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Klaus Hinz macht sauber auf der Holbeinstraße.

Zufallstreffer in Sachsenhausen

Großreinemachen an der Holbeinstraße

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Die FR wirft einen Dartspfeil auf den Stadtplan und schaut nach, wer und was da so in echt passiert. Diesmal hat es die Holbeinstraße in Sachsenhausen getroffen. Und da tut sich so einiges an spannendem Alltag.

Klaus Hinz rollt durch den Tag. „Eine raus, eine rein, einer leert aus, einer stellt auf“ – so geht das bei der Müllabfuhr. Seit 30 Jahren zieht der 54-Jährige Abfalltonnen über Frankfurts Pflaster, „980 Tonnen am Tag“ – aber wenn einem dabei ein Reporter-Team der Frankfurter Rundschau in die Quere kommt, gerät man schon mal aus dem Takt. Das Müllauto ist bereits einen Block weitergefahren, die anderen Kollegen haben Hinzens Tonnen übernommen, eine rein, eine raus. Klaus Hinz muss schleunigst hinterher und lässt uns allein. Allein in der Holbeinstraße, zwischen Textor- und Schwanthalerstraße.

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Der Zufall hat uns hergetragen – aber mit dem Zufall ist das so eine Sache. „Ich werde Ecken der Stadt kennenlernen, in denen ich noch nie war“, dachte sich die Reporterin, griff sich einen Dartpfeil, warf ihn ohne böse Absichten auf den Stadtplan – und versenkte ihn treffsicher dort, wo sie es auch per Kirschkernweitspucken gerade noch hingeschafft hätte. Sie werden, nein, Sie müssen denken, liebe Leserinnen und Leser, wir hätten gemogelt. Das glaubt doch kein Mensch, dass Reporterin und Fotograf dort landen, wo sie leben und arbeiten.

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Da sind wir nun aber und schwören Stein und Bein: Wir haben den Dartpfeil nicht einfach aus dem Fenster der Redaktion am Karl-Gerold-Platz geschleudert und auch nicht in der Kneipe geübt. So ein Dartpfeil fliegt halt sonderbare Wege und überhaupt – es ist einfach höchste Zeit, die erweiterte Nachbarschaft kennenzulernen und zu fragen: Was machen Sie denn da?

Weiter nach München

„House removal“, antwortet Andy Spencer. Aha, sind Sie aus England? „Ja, ich bin Sonntag in Middlesbrough losgefahren.“ Der 46-Jährige sitzt im Fahrerhäuschen eines riesigen Lastwagens und hat den gesamten Hausstand einer amerikanischen Familie auf dem Sattel. Während Klaus Hinz die Hinterlassenschaften der Menschen aus Sachsenhausen herausrollt, rollt Spencer ihr Eigentum hinein – nicht direkt in die Holbeinstraße, aber hier kann der Brite besser parken. „44 Feet“ ist sein Wagen lang, mehr als 13 Meter.

In Frankfurt ist Spencer das erste Mal. Mit der Fähre sind er und sein Kollege nach Rotterdam übergesetzt und von dort quer durch Holland weiter gen Main gefahren. „Das mag ich an meinem Job – ich sehe jeden Tag etwas anderes, andere Länder, andere Menschen.“ In ganz Europa ist Andy Spencer unterwegs, aktuell schon seit zwei Wochen und insgesamt seit 19 Jahren. Als Single, sagt er, sei das kein Problem. Als Nächstes geht es weiter nach München – was er dort abholt und wo er es hinbringt, das weiß er jetzt noch nicht. Wir hätten ihm ja den Dartpfeil zur Zielwahl geborgt, aber der steckt noch in der Redaktion.

Fünf Kilo Butterplätzchen

Der Dienstagmorgen an der Holbeinstraße ist vor allem Großreinemachtag. Allerorten rollen verschiedenste Fahrzeuge rein und raus in die Straße rund um den breiten Grünstreifen. Ismet Obrazhda etwa fallen gerade haufenweise Schuhe, Pullover, aber „auch Teppiche und Müll“ aus dem Altkleidercontainer entgegen, die er fein säuberlich in Säcke verpackt und in seinen Lastwagen wirft. Drei Tonnen schafft der Kosovare jeden Tag und trifft nach 14 Jahren Containerdienst durchaus noch auf Überraschungen: „Manchmal schläft da jemand drin“, verrät er und zeigt auf die Klappe des Containers, über die sich Übernachtungsgäste in die Altkleider plumpsen lassen.

Heinz Wenzel kann es nicht gewesen sein, denn der ist „immer um zehn nach drei wach“. Ab sechs Uhr früh rödelt er dann mit einem kleinen FES-Wagen durch die Stadt, nebenbei hat er viele Jahre seine Eltern gepflegt. „Ich mach jetzt den Papierkorb leer“, sagt der 64-Jährige und packt zu. 300, 400 Eimer leert er am Tag, Pfandflaschen mopsen ist verboten, denn die sind Eigentum der Entsorgungsgesellschaft, sobald sie – genau – entsorgt wurden. Trotz solcher Eigenheiten mache er seinen Job aber ganz gerne, sagt Wenzel. Nur die Polizei ärgert ihn manchmal, wenn sie ihn ermahnt, weil er „nur zwei Minuten“ vor einem Papierkorb parkt. Im März geht er nach 40 Jahren in Rente. „Aber ich werde noch weiter arbeiten, 400-Euro-Job als Fahrer, was soll ich denn daheim.“ Backen vielleicht: „Fünf Kilo Butterplätzchen“ hat er am Wochenende ausgestochen. „Sternchen und Monde.“

