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Die neue Partei im Frankfurter Stadtparlament stößt auf ein großes Medieninteresse.
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Die neue Partei im Frankfurter Stadtparlament stößt auf ein großes Medieninteresse.

Blick zurück

Die Grünen in Frankfurt: Streiten im Kosel-Keller – Die Anfänge

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Vor 40 Jahren bereiten sich die Grünen in Frankfurt auf ihre erste Kommunalwahl vor. Der hitzige Richtungsstreit von damals ist noch heute spürbar.

Im Kosel-Keller herrschte drangvolle Enge. Mehrere Dutzend Menschen saßen oder standen um den großen Tisch im Untergeschoss der katholischen St. Bernhard-Gemeinde, Koselstraße 11-13 in Frankfurt am Main. Es wurde laut gestritten, viel geraucht. Vor 40 Jahren, im Dezember 1980, ist an diesem Ort ein Stück deutsche Parteiengeschichte geschrieben worden. Die neue Partei Die Grünen, gerade erst elf Monate vorher auf Bundesebene gegründet, stellte ihre erste Liste für das Frankfurter Stadtparlament auf. Am 22. März 1981 stand die Kommunalwahl an. An diesem Tag sollten die Grünen zum ersten Mal in den Römer einziehen, in der bis dahin größten deutschen Stadt.

Die Anfänge der Grünen in Frankfurt: „Es gab viel Stress“

Es brauchte eine ganze Reihe von Treffen in St. Bernhard, bis es am Ende die Liste gab. Und die Protagonist:innen sind sich auch vier Jahrzehnte später nur in einem Punkt einig: über die aufgeheizte Atmosphäre damals. „Es gab viel Stress“, erinnert sich Jutta Ditfurth, damals die Wortführerin unter den grünen Radikalökologen, später Bundessprecherin der Partei. Stress hieß Streit, etwa mit Daniel Cohn-Bendit, seinerzeit der wichtigste Sprecher der Frankfurter Spontis. Cohn-Bendit, später ehrenamtlicher Stadtrat in Frankfurt und Europaabgeordneter, sagt heute, er könne sich an Einzelheiten im Kosel-Keller nicht mehr erinnern. Nur eines weiß der 75-Jährige gewiss: „Ich mag die nicht, ich lehne die ab.“ Gemeint sind damit die Radikalökologen.

Jochen Vielhauer, heute 73 Jahre alt, versucht, im Rückblick, eine versöhnlichere Haltung einzunehmen. Auch er, der später Fraktionsvorsitzender der Grünen im Hessischen Landtag wurde, diskutierte im Kosel-Keller mit. Das gesamte linke Spektrum war damals dort versammelt: Neben Grünen und Spontis Angehörige des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW), der Kommunistischen Partei Aufbauorganisation (AO), auch Trotzkisten und freie Linke. Es ging erstmal um die Frage, ob man überhaupt für ein bürgerliches Parlament kandidieren soll.

Der Kampf gegen das Establishment – Ein Bekenntnis zu Frankfurt

Joschka Fischer, damals der andere wichtige Wortführer der Spontis, wollte nicht zur Kommunalwahl kandidieren. Der Straßenkämpfer zögerte, selbst den parlamentarischen Weg einzuschlagen. Im November 1980 schrieb der spätere Bundesaußenminister aber einen Text, der den ironischen, von Shakespeare entliehenen Titel „Der Widerspenstigen Zähmung“ trägt. Darin hieß es: „In den folgenden Zeilen will ich etwas die Bratendüfte erläutern, die mir da allenthalben in die Nase steigen, wenn ich von Kommunalwahlen und der Spontis Wahlbeteiligung höre. Es ist ein eindeutiges Bekenntnis zu dieser unserer Wahlbeteiligung in dieser unserer Stadt Frankfurt.“ Seine Empfehlung hieß dann immerhin: „Die Grünen wählen, aber ohne Illusionen!“

Die Grünen fallen im Stadtparlament jedenfalls auf.

Tatsächlich sah es im Kosel-Keller zunächst gut aus. Die Grünen waren bereit, die Spontis und unabhängige Linke auf ihrer Liste zu beteiligen. Vielhauer weiß noch: „Es sollte so gehen, dass vier von den Grünen und dann immer ein Unabhängiger aufgestellt werden sollte.“ Er und Cohn-Bendit seien auf der Liste gewesen. Über die inhaltlichen Forderungen für den Wahlkampf sei man sich einig gewesen: Ausstieg aus der Atomkraft, autofreie Innenstadt, kein Ausbau des Frankfurter Flughafens, mehr Raum für Radfahrer. „Die Inhalte waren nicht strittig, wir fanden das ganz in Ordnung“, so Vielhauer.

