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Im Übungszimmer der Rekonvaleszenten: Jack Corrigall, ehrenamtlicher Vogeltrainer, mit den Mauerseglern Milan und Horus.

Tiere

Großer Kampf für kleine Frankfurter Mauersegler

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Die Mauerseglerklinik hat schon wieder Hunderte Patienten, weil Menschen keine Rücksicht nehmen. Dabei gibt es klare Regeln für Hausbesitzer.

Erfahrene Vogelfreunde wissen das. Für die anderen sei es noch einmal ganz klar ausformuliert: Wer einen verletzten Mauersegler findet (oder irgendeinen anderen Piepmatz) – bitte nicht in die Luft werfen, um zu testen, ob er vielleicht von allein wieder losfliegt. Wenn er das könnte, der Vogel, hätte er es längst getan. Bitte auch nicht mit Katzenfutter oder Hackfleisch oder Milchprodukten füttern. Mauersegler vertragen ausschließlich Insekten.

Der richtige Umgang mit verletzten oder kranken Mauerseglern ist ganz leicht nachzulesen: www.mauersegler.com – da steht alles drin. Christiane Haupt kann es gar nicht fassen, wie viel Unwissenheit immer noch herrscht. Die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Mauersegler, Tierärztin und Leiterin der Frankfurter Mauerseglerklinik sitzt am Dienstag wie an jedem Tag in dem großen Klinikraum und füttert kranke Vögel mit Grillen. Morgens, mittags, abends, nachts. Es helfen fleißige Menschen – Schnabel auf, Grille rein, noch eine, noch eine, Tröpfchen Wasser dazu –, aber sie kommen kaum nach. Es sind einfach zu viele.

155, vielleicht 160 Mauersegler warten in Zweier- und Dreier-WGs in der Griesheimer Krankenstation darauf, wieder zu Kräften zu kommen oder operiert zu werden. Viel lieber wären sie am Himmel, unterwegs in den Süden, wie die Artgenossen, die noch vor wenigen Tagen kreischend über die Dächer bretterten. Aber jedes Jahr bleiben mehr von ihnen zurück.

Apus apus, der Mauersegler ist ein Flugkünstler und ein Langstreckenheld. Im Sommer, in der Brutsaison, zeigt er die tollsten Kunststücke für das begeisterte Publikum auf den Dachbalkonen, und wenn die Kleinen so weit sind, geht es Tausende Kilometer weit nach Afrika zum Überwintern.

Die kleinen Vögel mit dem prägnanten „Sriii“-Ruf sind immer in der Luft, schlafen im Flug und machen nur zum Brüten eine Ausnahme. Das lässt ermessen, wie sehr sie darunter leiden, in der Klinik zu liegen, weil Menschen sie mit Bauschaum traktieren oder ihr Gefieder mit falschem Futter zerstören.

Christiane Haupt bricht es fast das Herz. „Da ist die schlimmste Saison ever“, sagt sie. „Man kann von einem Vernichtungsfeldzug gegen Gebäudebrüter sprechen.“ Von Rohheit und Grausamkeit erzählt sie. Von Bauherren, die Nistplätze in Dachritzen mit Bauschaum abfüllen – ohne Rücksicht auf die brütenden Vögel.

Drohbriefe erhält sie, weil sich die Mauerseglergesellschaft mutig gegen solche Gesetzesbrecher stellt; Nistplatzvernichtung ist ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Eine Klebefalle mit zwei verendeten Mauerseglern schickte man ihr als Drohung in einem Paket zu. „Das Aggressionspotenzial ist erschreckend“, sagt Haupt.

Anfang Juli kamen Ragna und Lagiata in die Klinik. Sie gibt immer noch jedem neuen Patienten einen Namen, auch wenn es im vorigen Jahr 770 waren und in diesem schon mehr als 500; viele warten noch in anderen Pflegestationen darauf, neue Federn zu bekommen, nach einer Methode, die nur Christiane Haupt in Perfektion beherrscht. Ragna und Lagiata jedenfalls waren in einer Leonberger Schule gefunden worden, weiß verklebt vor lauter Bauschaum, zum Tierarzt gebracht, von dort nach Frankfurt, hier versorgt, später mit neuen Federn und einer schönen Zeremonie wieder in den Himmel entlassen.

Die heißen Sommer setzen den Mauerseglern enorm zu. Die erste Hitzewelle in diesem Jahr ließ die frisch geschlüpften Küken unter den Dächern eingehen oder noch flugunfähig aus Panik in den Tod springen, die zweite traf sie genau in der Phase des Flüggewerdens. „Wir wurden regelrecht von verletzten Fundtieren überschwemmt“, sagt Haupt, „wir sind praktisch untergegangen.“ Und dann treuherzige Finder, die berichten, sie hätten den Vogel schon zehn Mal in die Luft geworfen, aber erfolglos.

Gute Ernährung – so wichtig. Nahrhafte Grillen für einen Patienten.  

Härter als solche Unwissenheit trifft die Tierfreunde aber die vorsätzliche Ignoranz, mit der immer häufiger Dächer saniert, Fassaden erneuert würden, ohne auf die Brutvögel zu achten. „Das ist keine Welt mehr für Wildtiere“, sagt die Klinikchefin. Auch wenn sich Frankfurt noch sehen lassen könne: Behörden reagierten auf Anzeigen, es würden Baustopps verhängt. Das sei nicht überall so.

Der Vogelschutzbeauftragte Ingolf Grabow und seine Mauerseglerinitiative sind in Sachen Immobilien für die kleinen Weltenbummler sehr aktiv. Erst jüngst berichtete er von der gelungenen Umsiedlung einer Kolonie, die aus einem Rödelheimer Verwaltungsschulgebäude ausziehen musste. Er bringt Jahr für Jahr Hunderte Nistkästen für Mauersegler und Schwalben an.

Es sind Leute wie Christiane Haupt und Ingolf Grabow, die ein Beispiel geben an Menschlichkeit und Einsatz, die weitermachen, auch wenn es Rückschläge hagelt. Die Mentalität schwinde, sagt die Tierärztin, jene würden weniger, die genug Zeit, Muße und Herz aufbrächten, um dauerhaft für eine Sache einzutreten. Die Aufmerksamkeitsspanne, die Konzentration, aber auch die Courage lasse nach. Sich ernsthaft mit dem Nachbarn anlegen, nur weil er eine Vogelfamilie wegsaniert? So etwas erlebe sie kaum noch, sagt Haupt.

Wer mehr über ihre Arbeit wissen will, kann sie an diesem Donnerstag im ZDF sehen: „Hannes Jaenicke: Im Einsatz für Vögel“, ab 22.35 Uhr nach dem Heute-Journal.

Mehr zur Hilfe für kleine Frankfurter Weltbürger: www.mauersegler.com; nabu-frankfurt.de/mauerseglerinitiative

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