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Christina Volmari macht Mode und Accessoires aus Handtüchern.

„Neufundland“

Zu schade zum Wegwerfen

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Beim Upcycling-Festival in Frankfurt-Griesheim gibt es Taschen aus alten Jeans, Küchentücher aus alten Bettlaken und Rucksäcke aus T-Shirts.

Ausgesprochen bequem sitzen die Bieter am Samstag bei der Versteigerung im „Neufundland“. Beim „Upcycling-Festival“ des Gebrauchtwarenkaufhauses im Griesheimer Industriegebiet steht vor einer kleinen Bühne ein Sammelsurium an Sofas, auf denen sich die Besucher fläzen. Vorne preist ein Auktionator unterschiedlichste Artikel aus zweiter Hand an, von einem stattlichen Flachbildfernseher über ein Snowboard, Dreirad, Schlitten, Kochtöpfe bis zu einem Wecker kommt so einiges unter den Hammer. „Der wunderschöne Lichtwecker wurde natürlich hier im Haus geprüft“, sagt der Auktionator, „Startpreis ist sechs Euro“.

Zum vierten Mal findet das „Anziehend – Festival für Upcycling-Fashion und -trends“, wie es vollständig heißt, statt, bei dem es auch eine Modenschau gibt. Es gehört zum Programm der „Europäischen Woche der Abfallvermeidung“. Schirmherrin und Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) empfiehlt den Verbrauchern, bei der Gelegenheit gleich noch eine „plastikfreie Woche“ einzulegen. Mit dem Frankfurter Leitungswasser „aus dem Vogelsberg und aus dem Ried“ könne man beispielsweise auf Plastikflaschen verzichten und sich das Wasser in einer Glasflasche abzapfen. Außerdem hat sie einen wiederverwendbaren Kaffeebecher mitgebracht, der die Einwegvariante ersetzen soll.

Einen Stoffbeutel, aus einem alten Hemd genäht, hat sich Heilig bei Enrico und Stefan Fey gekauft. Das Ehepaar fertigt Taschen hauptsächlich aus alten Jeans, aber auch aus anderen Textilien, an. „Es wird zu viel zu schnell weggeworfen“, sagt Enrico Fey. Der 46-Jährige wolle „gerade die jüngere Generation zum Umdenken“ animieren, auf Wiederverwertung zu achten. Die alten Hosen bekommen die Schwanheimer aus dem Freundeskreis gespendet. „Keiner unserer Freunde schmeißt mehr Jeans weg“, sagt Stefan Fey. Doppelt vernäht hätten die Kunden „jahrelang Freude“ an den Taschen. Die Beutel aus Hemdenstoff für drei Euro pro Stück könnten als Alternative für Geschenkpapier dienen, empfiehlt der 58-Jährige. „Wir wollen die Leute wegholen von Plastikbeuteln“, sagt er. Das versucht Petra Kieltsch an einem Stand einige Meter weiter mit Küchentüchern, die sie aus ausgedienten Bettlaken anfertigt. „Zum Mitnehmen kann man darin Käse oder das Butterbrot einwickeln“, erläutert Kieltsch.

Für eine antiseptische Wirkung behandelt die 52-Jährige die klein geschnittenen Betttücher mit Kokosöl, Bienenwachs und -harz. Daneben schneidert die Sozialpädagogin aus Altkleidern Rucksäcke. Die Grundstoffe können ein Frotteehandtuch sein, ein Kimono, T-Shirts, Pullis oder Arbeitshosen. „Das einzige Einheitliche sind die Reißverschlüsse“, sagt Kieltsch, die diese Tätigkeiten als Ausgleich zu ihrer Erwerbsarbeit begonnen hat. Außerdem will sie einen Beitrag dazu leisten, „Müll wiederzuverwerten“.

Ted Driesch und Kitima Fritz sitzen auf einem der Sofas mit Preisschildern. Das Paar aus Niederrad hat den passenden Zweisitzer zu Hause. Nun überlegen sie, ob sie sich auch die Dreisitzercouch kaufen sollen. Fehlender Platz sei nicht das Problem, sagt er: „Wir spenden Neufundland im Gegenzug einfach die zwei Sessel, die jetzt noch an der Stelle stehen.“

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