Die Grünen in Frankfurt waren gespalten – über die Gründe ist man sich uneinig

Doch am Ende stiegen Spontis und Unabhängige doch wieder aus und von der Liste. Warum das geschah, darüber gehen die Darstellungen bis heute auseinander. Vielhauer erklärt den Ausstieg so: „Wir meinten, das ganze politische Spektrum sei nicht abgedeckt, und wir fanden die vorherrschende Stellung der Radikalökologen suspekt.“ Die heute 69-jährige Jutta Ditfurth sagt, Cohn-Bendit habe nur antreten wollen, wenn auch Wolfgang Hübner von der Kommunistischen Partei auf die Liste komme. Hübner sollte Jahrzehnte später als Protagonist der rechtspopulistischen Bürger für Frankfurt (BFF) wieder in der Frankfurter Kommunalpolitik auftauchen. Die Grünen stimmten aber im Kosel-Keller gegen Hübners Kandidatur, während sie die von Cohn-Bendit knapp befürworteten. Cohn-Bendit selbst bleibt auch auf Nachfrage bei seiner Aussage, er könne sich nicht erinnern.

Vielhauer erklärt, Cohn-Bendit habe damals seine Bewerbung wieder zurückgezogen. Am Ende scheiterte so die gemeinsame Liste von Grünen und Spontis für die Kommunalwahl 1981 in Frankfurt. Die Radikalökologen um Ditfurth und ihren Lebensgefährten Manfred Zieran kandidierten alleine. Joschka Fischer trat erst Ende 1981 bei den Grünen ein. „Joschka hat eine Zeitlang gebraucht“, sagt Cohn-Bendit heute. Es sollte Jutta Ditfurth sein, die den Realpolitiker Fischer bei einer Kreisversammlung der Grünen im Rothschildschen Pferdestall im Westend in die Partei aufnahm, was sie heute noch als „politischen Fehler“ ansieht.

Einzug der Grünen ins Frankfurter Parlament: Signalwirkung für die Bundesrepublik

Doch zuvor, bei der Kommunalwahl am 22. März 1981, erzielten die Grünen in Frankfurt 6,4 Prozent der Stimmen und zogen mit einer sechsköpfigen Fraktion ins Stadtparlament ein. Ein besonderer Tag mit Signalwirkung für die gesamte Bundesrepublik: Der außerparlamentarische Protest war im Parlament angekommen. Denn die Grünen wurden getragen vom Widerstand gegen die Atomkraftwerke und im Rhein-Main-Gebiet zusätzlich von der Bewegung gegen den geplanten Bau der Startbahn 18 West.

Vor 40 Jahren trat der Kampf gegen diese weitere Piste des Frankfurter Flughafens in seine entscheidende Phase: Am 2. November 1980 zogen 14 000 Menschen in den Flörsheimer Wald hinaus, der für die Startbahn fallen sollte. Viele weitere Demonstrationen folgten. 1981 sollte der Protest Hunderttausende von Menschen mobilisieren.

„Entschieden wird nichts auf der Straße, sondern in den Parlamenten“

Heute begrüßt es Grünen-Veteran Jochen Vielhauer, dass seine Partei wieder unter außerparlamentarischen Druck gerät, durch die Klimaschutz-Bewegung und beim Kampf gegen den Bau einer Autobahn durch den Dannenröder Forst. „Ich hätte es gut gefunden, wenn der grüne Wirtschaftsminister in Hessen für ein Moratorium beim Autobahnbau eingetreten wäre“, so der frühere Frankfurter Stadtverordnete. „Die jungen Leute treten uns in den Arsch: Das ist verständlich“, urteilt der 73-Jährige. Aus der Geschichte der Grünen lasse sich lernen, dass eine Partei, wenn sie sich etabliert habe, „zwangsläufig“ unter den Druck von außerparlamentarischen Bewegungen gerate.

Ganz anders sieht das Daniel Cohn-Bendit. „Die Verkehrswende entscheidet sich nicht in diesem Wald“, erklärt der frühere Studentenführer, „sondern dadurch, dass die Automobilindustrie künftig ganz andere Autos baut“. Aus der Geschichte der Grünen lasse sich lernen: „Entschieden wird nichts auf der Straße, sondern in den Parlamenten“. Jutta Ditfurth verließ dagegen 1991 die Grünen aus Protest gegen deren Hinwendung zur Realpolitik. Sie unterstützt heute im Grundsatz die Klimaschutzbewegung und tritt mit ihrer Gruppierung Ökolinx, die sie im Frankfurter Stadtparlament repräsentiert, zur Kommunalwahl am 14. März 2021 an. Daniel Cohn-Bendit geht klar auf Distanz zu den Radikalökologen: „Wir müssen den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern regulieren und reformieren.“ In den 40 Jahren seit den Treffen im Frankfurter Kosel-Keller hätten die Grünen „viel mehr bewegt als Zieran und Ditfurth“.

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