„Chillen-Grillen-Kastenkillen“

Himmlischer Zufall hat uns auch ins Gotteshaus getrieben. In der Bonifatiuskirche hängt nur Jesus still am Kreuz, weit und breit kein Mensch zu sehen. Aber einige Meter weiter im Orca-Schülercafé regt sich etwas hinterm Tresen. „Wir machen ein FSJ“, sagen Julian Reibling und Annika Böndgen – ein freiwilliges soziales Jahr. Die 19-Jährigen arbeiten seit August im Orca, „das ist der Anker der katholischen Jugendkirche Frankfurt“, sagt Julian Reibling, der Religionslehrer werden will.

Das Orca ist aber nicht zum Beten da, sondern seit 2006 fester Anlaufpunkt für hungrige Schüler der umliegenden Schulen. „Wir sind offen für alle“, sagt Reibling. Im Orca können sie Hausaufgaben machen, Kicker spielen oder im Sommer „mit Liegestuhl auf dem Grünstreifen“ lümmeln. Freitags gibt es auch ein Abendprogramm. Also doch beten? Nein, gar nicht: „Oktoberfest“, „Schlag das Orca-Team“, „Chillen-Grillen-Kastenkillen“. Klingt sympathisch und ziemlich weltlich – diese Woche steht noch eine Jamsession an. Jetzt muss aber erst mal das Mittagessen vorbereitet werden. „Manchmal stürmen hier 50 Leute auf einmal rein“, sagt Annika Böndgen. Sie wollen Kaffee für 50 Cent und Sandwiches für einen Euro – und „wir sind ernährungstechnisch auch für Muslime gewappnet“, sagt Reibling. Und warum ist heute niemand da? „Die schreiben Abi-Probeklausuren.“

„Mathe macht Spaß“

Tatsächlich: Von der Carl-Schurz-Schule an der Ecke zur Schneckenhofstraße weht die geballte Matheverzweiflung herüber: „Dieses x2², da hatte ich keine Ahnung, was ich damit machen soll“, tönt es aus einem Schülergrüppchen. Etwas abseits stehen Johannes Wagner, 17, und Hannah Frosch, 16, und wirken gar nicht verzweifelt – höchstens ein bisschen müde nach zwei Stunden „E-Funktionen, Kurvendiskussion, Analysis eben“. Die beiden sind im Mathe-Leistungskurs und sagen Unfassbares: „Mathe macht Spaß.“ Weniger spaßig finden die G8-Gymnasiasten, dass die Schule heute noch bis 18 Uhr dauert und bis Weihnachten noch mehrere Klausuren anstehen.

Apropos Weihnachten: Hinter den Fenstern der prächtigen Altbauten im Viertel schimmern allerorten Adventskränze und Sterne, während draußen regennasse Rosenbüsche ihre hagebuttenschweren Zweige über Eisenzäune hängen. Eine Frau hängt Lichterketten in ihre Blumenkästen. Den wichtigsten Teil der Feiertagsdekoration hat aber Anne Völp in der Hand. „Ich bin hier die Christbaumverkäuferin“, sagt die 55-Jährige und schließt das Tor zu ihrem Weihnachtswunderwald im Dreieck zwischen Gartenstraße und Kennedyallee auf.

Django zerrt an der Leine

Manche Kunden stellten sich jetzt schon einen Baum auf, weiß sie aus 20 Jahren Verkaufserfahrung, andere kommen erst am Heiligabend vorbei. „Hier gibt es auch viele ausländische Kunden, Franzosen oder Engländer. Die erzählen mir, wie sie ihren Baum schmücken: mit Bonbons, Kugeln, Menschen …“ – Menschen? Ob der Brite Andy Spencer in Wahrheit lebenden Weihnachtsbaumschmuck geladen hatte?

„Figuren halt“, sagt Anne Völp. Echte Menschen werfen derweil prüfende Blicke aufs Tannengrün, sagen „der Platz wäre schon da, aber ich habe einen halbblinden Hund zu Hause, da darf die Tanne nicht zu groß sein“ oder „die Spitze ist ein bisschen eiereckig“. Aber Völp findet für alle den richtigen Baum.

Für fast alle. Nicht bei Völp, sondern im Baumarkt hat Ulrich Walter seinen Weihnachtsbaum gekauft. In der Thorwaldsenstraße fegt er gerade Erde aus seinem Auto, dabei wohnt der Architekt eigentlich in der Morgensternstraße. „Aber in Sachsenhausen muss man ja immer fünf Blöcke entfernt parken“, seufzt er. Sein Baum im Topf hat aber eh noch eine Reise vor sich: „Ich bringe den auf den Weihnachtsmarkt am Merianplatz“, sagt der 63-Jährige. Später kommt die Tanne in seine Wohnung und nach den Feiertagen wird sie in den Garten gepflanzt.

Jetzt geht Ulrich Walter aber erst mal spazieren – Beagle Django zerrt schon an der Leine. Und auch Fotograf und Reporterin laufen weiter. Wir haben es ja nicht weit.

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