_20190515pj094_79237_280720
+
Der Main mit der Griesheimer Staustufe von oben. Auf der rechten Seite ist der Jachthafen an der Griesheimer Uferpromenade zu sehen.

Griesheim

Griesheim ist ein Stadtteil mit Gegensätzen

  • George Grodensky
    vonGeorge Grodensky
    schließen

Sabine Naini schwärmt für ihr Griesheim, auch wenn sie es keineswegs idyllisch findet. Sie ärgert sich, wenn ihr Stadtteil falsch dargestellt wird, dass es dort nur schlechte Nachrichten gäbe.

Der Ausblick ist atemberaubend, vor allem, wenn man nicht schwindelfrei ist. Der Fußweg über die Griesheimer Staustufe besteht zum Teil aus durchsichtigen Eisengittern. Ein Erlebnis. Vor uns die Skyline von Niederrad, hinter uns Schwanheims Kirchturm Sankt Mauritius, über uns der weite Himmel und unter uns der reißende Fluss.

Naja, reizend trifft es eher. Die Sonne glitzert auf dem Wasser, der Wind pustet kleine Wellen in Richtung Bootsschleuse. Ein entspannter Ausflug – mit angespannter Vorgeschichte. Sabine Naini hat sich geärgert. Über ihre FR, die sie liest, seit sie „ein junges Mädchen ist“. Einmal zu oft hat die Zeitung ihren Stadtteil falsch dargestellt. Hat geschrieben, dass es dort nur schlechte Nachrichten gäbe. Naini kann es nicht mehr hören.

Nicht, dass Griesheim ein Paradies wäre, das nicht. Aber gute Nachrichten gebe es sehr wohl. Engagierte Bürger, aktive Vereine, schöne Ecken zu entdecken. Manch einer aus Harheim fahre gerne nach Griesheim, um sich ein Eis zu holen und zur Staustufe zu flanieren, sagt sie. Darum also der gemeinsame Spaziergang.

Dabei ist Sabine Naini keine, die sich in den Vordergrund drängen würde. Ein Foto von sich möchte sie schon gar nicht in der Zeitung sehen. Aber ein bisschen vorstellen müssen wir die Dame schon. „Überzeugte Frankfurterin“ ist sie. Und eben verwurzelte Griesheimerin. Schon ihre Mama hat ums Platzen nicht aus dem Stadtteil fortziehen wollen. Einmal hat der Vater versucht, sie zu überreden. Da waren beide gerade in den Ruhestand gegangen. „Jetzt können wir doch in den Taunus ziehen, in die Natur“, hat er vorgeschlagen. Ihre Antwort: „Ich bin doch kein Reh!“ Er könne ja gehen, sie bleibe.

Naini lacht. Sie selbst hat es nach ihrer Jugend immerhin in den Vordertaunus geschafft. 23 Jahre hat sie in Kelkheim gewohnt. Schön ist es da. Doch: „Ich lebe lieber hier.“ Seit 1996 ist sie zurück. Das südliche Griesheim findet sie „bürgerlich, aber gut durchmischt“. Menschen aus allen möglichen Ländern leben einträchtig zusammen.

Naini blickt die Stroofstraße hinab. Links die alten Villen, rechts der Industriepark. „Eine tolle Kulisse“, schwärmt sie. Allerdings liegen auch Scherben einer Bierflasche auf dem Trottoir. Ein Leitmotiv des Spaziergangs. So schön Griesheim auch ist, idyllisch ist es nicht. „Es ist urban. Die Gegensätze machen die Reiz aus“, findet Naini.

Kaum lustwandelt man entspannt an der schönen Uferpromenade und macht Notizen, kommt eine Nachbarin hervor, die sich über Raser beschwert. Denen gefällt die Promenade auch. Um mit ihren dicken Autos anzugeben. Tatsächlich, just in diesem Augenblick rauscht ein SUV-Ungetüm mit weit mehr als Schrittgeschwindigkeit heran. Dabei ist die Straße ein verkehrsberuhigter Bereich, eine sogenannte Spielstraße. Ein seltsames Spiel: Die Fußgänger springen zur Seite, der Motorist machte eine abfällige Geste.

Sabine Naini fährt lieber Rad. Bis zur Hauptwache brauche sie nur 40 Minuten. Oder sie läuft. Etwaüber das kürzlich neu gestaltete Schwanheimer Mainufer zum Naturschutzgebiet Schwanheimer Düne, hin zur letzten Mainfähre der Stadt. Dort setzt sie über zum historischen Höchster Schlossplatz und trinkt dort einen Apfelwein.

Ihre Mama ist immer mit der S-Bahn in die Frankfurter Innenstadt gereist, zum Friseur auf der Freßgass, ins Café, zum Kaufhof. „Das hat sie mobil gehalten“, sagt Naini. Bis vier Monate vor ihrem Tod habe sie das praktiziert. 91 Jahre alt ist sie geworden.

Ausgehen könne man nicht so gut in Griesheim, sinniert Naini daraufhin nachdenklich. Dafür müsse man den Stadtteil stets verlassen. Früher ist das anders gewesen. Da war der Stadtteil ein beliebtes Ausflugsziel. Unzählige Gaststätten hat es gegeben, ganze Ballsäle. Die Frankfurter reisten mit der Kutsche an. Burschenschaften feierten. Ab 1856 ist Griesheim allerdings eher für sein Chemiewerk bekannt, das ältere der zwei Werke im Westen. In Höchst begann die Produktion erst 1863.

Sabine Naini hat die Industrie in ihrem Ort nie gestört, zumindest nicht bewusst. Klar erinnere sie sich an Schultage, an denen die Kinder wegen des Gestanks in Höchst wieder heimgeschickt wurden. Insgesamt seien die Griesheimer aber gewöhnt ans Werk. Jetzt, wo keine Chemie mehr am Standort aktiv ist, wäre auf dem Areal vielleicht eine andere Entwicklung möglich. „Allerdings ist der Boden kontaminiert“, schränkt Naini ein.

Gleichwohl hat ihr Mann bereits mit anderen Griesheimern eine Liste an Wünschenswertem erstellt: Ausbildungsstätten für technische Berufe könnten entstehen, Begegnungsstätten für Alt und Jung, Gastronomie, Künstlerateliers, Studentenappartements, Loft-Wohnungen. Eine Drogerie wär auch ganz gut, findet Sabine Naini. Und kreative Geschäftsideen aus der Nische. Die würden passen zu einem oft verkannten und eigentlich doch ganz schönen Stadtteil.

Mehr zum Thema

Kommentare