Griesheim

Griesheim: Abstand halten ist nicht möglich

  • George Grodensky
    vonGeorge Grodensky
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Der Hessische Rundfunk berichtet über überfüllte Unterkünfte für Wanderarbeiter. Weil die Räume als private Wohnung gelten, sieht die Stadt keine Handhabe, etwas zu ändern.

Wenn es der Frankfurter Stadtteil Griesheim ins Fernsehen schafft, steckt meistens keine gute Nachricht dahinter. Am Montag hat das HR-Magazin Defacto über das Wohnheim an der Erzbergerstraße berichtet: Die Wanderarbeiter sind dort zu dicht beieinander untergebracht. Corona-Abstände lassen sich kaum einhalten. Zwei bis vier Menschen teilen sich ein Zimmer, Waschräume und Küche nutzen bis zu zehn Personen. Filmen darf das Fernsehteam das nicht, selbst vor dem Gelände bekommt es Ärger mit dem Hausmeister. Ein allzu gesprächiger Arbeiter verliert vor laufender Kamera seinen Job.

Neu sind die Vorwürfe nicht. Seit Jahren sind die Zustände in der auf bis zu 1200 Bewohner angelegten Einrichtung eines privaten Betreibers ein Thema; die FAZ hat die Unterkunft 2015 als „Neandertal“ tituliert, der Ortsbeirat 6 hat sich schon 2007 mit den Problemen dort befasst. Durch die Corona-Pandemie gewinnt das Thema allerdings an Schärfe.

So hat die SPD-Stadtverordnete Birgit Puttendörfer bereits Anfang Juni den Magistrat gefragt, ob die Stadt die Arbeiterunterkünfte bezüglich des Corona-Risikos auf ihren Zustand und die Einhaltung der Abstandsregelung hin überprüft und eventuelle Missstände beseitigt habe. Die Antwort: Die Unterkünfte seien als private Wohnungen angemeldet, da fehle dem Gesundheitsamt die Handhabe. Derzeit arbeiteten Gesundheits- und Planungsdezernat an einer „gemeinsamen Vorgehensweise“ für solche Fälle. Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) spricht im Fernsehen von einem „Wohnungsskandal“.

Die Arbeitgeber seien in der Pflicht, ihre Leute besser unterzubringen. Die wüssten allerdings oft nicht von den Zuständen oder gäben das zumindest vor, erklärt Natalia Maier von der Beratungsstelle Faire Mobilität, die sich um das Wohl von Wanderarbeitern kümmert. Subunternehmen übernehmen die Unterbringung.

„Wir arbeiten daran, die Strukturen zu verbessern“, sagt Maier. „Viele Jahre schon“, schiebt sie traurig nach. Die Anforderungen an Unterkünfte, die als geeignet gelten, müssten sich ändern. Arbeiter müssten öfter vor Gericht ziehen, findet sie, nur das habe Aussicht auf Erfolg. „Aber man kommt schwer an sie ran.“ Die Wohnheimbewohner hätten Angst, ihren Job zu verlieren, denn damit wäre auch die Wohnung futsch. Diese „doppelte Abhängigkeit“ sei fatal. Einstweilen bleibe nur, Öffentlichkeit herzustellen, zu „zeigen, wie die Realität“ ist. Damit mancher Arbeitgeber im Bau- oder Gebäudereinigungsgewerbe womöglich doch nachdenklich wird.

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