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Stolz zeigt Stritt eine Kanne aus einem Service des Adelsgeschlechts Thurn und Taxis, das Gloria v.T&T versteigert habe. 

Griesheim

Griesheim: Wohnen im eigenen Museum

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Wolfgang Stritt ist leidenschaftlicher Sammler von Dingen, die mit Frankfurt zu tun haben. Hunderte von „Frankfurtensien“ stapeln sich in seinem Haus.

Wolfgang Stritt ist Kurator, Museumsführer und -leiter. Denn der 78-jährige hat ein eigenes Museum in seinem Haus in Griesheim. Sein Interesse gilt seiner Heimatstadt. „Andere sammeln Gartenzwerge, Bierkrüge oder Nachttöpfe. Das wäre mir zu langweilig. Da ist die Frankfurter Geschichte abwechslungsreicher.“ Seit 40 Jahren kauft er Historisches, das mit der Mainmetropole zu tun hat. Hunderte von „Frankfurtensien“ sind in seinem Einfamilienhaus zu finden. „Jeder Raum ist infiziert“, sagt er. Und das ist nicht übertrieben.

Im und um das gesamte Gebäude sind Teller, Tassen, Krüge, Dosen, Flakons, Möbel, Uhren, Schreibmaschinen, Medaillen, Souvenirs, Bücher, Kisten, Dosen und Kunstwerke mit Bezug zu Frankfurt zu finden. In der Garage hängen alte Schilder, etwa von der ehemaligen Frankfurter Löwenbräu an der Sachsenhäuser Warte. Oder vom Frankfurter General Anzeiger, der bis 1943 erschienen ist. Im Wintergarten steht ein Bollerofen mit dem Bild des Römers, im Bad neben der Toilette befindet sich eine Vase von 1948, die an das 100. Jubiläum der Frankfurter Nationalversammlung erinnert. „Davon habe ich drei Stück“, sagt Stritt.

Bolleröfen mit Frankfurter Motiv hat Stritt gleich zwei.

Keine Stelle, wo nichts Historisches steht: „Wir können gerade noch dazwischen leben.“ Im Schlafzimmer lehnt ein Frauenporträt am Bett, ein Schrank lässt sich nur öffnen, wenn man ein Bildchen von den Griffen nimmt. Selbst am Ecktisch in der Küche ist alles vollgestellt: Stritt und seine Frau Roswitha essen auf zwei Hockern an der Arbeitsfläche. „Und eigentlich habe ich noch viel mehr“, sagt der 78-Jährige. Doch da vieles bereits in dritter Reihe steht, bleibt etliches in Kisten und Schränken. Dem Sammler ist klar, dass er ein eigenes Museum füllen könnte.

Eine thematische Ordnung gibt es in seiner Privatsammlung nicht. Er habe seine Stücke so aufgestellt, „wie’s mir gefällt“. Hier eine Dose für Kautabak von Franz Bolongaro, dort der Tauf-Löffel von Oberbürgermeister Walter Kolb; und überall Skulpturen der „Ariadne auf dem Panther“, dessen Original im Liebieghaus steht: „Das war im 19. Jahrhundert eine Art Fanartikel.“

Andere schließen ihre Stücke weg, Stritt ist es wichtig, dass er sie anschauen kann. Eine Adler-Schreibmaschine von 1907 etwa, die er für eine Ausstellung „Industrie in Frankfurt“ ans Stadtarchiv ausgeliehen hat, steht auf einem kleinen Tischchen. „Eigentlich müsste ich die einpacken, damit sie nicht verstaubt.“ Das Originalkistchen, in dem die Maschine samt Ölkännchen und Putzbürste verstaut war, habe er noch, „aber ich will es sehen“.

Der Stadtteilhistoriker Rudolf Wagner hat sich mit dem Dombrand beschäftigt und darüber das Buch „Von der Bernemer Lisbeth-Verbrennung zum Dombrand in Frankfurt 1867“ geschrieben. Für seine Recherche hat er auch mit Wolfgang Stritt über die Bierbrauerei Joseph Müller gesprochen.

