater zu Glaubensfragen. „Man muss Umwege finden, damit es heilt. Theater heilt.“ Ach so, Heilpraktikerin für Psychotherapie ist Maja Wolff auch. „Das ist ganz gut, wenn man viel mit Leuten zu tun hat, die nicht ganz bei Trost sind.“ Zwinkerzwinker.

Ganz schön viel für ein Leben. Und dann noch Anton Le Goff. Eigentlich wollte Wolff die „Lola Blau“ von Georg Kreisler auf die Bühne bringen, aber als sie sich um die Lizenz bemühte, stellte sie fest: Es waren schon 16 andere Sängerinnen gleichzeitig damit unterwegs. Dann sah sie einen Auftritt von Georgette Dee, ein Mann als Frau, und zack: „Nach dem zweiten Song habe ich gesagt: Ich muss hier raus, denn plötzlich war mir klar, das gab’s noch nicht, eine Frau in Männerkleidern.“

Anton Le Goff also moderiert seit Anbeginn das Grüne-Soße-Festival. Apropos: Was treibt eigentlich Menschen an, ein spektakuläres Festival für eine ulkige regionale zähflüssige Frühlingsspezialität zu erfinden? „Es war eine verrückte Idee. Wir haben uns im Februar gefragt: Was braucht die Welt im April?“ So gesehen … Für Frankfurter liegt die Antwort in der Tat auf der Hand.

Als Luxus nimmt Maja Wolff heute wahr, dass Torsten Müller und sie ein irres Festival erfunden haben, das jedes Jahr ausverkauft ist, schon Monate im Voraus. Zum zehnjährigen Bestehen setzten sie sich wieder zusammen und überlegten: „Was können wir noch machen? Etwas, bei dem jeder mitmachen kann – den Grüne-Soße-Tag!“

Der Gedanke dahinter: Alle feiern zusammen ein Fest, und alle schaffen etwas gemeinsam. „Man sieht ja, wenn man sich die Welt anschaut, dass versucht wird, uns zu vereinzeln“, sagt sie. „Aber es ist viel schöner, etwas zusammen zu erreichen – ohne dass man sich selbst dabei vergisst. Und mich trägt das, wenn ich sehe, dass die Leute begeistert mitmachen.“

Die Fechenheimer etwa, nicht gerade gut betucht: „Aber ganz Fechenheim macht sich verrückt für den Grüne-Soße-Tag.“ Oder hier, eine Mail von voriger Woche: „Die TSG 51 Frankfurt in Eschersheim in der Niedwiesenstraße is(s)t bei dem Grüne Soße Tag dabei und serviert im TSG-Stübchen ganz klassisch selbstgemachte Frankfurter Grüne Soße mit gekochten Eiern und Salzkartoffeln und Getränke zum humanen Preis. Das erste Getränk zum Essen geht aufs Haus. Wer isst mit? Wir freuen uns auf Sie!“

„Grüne Soße ist kein Schweinefleisch“, sagt Maja Wolff. Soll heißen: Alle können sich damit identifizieren, niemand ist wegen seiner Herkunft oder Religion ausgeschlossen. Und schon möglich, sagt sie, dass manche die Aktion mit dem Weltrekord uncool finden. „Aber ich stelle mir vor, dass jemand in Hamburg liest, die haben in Frankfurt 231 775 Grüne Soßen gegessen – was sind das eigentlich für verrückte Leute?“ Sie schaut vom Balkon hinunter auf den Krautgartenweg. „Das ist so schön schräg.“

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