Ingrid König war Rektorin der Berthold-Otto-Schule.

Ingrid König

Schule am Abgrund

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Die Rektorin der Berthold-Otto-Schule, Ingrid König, ist als streitbare Pädagogin und Mahnerin bekannt. Jetzt hat sich die 65-Jährige in den Ruhestand verabschiedet - nicht ohne eine Streitschrift zu hinterlassen.

Ingrid König hat sich nochmal alles von der Brust geschrieben. Die Leiterin der Berthold-Otto-Schule ist in den Ruhestand gegangen. Aber nicht ohne ein Ausrufezeichen zu hinterlassen. Als streitbare Pädagogin und Mahnerin ist sie bekannt. Sie hat sogar bei Angela Merkel von den Nöten der Schulleiter berichtet. Und von gescheiterter Integration. „Das wollen viele nicht hören“, sagt König. Die Kanzlerin habe aber zu verstehen gegeben, dass man Dinge nur verbessern könne, wenn man die Probleme kenne.

Dazu trägt König gerne bei. Sie hat ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: Schule vor dem Kollaps. Eine Abrechnung soll das nicht sein, versichert die 65-Jährige. Eher eine Streitschrift zu Ermunterung. „Wir haben die Größe der Aufgabe noch nicht erkannt“, schreibt sie im Vorwort. Schule soll den Kindern einen erfolgreichen Weg ins Leben ermöglichen und dazu noch die Basis legen für gelingende Integration. Beides sei aktuell nicht zu leisten, sagt König.

„Die Kinder sind nicht mehr vorbereitet.“ Sie können sich nicht konzentrieren, eine ihrem Alter angemessene Zeit lang still sitzen, sie sind nicht neugierig. Eltern schieben die Verantwortung auf die Schule ab. Das gelte für die Kinder aus bildungsfernen Schichten, aber auch für die anderen. Manche Eltern schaffen es schlicht nicht mehr, müssen zwei Jobs arbeiten, brauchen Hilfe.

30 Jahre hat König an der Berthold-Otto-Schule gewirkt. Sie nennt sie eine „Brennpunktschule“. „Wir müssen teils schauen, dass die Kinder versorgt sind mit Essen und angemessener Kleidung.“ Das korrespondiert mit dem baulichen Zustand der Einrichtung: desolat. Brandschutzauflagen von 2009 seien bis heute nicht umgesetzt. „Vielleicht gibt es einen Plan, nach dem eine neue Schule entsteht. Aber den kenne ich nicht.“

Und das ist der wohl schwerste Vorwurf Königs: der Mangel an Kommunikation. Nicht nur ihrer Brennpunktschule gegenüber. Sie beruft sich auf ihre Zeit als Vorsitzende des Interessenverbands Frankfurter Schulleiter. Die Probleme seien überall ähnlich. Die Schulleiter fühlen sich im Stich gelassen. Sie wünschen sich Schulämter, die zu erreichen sind. Die auf Mails reagieren. „Wir möchten im Vorfeld in wichtige Entscheidungen eingebunden sein oder wenigstens mal dazu gehört werden.“

Auf Bildungsreisen im Ausland hat König vor allem die Erfahrung gemacht, dass es dort mehr Austausch gibt. Kommunen fragen ihre Bildungseinrichtungen: Wo können wir unterstützen, was können wir tun?

Die Antwort darauf wäre allerdings recht lang. Bauliche Änderungen sind nötig. Die Kinder benötigen mehr als Klassenzimmer, findet König: Platz zum Toben, Ruheräume, naturwissenschaftliche Räume, bei denen man nicht alles immer wegräumen muss. Medienräume, eine Kantine die ihretwegen sich Platz mit der Aula teilen könnte, Spielgeräte auf dem Hof. Schule braucht auch mehr Personal „in allen Bereichen“. Lehrer, Erzieher, technische Assistenten, Verwaltungskräfte. Viel zu viele bürokratische Aufgaben müsse sie erfüllen, klagt König. Die Pädagogik komme dabei zu kurz. Genauso verhält es sich beim Thema Integration. Sie sei sich gar nicht mehr sicher, ob die Gesellschaft Migranten überhaupt integrieren möchte. „Es scheint manchmal so, als wäre man froh, wenn Migranten sich in Parallelgesellschaften bewegen. Dann muss man sich ja nicht bemühen.“ Integration sei nur möglich, wenn man sich angenommen fühle, zu Hause.

Wünschenswert wären in diesem Zusammenhang verbindliche Vorgaben für die Schule. Doch: „Die Politik hält sich da weitestgehend raus.“ Etwa wenn es um die Frage gehe, ob ein Mädchen an der Grundschule ein Kopftuch tragen müsse. „Warum muss ich das mit den Eltern ausdiskutieren?“, ärgert sich König. Sie findet nicht, dass ein Kopftuch nötig ist. Im Klassenraum ist es zu warm, im Sportunterricht gefährlich. Außerdem müsse eigentlich jedes Kind in der Bundesrepublik so erzogen werden, dass es irgendwann selbst eine Entscheidung über seine Kopfbedeckung treffen könne.

Schule vor dem Kollaps.Eine Schulleiterin über Integration, die Schattenseiten der Migration und was getan werden muss. Ingrid König mit Matthias Bischoff. Penguin Verlag.

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