Zum Bernemer Babbelabend am Donnerstag, 31. Oktober, 19.30 Uhr, sind Wagner und Stritt zu Gast beim Bürgerverein und Förderkreis historisches Bornheim. Beginn ist um 19.30 Uhr im Gemeindesaal der St. Josefsgemeinde, Berger Straße 135. bos

Es ist nicht das einzige Stück, das als Leihgabe im Museum gelandet ist. Immer wieder bekomme er Anfragen, hat Kontakt zum Stadtarchiv. Interesse an einer Struwwelpeter-Uhr etwa hatte das Museum, das jetzt in die Neue Altstadt gezogen ist. Doch Stritt verkauft seine Frankfurtensien nicht, „das kann ich nicht“.

Die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg interessiere ihn, „alles andere hat nicht mehr so viel Charme“. Nur besondere Stücke aus der jüngeren Vergangenheit schaffen es in seine Sammlung. Etwa ein Kachelbild der Altstadt aus dem Jahr 1947. Es soll dem „Altstadtvater“ Fred Lübbecke gehört haben, der sich dafür eingesetzt hatte, den mittelalterlichen Stadtkern vor großflächigen Sanierungen zu retten.

Sobald Stritt auf einen Gegenstand angesprochen wird, fängt er an zu erzählen. „Ich habe die Geschichte zu jedem Stück im Kopf, das hat sich eingebrannt“, sagt er. „Was ich gestern gegessen habe, weiß ich dagegen nicht mehr.“ Stritt kennt die Anekdote zur bronzenen Maske Goethes, die an einer Heizung lehnt – ein Abdruck, den der Hirnforscher Franz Joseph Gall 1807 vom Dichterfürst hat nehmen lassen. Oder zum gasbetriebenen Spielzeugofen, der aus der Frankfurter Familie Textor stamme. Und zum Gemälde des Künstlers Wilhelm Steinhausen, das den Sohn des Malers namens August im Garten zeigt, dessen Pate der Maler Hans Thoma war.

Seit seiner Kindheit hat sich Stritt für die Geschichte Frankfurts interessiert. Als Zwölfjähriger sei er über die Trümmerberge in der Altstadt geklettert, um diese zu erkunden. Im Laufe der Zeit habe er viel Wissen angehäuft. So viel, dass sich sein Lehrer in der Fürstenberger Mittelschule im Sozialkundeunterricht auf seinen Platz setzte und sagte: „Mach‘ Du mal den Unterricht!“ Im Nachhinein bedauert er es, dass er sich nicht beruflich mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Stattdessen arbeitete er in einer Versicherung.

In seiner Freizeit lief er Flohmärkte ab, ging auf Auktionen und zu Kunsthändlern. „Ich muss es finden, entdecken und die Geschichte dazu klären.“ Einfach mal im Internet schauen ist nichts für ihn: „Das ist mir zuwider. Das ist wie in einem Kaufhauskatalog blättern.“ Stritts größtes Leidwesen ist, „dass ich nicht mehr Geld und Platz für meine Sammlung habe“. Denn seine Frau Roswitha, mit der er seit 1969 verheiratet ist, toleriert sein Hobby.

Zu jedem Stück kann der Sammler eine Geschichte erzählen. 

Wieso er sammelt? „Vielleicht liegt es an meiner Familie.“ Diese ist schon seit Jahrhunderten mit der Stadt am Main verbunden. Stritt hat zu seinen Ahnen geforscht. Seinen Recherchen zufolge erlangte sein Ururgroßvater Johannes August Stritt 1837 die Frankfurter Bürgerrechte. Als Buchdrucker habe dieser in Mainz gelernt. Nach seiner Ausbildung habe er eine kleine Druckerei gesucht. In Frankfurt sei er fündig geworden, und wollte Frankfurter werden. Da die Stadt damals davon ausgegangen sei, dass Buchdrucker und Schreiber dazu neigten, revolutionäre Gedanken zu verbreiten, habe sie seinen Wunsch dreimal abgelehnt. Erst als er die Frankfurterin Margarethe Maria Amalia Müller heiratete, hätten sie ihm die Rechte nicht mehr verweigern können.

Wolfgang Stritts Ururgroßmutter hatte eine besonderes Beziehung zur Stadt. Sie stammte aus der Brauerei-Familie Joseph Müller, die in der Fahrgasse ihren Sitz hatte – und wo 1867 ein Feuer ausbrach, das zum dramatischen Dombrand führte. Die von Johannes August Stritt gegründete Druckerei wurde von der Familie über mehrere Generationen weitergeführt. In den 1960er Jahren wurde sie von der Societäts-Druckerei übernommen. Wolfgang Stritt hat davon nicht profitiert. Sein Urgroßvater habe sich auszahlen lassen.

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