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Stadtführer Sascha Mahl stammt aus Westfalen. Mittlerweile fühlt er sich in Griesheim zu Hause.

Historie

"Griesheim ist ein echter Geheimtipp"

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Sascha Mahl bringt bei seinen Rundgängen den Teilnhemern die Historie des Stadtteils Griesheim näher. Dieser sei ein "echter Geheimtipp".

Wenn Sascha Mahl durch das alte Griesheim zwischen Bahngleisen und Main-Promenade führt, möchte er Heimatgefühle wecken und eine Wertschätzung für das westliche Quartier vermitteln.

„Griesheim ist ein echter Geheimtipp“, sagt der 42-Jährige, der hauptberuflich als Personalreferent arbeitet und Rezeptionisten schult. Nebenberuflich bietet er seit knapp einem Jahr Stadtteilführungen zur wechselvollen 1200-jährigen Geschichte Griesheims vom Bauerndorf zum Industriestandort an.

Das Quartier, das 1928 eingemeindet wurde, sei damit nur wenige Jahre jünger als die Kernstadt. Der Namensteil „Gries“ rühre von einer Art Sand her, der vom Main, ähnlich wie in der Schwanheimer Düne, an Land geweht worden sei. Auf einer Zeichnung mit dem Grundriss des Ortes aus dem 16. Jahrhundert, die Mahl während seiner Führungen zeigt, ist an einer Stelle „Uff dem Sande“ notiert worden.

Den elegant gekleideten Mann hat es vor sieben Jahren in den südlichen Teil des Quartiers gezogen, als er auf der Suche nach einer erschwinglichen Altbauwohnung mit hohen Decken und Nähe zum Wasser gewesen war. In der Straße Am Brennhaus fand er sie.

So führt Mahl auch in den Hinterhof seines eigenen Heims, das 1902 gebaut worden ist. Dort steht der gemauerte Schornstein einer ehemaligen Bäckerei. Teile der Backstube sind noch erhalten. Pflanzen wachsen an dem alten Gebäude hinauf. Mahl will so zeigen, wie der Einzelhandel in der Gründerzeit in diesem Teil Griesheims florierte. Neben der Bäckerei existierten auch eine Metzgerei und ein Kolonialwarenladen um die Ecke.

Das erste Buch über die Historie des Stadtteils hat Mahl sofort nach seinem Umzug verschlungen und seitdem viele Stunden mit Recherchen verbracht. Dabei ist er in der Straße Alt-Griesheim auf Teile der „Judenmauer“ aus der Zeit um 1750 gestoßen. Frankfurter Juden, die damals in dem Ghetto Judengasse in der Innenstadt wohnen mussten, hätten sich in Griesheim einen Garten hinter der Mauer aus behauenem Sandstein angelegt. „Als jüdische Bürger durften sie öffentliche Parks nicht nutzen“, erklärt Mahl. „Das wissen die meisten nicht und sind erstaunt“, ergänzt der Stadtführer. In zwei Archiven, darunter eines in Marburg, habe er Belege dazu gesammelt.

Sehr hilfreich sei beim Forschen der Griesheimer Geschichtsverein gewesen, in dem er seit einem Jahr Mitglied ist und dessen Archiv er komplett durchforstet hat. Der gebürtige Westfale, der mit 20 Jahren nach Hessen gekommen ist, hat bereits in Frankfurt und im Taunus historische Führungen angeboten.

Seine Liebe für Vergangenes habe die Uroma in ihm geweckt, die 98 Jahre alt geworden ist und in seinen Kindertagen vom Kaiserreich und der NS-Zeit erzählt habe. Durch den Geschichtsverein hat Mahl ältere Bewohner als Zeitzeugen auch in Griesheim getroffen, die ihm aus ihrem langen Leben berichteten. Dem Hobby-Historiker ist wichtig, dass er seine Führungen mit Anekdoten und Erzählungen füllt und seine Zuhörer nicht stumpf mit Jahreszahlen bombardiert. Dazu zeigt er Teilnehmern schon mal alte Schwarz-Weiß-Fotografien und fragt, an welcher Stelle diese aufgenommen worden sind.

Schwerpunkte seiner Spaziergänge, die am Bahnhof beginnen und im ehemaligen Schreibwaren- und heutigen Designgeschäft Emrich enden, ist die Zeit rund um die Industrialisierung im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Von 1895 bis 1905 sei die Einwohnerzahl von 5000 auf das Doppelte gewachsen.

„In der Vergangenheit wurden hier großartige Dinge erfunden“, berichtet Mahl. Er nennt als Beispiel „chemische Errungenschaften“, wie die Erfindung des PVC-Bodens. Durch den Blick zurück möchte er vergangene Zeiten würdigen, um so die Verbundenheit zum Stadtteil im Hier und Jetzt zu fördern. „Für ein Zuhause-Gefühl“, wie er sagt. Das hat sich bei ihm schon entwickelt.

Wenn er allein oder mit Gruppen seiner Stadtteilführungen durch Alt-Griesheim laufe, würden öfter Fenster geöffnet, um ihn und seine Begleiter zu begrüßen.

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